Die ganze Welt sprach über das Drama des flydubai-Fluges mitten in der Luft: die Messerattacke, der Sturzflug, der israelische Klempner, der den Angreifer überwältigte, sich an die Szene aus der TV-Sendung »Air Crash Investigation« erinnerte, die Steuerung übernahm und den Absturz des Flugzeugs verhinderte. Alle waren beeindruckt, aber wir Israelis in Israel zuckten nur mit den Schultern: ein ganz normaler Dienstag.
Trotz des Grauens der vergangenen drei Jahre, trotz der Tatsache, dass ich mich seitdem in der Öffentlichkeit nicht mehr als Jude und Israeli zu erkennen gebe, und trotz des starken Anstiegs antisemitischer Straftaten und antijüdischer Ressentiments empfinde ich oft Mitleid mit den Deutschen – ebenjener Nation, die diese antisemitischen Ausschreitungen stillschweigend duldet. Trotz ihrer übertriebenen Israel-Besessenheit verstehen die Deutschen es einfach nicht. Und trotz dieser Besessenheit weigern sie sich, es zu verstehen.
Mit »es« meine ich den Unterschied zwischen der jüdischen Diaspora und den neuen Juden, den Israelis. Das ist, als würde man ein altes Nokia-Handy mit dem neuesten iPhone bedienen wollen. Beides sind Telefone, aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon.
Ich erinnere mich, dass ich diese Gedanken über die Deutschen vor rund 18 Monaten zu entwickeln begann. Damals führte die deutsche Regierung unter anderem das neue Wehrpflichtgesetz ein, um Deutschland zur stärksten Armee des Kontinents zu machen. Unmittelbar danach demonstrierten Hunderte deutscher Studenten in Dutzenden Städten und erklärten, sie lebten lieber unter Besatzung, als in die Armee einzutreten. Angesichts der drohenden Gefahr aus dem Osten (ganz zu schweigen vom andauernden hybriden Krieg) empfand ich diese Proteste und ihre Inhalte als zutiefst erschütternd.
Die deutsche Gesellschaft hat ein bestimmtes Bild vom Juden: Er soll den Schlag einstecken.
Zur gleichen Zeit opferten junge Israelis seit 18 Monaten ihr Leben, ihre Familien, Freunde, ihre Zeit und ihre Arbeit, um ihre Demokratie, ihre Werte und ihre Lebensweise als Israelis und Juden zu schützen und zu bewahren.
Die deutsche Gesellschaft hat ein bestimmtes Bild vom Juden: Er soll einen Schlag einstecken, weinend nach Hause rennen, sich selbst bemitleiden, sich die Schuld geben, depressiv werden und dann eine Kolumne oder ein Buch darüber schreiben. Sie kennen in ihrem Bild nicht den anderen, den neuen Juden, den Israeli, der nach dem Schlag wieder aufsteht und dann doppelt so hart zurückschlägt.
Es ist seltsam, das zu sehen – wieder wegen der zwanghaften Israel-Besessenheit der Deutschen, aber auch, weil sie es waren, die uns diese »Lektion« aufgezwungen haben.
Die Deutschen haben uns nämlich gezwungen, uns neu zu erfinden, weg vom belesenen, stets hypochondrischen, ängstlichen Minderheitsjuden, der als Minderheit immer auf den Schutz anderer angewiesen ist, hin zu einem selbstbewussten, kraftvollen, sich selbst verteidigenden Mehrheitsjuden.
Die Deutschen hatten fast 80 Jahre Zeit, dieses neue Judenbild zu begreifen, und sie verstehen es immer noch nicht. Das Problem ist meiner Ansicht nach, dass die Deutschen den Juden immer noch so akzeptieren und feiern wollen, wie sie ihn darstellen. Sie wollen den anderen, den alten Juden, den hilflosen, gehorsamen Juden. Sie wollen die Juden, wie sie vor 100 Jahren in Deutschland waren: gebildet, säkular, liberal und linksgerichtet, aschkenasische Juden. Sie wollen Juden wie die 140 »brauchbaren« Israelis und Juden, die eine Petition zugunsten der Linken unterzeichnet haben.
Alle waren beeindruckt, aber wir Israelis zuckten nur mit den Schultern: ein ganz normaler Dienstag.
Die Deutschen wollen, dass dieselben Israelis und Juden in den deutschen Medien über Israel sprechen und es erklären. Sie ignorieren völlig die anderen, die Mehrheit der Israelis, die orientalischen (die ihnen viel besser die arabischen Länder der Region näherbringen könnten), die Gläubigen, die Traditionalisten (diejenigen, die am Schabbat in die Synagoge gehen und danach mit dem Auto an den Strand fahren), die vielen schönen und komplexen Schichten der israelischen Gesellschaft. Wenn man sie nicht versteht, versteht man Israel nicht, egal, wie sehr man sich dafür interessierst.
Normalerweise wäre es Aufgabe der Medien, die Komplexität und Vielschichtigkeit der israelischen Gesellschaft den Deutschen, die sich für den Nahostkonflikt interessieren und sich eine Meinung dazu bilden wollen, verständlich zu machen. Doch das ist vergebens. Die Berichterstattung deutscher Medien über Israel und Israelis ist Teil einer politischen Aktion (die zu schrecklicher Hetze und zunehmender Gewalt gegen Juden in Deutschland führt) und keine faire und ausgewogene Berichterstattung.
Würden die Medien ihrer Aufgabe gerecht werden, würden mir diese Studenten, die ich bei den Protesten treffe – dieselben, die »Befreit Palästina von der deutschen Schuld« skandierten –, nicht raten, dass meine Eltern, wie alle anderen Juden, in ihr Herkunftsland zurückkehren sollten. Sie wussten nicht, dass meine Eltern aus dem Iran stammen und wir nirgendwohin zurückkehren können. Aber ich mache ihnen keinen Vorwurf, woher sollten es diese dummen deutschen gut-bürgerlichen Kinder auch wissen?
Deutsche Journalisten sind es gewohnt, nach Israel zu reisen, die Freiheiten und Vorzüge der lebendigen und liberalen israelischen Demokratie zu genießen und anschließend Israel in ihren Artikeln zu verunglimpfen, ohne sich um eine ausgewogene Berichterstattung zu bemühen.
Die Asche auf den Teppich schnippen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen
Stellen Sie sich einmal vor, Sie seien in das Haus eines Juden eingeladen worden, säßen in seinem Wohnzimmer, tränken Kaffee und äßen Kuchen, während Sie Ihre schmutzigen Füße auf dem Sofa ausbreiteten und die Asche Ihrer Zigarette auf den Teppich schnippten, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.
Wenn die Journalisten und »Nahostexperten« gedanklich nicht so faul und anti-jüdisch voreingenommen wären, würden sie den Unterschied, den ich hier beschrieben habe, vielleicht verstehen. Sie würden wissen, dass ein Israeli sie irgendwann mit seiner ihm eigenen, direkt-ehrlichen Unhöflichkeit aus seinem Haus werfen und sie nicht wieder willkommen heißen würde.
Der Autor ist Deutschland-Korrespondent der israelischen Tageszeitung »Yedioth Ahronoth« und lebt in Berlin.