Israel

Wer wählt wen und warum?

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Acht Menschen, acht Perspektiven: Was erwarten Israelis von der Wahl? Für die einen stehen Wehrpflicht und soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt, für andere die hohen Lebenshaltungskosten oder der Wunsch nach einem politischen Neuanfang. Manche halten Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Treue, andere wollen den Machtwechsel. Und nicht alle glauben noch daran, dass die Politik ihre Probleme überhaupt lösen kann.

Avigail Gil-Meiri, 27, geht Familie über alles. Die junge Frau aus Tel Aviv macht sich Sorgen um ihren Bruder, der monatelang Reservedienst an verschiedenen Fronten leisten musste. »Während die meisten Charedim und Araber nichts tun, um unser Land zu schützen, liegt die ganze Last auf den Schultern nur eines Teils der Bevölkerung. Das ist unglaublich unfair und muss geändert werden«, findet sie. Die derzeitige Koalition habe einen faulen Deal mit den Ultraorthodoxen gemacht, »deshalb habe ich den Glauben an sie verloren«. Zum ersten Mal will sie bei dieser Wahl den Zettel von Israel Beiteinu in die Wahlbox stecken, weil sie Parteichef Avigdor Lieberman vertraut. »Er hat sich am deutlichsten dagegen ausgesprochen, dass immer dieselben Leute in der Armee dienen, und ich bin sicher, dass er es ändern wird.«

Lior Dan ist Gil-Meiris Lebensgefährte. »Ich sehe es genauso wie Avigail.« Trotzdem hat er sich anders entschieden. Er wird für die Neue Wirtschaftspartei von Yaron Zelekha (Ha’Kalkalit) stimmen, der in einer Liste mit der Reservisten-Partei von Yoaz Hendel antritt. Ha’Kalkalit setzt sich für niedrigere Lebenshaltungskosten, mehr Wettbewerb und Wirtschaftsreformen ein. »Und das ist überfällig«, sagt Dan. »Ich habe wirklich die Nase voll von den Preisen hierzulande. Es ist völlig außer Kontrolle, alles ist drei- oder viermal so teuer wie in europäischen Ländern, ganz zu schweigen von Thailand zum Beispiel«, wettert der 35-Jährige. »Wir leben in einem kleinen Studio-Apartment in Tel Aviv und zahlen 7000 Schekel. Das ist doch Irrsinn.« Besonders wütend ist er auf die Supermarktpreise, die durch die Monopole der nationalen Produzenten zustande kommen. »Die will Zelekha zerschlagen, und das ist genau richtig. Damit wir in der Wirtschaft endlich normale Zustände haben.«

»Man darf nicht vergessen, wie viel Gutes Bibi für unser Land getan hat.«

Shoshana Cohen

Meir Shimon aus Jerusalem gibt seine Stimme der ultraorthodoxen Sefardenpartei Schas. So habe er es schon immer gemacht. Wenige Tage vor der Wahl sitzt der streng religiöse Mann auf dem großen Mahane-Yehuda-Markt und hofft auf eine Gelegenheitsarbeit. »Egal, was geschehen mag, ich werde immer rechts und religiös wählen«, sagt er, denn das sei, was er kennt. »Die Regierung hat wirklich gute Arbeit geleistet und das Land vor den Feinden geschützt«, findet er. Im Grunde genommen traue er aber nur »dem da oben«, fügt der 71-Jährige hinzu und zeigt gen Himmel. »Nur der Allmächtige wird dafür sorgen, dass es Wohlstand, Gerechtigkeit und Gleichheit für alle gibt.« Auf die Frage, ob er es für richtig hält, dass die meisten ultraorthodoxen Männer vom Wehrdienst ausgenommen werden, äußert er sich so: »Das Volk Israels ist durch Feuer und Wasser gegangen, und es wird jede andere Krise ebenso überstehen.« Alles andere, meint er, sei »nur ein neues Lied und nicht so wichtig«.

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Ziad Abualkian, Beduine aus Beer Sheva, der Wüstenhauptstadt im Süden des Landes, gibt seine Stimme Reschima Meschutefet, der gemeinsamen Liste, die aus mehreren arabischen Parteien zusammengesetzt ist. »Ich wähle die Araber, weil ich auch einer bin, aber eigentlich ist es ziemlich egal, für wen man sich entscheidet, Hauptsache, es ist gegen Netanjahu«, meint er. Der amtierende Premierminister habe viel Schlechtes über Israel gebracht, »mit einem Krieg nach dem anderen und einem Leben, das keiner mehr bezahlen kann«. Vertrauen in Politiker habe er wenig bis gar nicht, sagt der 22-jährige Erstwähler. »Die meisten vertreten nur ihre eigenen Interessen, viele sind Diebe.« Einen Parteivorsitzenden hält er allerdings nicht für einen Ganoven: »Yair Golan ist ein guter Mann, er hat unsere Dörfer besucht, und er schert sich wirklich darum, wie es den Menschen in unserem Land geht. Allen Menschen.«

