Kolumne

Von der Kreuzigung zu Flydubai

Life of Brian 1979 Foto: IMAGO/Capital Pictures

»Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens«: Friedrich Schiller ist seit 225 Jahren topaktuell. Zum Beispiel neulich mittags im Asia-Restaurant einer gutbürgerlichen Gegend in Berlin-Schöneberg. Da erklärt der Mann, Mitte 60, seiner Frau die Welt. So weit nichts Neues. Die charakterfreie Tofusuppe ist weitaus interessanter.

Bis der Berliner im selbstgewissen Schnodderton dieser Stadt seine neueste Weisheit präsentiert: »Dit mit dieser Flugzeuchentführung da mit Dubaifly, dit war von die Israelis inszeniert. Da jibts den Regisseur, der hat dit allet für verwackelte Videosequenzen so arrangiert mit Schauspieler. Im Studio, Kamera, Ketchup für dit Blut vom Piloten. Und der hat sich total uffjerecht, weil da ham se vajessen, im Sturzflug die Sauerstoffmasken runterzulassen. Daran merkste ooch: allet jespielt.«

Oha. Unser minderbemittelter Mittelklassespießer hat mal wieder jüdische Machenschaften durchschaut und beweist sich selbst: Ich bin klüger als Netanjahu und alle Juden, die immer so schlau tun mit Erfindungen und Nobelpreisen. Ein Filmchen auf X hat ihn auf die Spur gebracht.

Handwerklich miserabel, ich habe das Video angeschaut. KI muss noch viel lernen bis zur Weltherrschaft.

Handwerklich miserabel, hab’s anschließend angeschaut, KI muss noch viel lernen bis zur Weltherrschaft. Das Machwerk stammt angeblich aus dem Iran und soll beweisen, dass die versuchte Entführung am 30. September ein Fake war. Kein omanischer Terrorist, kein verletzter indischer Kapitän, kein israelischer Klempner, der das Flugzeug aus dem Sturzflug hochreißt, kein Zahnarzt, der den Kapitän notfallmäßig behandelt. Alles inszeniert, gespielt und Fake. Eine Million Klicks.

Wer diesem Film Glauben schenkt, kann sich selbst gratulieren, denn er befindet sich in bester Gesellschaft von 2000 Jahre alten Verschwörungsmythen. Die haben mit der Kreuzigung des Juden Jesus begonnen. Das Todesurteil hatte der römische Präfekt Pontius Pilatus gefällt.

Seither feiern diese Wahnvorstellungen Urständ. Die Juden haben den Herrn ans Kreuz genagelt, die Brunnen vergiftet, Pestflöhe gezüchtet, Kinderblut gesoffen, mit Typen wie Dreyfus Vaterländer verraten, uns die Schoa angehängt, wahlweise als Kapitalisten Milliarden gemacht oder als Kommunisten die Welt unterjocht, den 11. September geplant – und jetzt wollen sie uns mit einer gespielten Flugzeugentführung weismachen, sie seien die armen Opfer. Wie am 7. Oktober.

»Die Juden haben den 11. September geplant – und jetzt wollen sie uns mit einer gespielten Flugzeugentführung weismachen, sie seien die armen Opfer.«

Sind diese Überzeugungen nur absurd und lächerlich? Schon – wenn sie nicht so bitter gefährlich wären. Ich tröste mich mit einem israelischen Comedian, dem deutschen Kabarettisten Friedrich Hollaender und Albert Einstein.

Yohay Sponder findet, die Juden sollten die Weltherrschaft endlich nicht nur als Verschwörungstheorie, sondern in realitas übernehmen. Alle anderen hätten es eh vergeigt: »Die Hälfte der Menschheit meint ohnehin, wir Juden würden die Welt beherrschen, also denen ist es egal, wenn wir’s tatsächlich machen.«

Laut Hollaender gilt immer: »An allem sind die Juden schuld! Wieso, warum sind sie dran schuld? Kind, das verstehst du nicht, sie sind dran schuld.«

Fazit: Das Universum und die menschliche Dummheit, so Einstein, scheinen unendlich. Beim Universum war sich der Entdecker der Relativitätstheorie aber nicht ganz sicher.

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 15. Oktober bis zum 22. Oktober

 14.10.2026

TV

»Girls« geht weiter

Die mehrfach ausgezeichnete Serie soll 2027 mit fünf Folgen fortgesetzt werden

von Katrin Richter  14.10.2026

Dreharbeiten zum Kinofilm »Heimsuchung«. Ein Jahrhundert deutscher Geschichte

Neu im Kino

»Heimsuchung« von Schlöndorff: Was bleibt, wenn alle gehen

Erst Sommergäste. Dann die Nazis. Danach die Sowjets. Später die DDR und der Kapitalismus. In »Heimsuchung« von Volker Schlöndorff wird ein Haus zum Zeugen deutscher Geschichte. Still, unerbittlich

von Sabine Glaubitz  14.10.2026

Zahl der Woche

68 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 13.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Virale Selbstverliebtheit oder Wie das gute alte Kochbuch verdrängt wurde

von Nicole Dreyfus  13.10.2026

Interview

»Ich bin keine Maschine«

Der Pianist Igor Levit über sein neu gegründetes Musiklabel, einen 16-Stunden-Auftritt und jüdische Witze

von Christine Schmitt  13.10.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Leider erst nächtens zeigt das ZDF ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026