Gadi Eisenkot hat den höchsten Preis gezahlt. So nennt man es in Israel, wenn ein Kind im Krieg fällt. Im Dezember 2023 starb sein Sohn Gal bei Kämpfen im Gazastreifen. Wenige Tage später fiel ein Neffe, ein Jahr darauf ein weiterer. Mit zerrissenem T-Shirt, einem jüdischen Symbol der Trauer, und gesenktem Kopf stand Eisenkot bei den Beerdigungen. Damals war das ganze Land mit ihm.
Doch Eisenkot ist nicht nur ein Vater, der seinen Sohn verloren hat. Der heute 66-Jährige machte Karriere beim Militär, von 2015 bis 2019 war er Generalstabschef der israelischen Armee. Wie viele hochrangige Generäle wechselte er im Anschluss in die Politik. Nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 war er Teil der Kriegsführung an allen Fronten. Heute ist er einer der wichtigsten Herausforderer von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und derjenige, der in Umfragen seit Monaten mit seiner Partei Jaschar vorn liegt.
Jaschar ist Hebräisch für »geradeaus«
Jaschar ist Hebräisch für »geradeaus«. Der Name ist Programm, das unterschreiben sogar seine Kritiker: »Gadi ist eine ehrliche Haut, ein Mensch«, sagen sie. Denn Eisenkot ist vieles von dem, was Netanjahu nicht ist: bescheiden, bodenständig, unprätentiös. Im Wahlkampf tritt er meist mit Jeans und T-Shirt auf und erzählt gern von seinen Enkeln.
Was ihn für viele nahbar macht, könnte im Rennen um das Amt des Regierungschefs allerdings zur Schwäche werden. Er gilt als politisch relativ unerfahren und wenig staatsmännisch. Viele fragen sich, ob Bodenständigkeit ausreicht – oder ob ihm die besondere Aura fehlt, die viele Israelis mit der Führung ihres Landes verbinden.
Dass Eisenkot als einer aus dem Volk und kein Angehöriger einer politischen Elite wahrgenommen wird, hat auch mit seiner Herkunft zu tun. Geboren und aufgewachsen ist er in der israelischen Peripherie als Sohn von marokkanisch-jüdischen Einwanderern fernab der politischen und wirtschaftlichen Zentren. Nach Jahren der Polarisierung und mehreren Kriegen sehnen sich viele Israelis nach mehr Ruhe. Eisenkot verspricht, das Land wieder zusammenzuführen und dessen international schwer beschädigtes Ansehen zu verbessern.
Rassistische Bemerkung löste Empörung aus
Wie tief die gesellschaftlichen Gräben verlaufen, zeigte sich, als ein Kommentator des regierungstreuen Fernsehsenders Kanal 14 Eisenkot als »Affen« bezeichnete, der von »aschkenasischen Eliten gesteuert« werde. Die rassistische Bemerkung löste breite Empörung aus. Eisenkot drehte den Spieß um und nutzt den Vorfall, um die Diskriminierung von Juden mit Wurzeln in Nordafrika zum Wahlkampfthema zu machen.
Sein Auftreten mag ihn von Netanjahu unterscheiden, wer in ihm einen linken Friedenspolitiker sieht, liegt jedoch falsch. Eisenkot ist ein Mann des Sicherheitsapparats. Er will die Hamas binnen 18 Monaten entwaffnen und gegen äußere Bedrohungen hart vorgehen.
Er will Ultraorthodoxe für den Wehrdienst zu verpflichten
Doch er zeigt sich auch kritisch und verspricht, es im Westjordanland mit den gewalttätigen Siedlern aufzunehmen, deren Angriffe auf Palästinenser er als »jüdischen Terror« bezeichnet. Zugleich sagt er zu, ultraorthodoxe Männer für den Wehrdienst zu verpflichten und das Konzept eines allgemeinen nationalen Dienstes auch auf arabische Bürger auszuweiten.
Darüber hinaus wirbt er damit, die Demokratie beschützen zu wollen. Unabhängigkeit der Justiz, Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenrechte und eine freie Presse seien unabdingbare Werte. Sein Angebot für die Wahl ist ein anderes als das von Netanjahu: weniger Personenkult, mehr Verantwortung. Ob das genügt, um den fast ewigen Premierminister abzulösen, wird sich am 27. Oktober zeigen. Eisenkot setzt auf Wähler, die genug haben von der Polarisierung.