Shoshana Cohen wählt »rak Bibi« – nur Bibi. Damit meint sie den amtierenden Premier Benjamin Netanjahu. »Er ist der Beste, den ich mir als Regierungschef vorstellen kann, niemand kommt auch nur annähernd an ihn heran«, so die Verkäuferin aus Holon. Vor allem seine Außenpolitik findet sie überzeugend. »Er vertritt uns würdig in der ganzen Welt, wenn alle auf uns herumtrampeln wollen, und hat die besten Verbindungen zu Trump.« Dass viele Israelis ihn nicht wählen wollen, weil er und seine Regierung mitverantwortlich sind für die Versäumnisse des 7. Oktober 2023, kann die 55-Jährige zwar verstehen, doch ihrer Meinung nach müsse man das jetzt hinter sich lassen. »Man darf nicht vergessen, wie viel Gutes dieser Mann für unser Land getan hat. Die Wirtschaft ist hervorragend, und unsere Feinde haben alle Angst vor uns.« Man müsse nun nach vorn schauen, so Cohen. »Für eine gute und sichere Zukunft gibt es nur einen Einzigen, und der heißt Netanjahu.«

Yuval Edri, 58, wählt die Demokraten von Yair Golan. Am liebsten würde er Ra’am seine Stimme geben, aber dieses Mal ginge es nicht um seine Präferenz, sondern um »ein höheres Gut«, meint der Mann aus Nahalal im Norden des Landes. »Und das heißt: den Wandel herbeiführen.« Es gebe allerdings keine Partei in Israel, deren Ansichten er vollständig teile, gibt er zu bedenken. »Meiner Meinung nach besteht das Problem darin, dass die meisten Bürger und Politiker den Konflikt mit den Palästinensern lieber verwalten als ihn lösen wollen.« Nur wenige würden heute noch eine Zweistaatenlösung bevorzugen. Aber Edri ist überzeugt davon, dass man mit aller Kraft die Gründung eines palästinensischen Staates innerhalb festgelegter Grenzen anstreben sollte, »denn das ist die einzige Möglichkeit, die Sicherheitslage und die wirtschaftliche Situation zu verbessern, wenn auch langsam und schrittweise«.

»Ich wünsche mir eine Regierung, die das Wohl des Landes über politische Interessen stellt.«

Leah Kramarski

Roni Rose lebt in New York. Sie kann verstehen, wenn Leute sagen, im Ausland lebende Staatsbürger sollten nicht wählen. »Aber meine ganze Familie lebt in Israel, und ich bin stolz darauf, extra für diese Wahl in meine Heimat zurückzukehren.« Ihre Eltern, die 20 Jahre lang in den USA lebten, wussten immer, dass sie zurückkehren würden. Daher sei die Politik Israels stets von Bedeutung für die gesamte Familie gewesen. Die 30-Jährige ist noch unentschieden, welchen Zettel sie letztlich in den Umschlag steckt, und schwankt zwischen Bejachad von Naftali Bennett und Jaschar von Gadi Eisenkot. »Ich hoffe, dass es beiden Parteien gelingt, Brücken zu schlagen und eine starke Koalition zu bilden. Nur dann bin ich optimistisch, dass eine Kurskorrektur gelingt, die dringend nötig ist. Denn wir brauchen eine solide Sicherheit, die Stärkung unserer Wirtschaft sowie die Wiederherstellung der zerrütteten Beziehungen zu anderen Staaten.«Und ich wünsche mir ernsthafte Bemühungen für Frieden – schließlich möchte ich meine Kinder in meiner Heimat großziehen. Und das ist Israel.»

Leah Kramarski wählt Bejachad, das Bündnis von Yair Lapid und Naftali Bennett, «weil ich mir eine Regierung wünsche, die das Wohl des Landes über politische Interessen stellt. Sie soll sich auf die Sicherheit Israels, die Wirtschaft, das Bildungswesen und die Senkung der Lebenshaltungskosten konzentrieren». All diese Bereiche hätten sich in den vergangenen Jahren extrem verschlechtert, so die Lehrerin aus Rechovot. Jetzt brauche es dringend ein Team aus kompetenten, verantwortungsbewussten Menschen. «Die Leute, die sich dem Bündnis angeschlossen haben, stehen für Werte, die mir persönlich wichtig sind, zum Beispiel Yonatan Shalev, ein junger, engagierter Mann, der die Generation von Israelis vertritt, die in den letzten Jahren für das Land gekämpft hat. Oder Merav Ben Ari, eine qualifizierte Juristin, die sich für die Rechte älterer Menschen einsetzt und leidenschaftlich gegen Korruption kämpft.»Sie sind ›unsere Leute‹, und ich bin überzeugt, dass diese Partei die Probleme, die mir am Herzen liegen, lösen kann.«

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