Zumindest bei den Farben war man sich überwiegend einig. Ob an Wänden, Zäunen, Litfaßsäulen oder Eingangstoren: Die Wahlplakate fast aller Parteien in Israel waren durchgängig in Blau und Weiß gehalten. Vielleicht gab es hier ein rotes Tüpfelchen auf dem I oder dort ein fettgedrucktes Wort in Schwarz. Doch alle bemühten die Landesflagge, um Wähler zu gewinnen. Blau-Weiß steht für das Vertrauen in Israel. Und das wollten sie an diesem Mittwoch, als die Menschen nach vier Jahren eine neue Knesset wählten, alle zur Schau stellen.
In Israel ist es erlaubt, auch am Stichtag noch Wahlkampf zu betreiben. Und so standen von Nord nach Süd vor jeder Schule, in der gewählt wurde, Aktivistinnen und Aktivisten der Parteien. Sie verteilten Aufkleber und Anstecker mit den Slogans »Bejachad ihm Bennett«, »Ha’Derech Schel Eisenkot« oder »Rak Netanjahu«.
In Jerusalem hatten mehrere der Parteien ihre Stände neben der Bahnstation Yitzhak Navon aufgebaut. Sie sprachen Passanten an und erinnerten daran, wählen zu gehen. »Wir wollen die Leute heute nicht mehr unbedingt davon überzeugen, für jemand anders die Stimme abzugeben, dafür ist es zu spät«, meinte eine junge Frau in hellblauem T-Shirt, die einen Tag vor der Wahl für die Partei Israel Beiteinu von Avigdor Lieberman die Werbetrommel rührte. »Aber wir wollen ihnen sagen, dass sie auf jeden Fall von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen sollten.«
Immer wieder klingelte bei den Israelis auch das Telefon. Am anderen Ende der Leitung erzählten ihnen Tonaufnahmen von Kandidaten, wie bedeutend jede einzelne Stimme ist, und dass sie sich am besten sofort auf den Weg ins Wahllokal machen sollten.
94 Jahre alter Israel Kreis starb nach Stimmabgabe
Einer hatte genau zugehört. Es war ein großer Wunsch von Israel Kreis, für seinen Lieblingskandidaten, Gadi Eisenkot zu stimmen. Obwohl der Mann aus Ramat Gan bereits 94 Jahre alt war, bat er seine Tochter Shirley, ihn zum Wahllokal zu fahren. Er steckte den Zettel in den Umschlag und machte sich auf den Rückweg. Zu Hause angekommen, stieg er aus dem Auto aus, brach zusammen und starb.
»Papa wollte unbedingt, dass ich ihn zum Wählen bringe, damit er für Eisenkot stimmen kann«, erzählte die Tochter anschließend. Als der Jaschar-Vorsitzende erfuhr, dass Kreis für ihn gestimmt hatte, rief er Shirley persönlich an, um der Familie sein Beileid auszusprechen. »Mein Vater war 94 Jahre alt, als er starb. Ich bin sehr froh, dass er es noch geschafft hat, seine Stimme abzugeben. Er hat gezeigt, wie wichtig es ist, wählen zu gehen. Er ist für uns alle ein Vorbild.«
In der Stadt Modiin wurden die Menschen am frühen Nachmittag von einem heftigen Regenschauer überrascht. Als die Menschen an der zentralen Bushaltestelle ins Trockene hasteten, fragte sich Motti Dahan, ob das Wetter gar die Wahl in Israel entscheiden könnte. Er hatte nur Minuten zuvor in der Schule nebenan den Zettel mit den drei Buchstaben »Mem, Chet und Lamed« für den Likud aus dem Karton mit den 38 unterschiedlichen Papieren gezogen und in einen Briefumschlag gesteckt. »Regen ist nicht gut für die Wahl«, murmelte er, als er sich eine Zeitung über den Kopf hielt. »Wir brauchen viele, die hingehen, um zu gewinnen.«
Höchste Wahlbeteiligung seit 1988
Während es in Tel Aviv und der gesamten Zentrumsgegend Gusch Dan den ganzen Tag über trocken blieb, gingen in Jerusalem und vielen südlich gelegenen Gemeinden heftige Schauer nieder. Und trotzdem erreichte die Wahlbeteiligung ein Rekordhoch. 7,33 Millionen Israelis hatten das Recht, ihre Stimme abzugeben. Am Ende waren es 77,7 Prozent, die höchste Beteiligung seit 1988.
Bereits vor Öffnung der Wahllokale am Dienstagmorgen begann die Likud-Partei von Premierminister Benjamin Netanjahu mit Vorbereitungen, um die Ergebnisse in arabischen Städten und Ortschaften anzufechten, berichteten israelische Medien unter Berufung auf Likud-Vertreter. Die Partei habe die Möglichkeit erörtert, im Falle einer Niederlage Netanjahus zu behaupten, die Wahl sei »gestohlen worden«. Der Zentrale Wahlausschuss erklärte jedoch, es gebe keine Belege für systematische Manipulation.
Einem Bericht von Kanal 12 zufolge arbeitete der Likud bereits an einer Reihe von Beschwerden und Betrugsvorwürfen in Bezug auf Wahllokale in arabischen Gemeinden. Die Partei soll zudem mehrere Tausend Aktivisten entsandt haben, um die Wahllokale in Gebieten mit arabischer Bevölkerungsmehrheit zu »überwachen«.
Der Wahltag ist auch eine Art nationaler Feiertag
Manche scherte das alles wenig. Wie bei jeder Wahl war auch an diesem Mittwoch schulfrei. Büros und öffentliche Einrichtungen blieben geschlossen. Schülerinnen und Schüler gingen auf spontan organisierte Partys oder trafen sich mit Freunden – und freuten sich, dass die öffentlichen Verkehrsmittel an diesem Tag für jeden gratis waren.
Viele Israelis nutzten den Tag auch für einen ausgiebigen Einkauf. Obwohl die meisten Büros geschlossen waren, hatten die Läden ihre Pforten geöffnet. Zwischen 8 und 17 Uhr wurden Ausgaben in Höhe von insgesamt mehr als 1,14 Milliarden Schekel verzeichnet – ein Anstieg um 41,2 Prozent im Vergleich zu den vorherigen Parlamentswahlen im Jahr 2022. Dies geht aus Daten von Shva hervor, dem Unternehmen, das das nationale Zahlungssystem verwaltet.
Und wer wollte, konnte den Gang zur Urne mit der Gesundheit verbinden. An mehreren Wahllokalen von Nord nach Süd konnten sich die Menschen impfen lassen. Die größte Gesundheitsorganisation Israels, Clalit, öffnete am Wahltag insgesamt 50 Impfstationen. In den Städten Jerusalem, Petach Tikwa, Hod Hascharon, Tiberias und Beit Schean standen Impfmobile auf Rädern vor den Schulen, in anderen Orten boten Kliniken an, sich ganz ohne Anmeldung eine Grippeimpfung verpassen zu lassen.
Clalit-Direktor Ronen Nudelman sagte dazu: »Genau darum geht es bei der gemeindebasierten Medizin: Menschen dort zu erreichen, wo und wann es für sie am bequemsten ist. Wenn es sein muss, auch am Wahltag.«
Auch der Küstenstreifen war an diesem warmen Herbsttag gut besucht. Bei Temperaturen von bis zu 27 Grad nutzten viele den freien Tag zum Ausflug an den Strand oder für Picknicks in den Parks des Landes. Überall im Land waren Familien zu Ausflügen unterwegs. Wie die Familie Bitton aus Rischon Lezion, die eine Tour durch Tel Aviv machte. Natalie Bitton flanierte über den Rothschild-Boulevard, an jeder Hand eine Tochter. »Wir haben gleich morgens um 8 Uhr gewählt, unseren Kindern die Bedeutung der Demokratie erklärt und sind dann losgefahren, um einen Spaßtag in der großen Stadt zu erleben.«
Als sich die Wahllokale langsam leerten, füllten sich die Restaurants und Bars in den Städten des Landes. Viele Israelis saßen draußen und diskutierten weiter über die Zukunft ihres Landes und hofften auf den Wandel – oder darauf, dass alles so bleibt, wie es ist.