Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Eine abgedroschene Redewendung, die Israels Wahlergebnis auf den Punkt bringt. Viele Israelis und auch Menschen im Ausland haben auf einen politischen Neuanfang gehofft. Aber nun droht ausgerechnet jene Regierung weiterzumachen, die das Land so gespalten hat.
Die Rekordwahlbeteiligung zeigt, wie den Israelis ihre Demokratie am Herzen liegt, jüdischen wie arabischen Bürgern. Doch reicht es nicht, die politische Blockade aufzubrechen. Israel steckt in einer Sackgasse. Regiert Premier Benjamin Netanjahu wieder mit seinen rechtsextremen und ultraorthodoxen Partnern, droht Israel, sich noch weiter zu isolieren. Gesellschaftlich und international. Das Vertrauen in das Land ist auf einem nie da gewesenen Tiefpunkt.
Doch auch die Opposition muss sich fragen lassen, warum sie Wandel verspricht und sich zugleich selbst Fesseln anlegt. Eine Koalition mit arabischen Parteien schließen viele ihrer Vertreter kategorisch aus und verwerfen eine politische Option, die das Dauerpatt durchbrechen könnte.
Natürlich wäre eine Zusammenarbeit mit zum Teil antizionistischen Politikern nicht einfach. Die Differenzen sind groß, vielleicht kaum zu überbrücken. Doch »die Juden werden nirgends hingehen und die Araber auch nicht«. Dieser Satz, so oft er auch bemüht wird, spiegelt die Realität des Landes wider.
Ja, es braucht viel Mut, die eigenen roten Linien zu überprüfen. Aber der dicke politische Filz, den Netanjahu in fast zwei Jahrzehnten an der Macht über Israel gelegt hat, die ausufernde Korruption und die ungelösten Probleme mit den Palästinensern verschwinden nicht, wenn man den Kopf in den Sand steckt.
Der Strandstreifen von Israel geht nahtlos in den Libanon über. Man muss nicht weit schauen, um zu sehen, wohin eine Zersplitterung der Gesellschaft führen kann. Das kann Israel nicht wollen! Die Gründerväter und -mütter haben das Land mit Blut und Schweiß aufgebaut, damit es mehr sein sollte als das. So viel mehr!
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen.