Parlamentswahl

Der Amtsinhaber

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Foto: Flash90

Man nannte ihn Bibi Bitachon – Bibi, der Garant für Sicherheit. Fast zwei Jahrzehnte lang versprach Benjamin Netanjahu den Israelis, ihr Land vor all seinen Feinden zu schützen. Doch seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, dem schlimmsten Anschlag in Israels Geschichte, ist dieses Versprechen angeschlagen. Die Frage, warum die Katastrophe nicht verhindert wurde, überschattet sein politisches Vermächtnis.

Geboren wurde er 1949 in Tel Aviv in eine säkulare Familie, sein Vater war Professor für jüdische Geschichte. Später studierte er in den USA Wirtschaftswissenschaften. In dritter Ehe ist er mit Sara verheiratet. 1993 übernahm Netanjahu den Vorsitz der rechtskonservativen Partei Likud und wurde drei Jahre später erstmals Ministerpräsident. 2019 überholte er Staatsgründer David Ben Gurion und wurde zum am längsten amtierenden Premier seiner Heimat.

»Rak Bibi - nur Bibi« ist der Ruf seiner Anhänger

Bis heute dominiert er Israels politische Landschaft. Seine Anhänger sind ihm treu ergeben. »Rak Bibi« – »nur Bibi« – ist ihr Ruf, mit dem sie auch in die kommende Parlamentswahl ziehen. Viele können sich kaum vorstellen, dass ein anderer das Land führen könnte. Wie niemand sonst versteht es Netanjahu, sich als unverzichtbar darzustellen: er, der erfahrene Staatsmann, der die Gefahren kennt, die richtigen Kontakte in Washington und der Welt hat und ganz allein weiß, was zu tun ist.

Dabei kommt ihm sein weltmännisches Auftreten zugute. Er spricht perfektes Englisch, bewegt sich sicher auf internationalem Parkett und beherrscht die politischen Bühnen, wo er sich als Stimme Israels in einer feindlichen Welt inszeniert. Sein engster Verbündeter ist der US-Präsident Donald Trump, den er »meinen Freund Donald« nennt.

Seine Gegner werfen ihm vor, nicht nur die Bedrohungen von außen, sondern auch die Ängste im eigenen Land für seine Zwecke zu nutzen, denn er präsentiert sich als Anwalt jener Israelis, die sich von den etablierten Eliten aus Tel Aviv und dem säkularen Zentrum des Landes bevormundet fühlen. Der Aschkenase Netanjahu wurde so zum Helden vieler Sefarden, die sich seit Jahrzehnten benachteiligt sehen.

Netanjahu ist bekannt als cleverer Diplomat

Es ist kein Geheimnis, dass seine politischen Bemühungen der vergangenen Jahre auch von persönlichen Bedürfnissen geleitet sind: einer Verurteilung zu entgehen und an der Macht zu bleiben. Besonders übel nehmen ihm viele die Allianz mit rechtsextremen Parteien und sein Nachgeben gegenüber den Forderungen der Ultraorthodoxen nach mehr Geld und einer Befreiung vom Militärdienst.

Doch Netanjahu ist auch bekannt als cleverer Diplomat. 2020 unterzeichnete er die Abraham-Abkommen, mit denen Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate, Marokko und Bahrain Frieden schlossen, ein historischer Schritt.

Seit Jahren läuft gegen den Premier ein Korruptionsprozess. Es geht um Zigarren, Champagner, Schmuck für seine Gattin und Einflussnahme auf die Berichterstattung israelischer Medien. Dass er gemeinsam mit seiner Regierung die Justiz des Landes umbauen will, löste Demonstrationen Hunderttausender Israelis aus. Sie werfen ihm vor, die einzige Demokratie in Nahost von innen heraus zu zerstören.

Kein israelischer Politiker wurde je so verehrt und verachtet wie er

Kein israelischer Politiker wurde jemals so verehrt und zugleich so verachtet wie Netanjahu. Jüngste Umfragen zeigen, dass diese Balance kippt, seine Koalition Umfragen zufolge keine Mehrheit mehr hat und Herausforderer Gadi Eisenkot das Rennen bestimmt. Viele Israelis beklagen Filz und Eigennutz nach Netanjahus 19 Jahren im Amt. Zwei Jahrzehnte lang hat sich Netanjahu als unersetzlich inszeniert.

Vor der kommenden Parlamentswahl steht seine Macht auf dem Spiel wie selten zuvor. Der 27. Oktober könnte die politische Karriere des Mannes beenden, der Israel nicht nur am längsten regiert – sondern das Land geprägt hat wie kein anderer.

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