Die Ben-Gurion-Universität im südisraelischen Beerscheba will Nachwuchswissenschaftler auf eine mögliche Zukunft der Kernenergie in Israel vorbereiten. Rund 40 Studenten aus mehr als zehn Fachbereichen sollen im Rahmen eines Wettbewerbs Konzepte für kleine modulare Atomkraftwerke entwickeln. Die Anlagen sollen jeweils eine Leistung von 60 Megawatt haben und auf die klimatischen Bedingungen der Negev-Wüste zugeschnitten sein. Auch eine Kombination mit Meerwasserentsalzungsanlagen ist denkbar, wie aus einem Bericht von »Ynet« hervorgeht.
Der Wettbewerb trägt den Namen »Atom Challenge«. Vier studentische Teams werden sich mit unterschiedlichen Reaktorkonzepten beschäftigen. Eine unabhängige Expertenkommission soll im Mai 2029 den Siegerentwurf auswählen. Die Bewertungskriterien sollen bereits im Vorfeld veröffentlicht werden. Das ausgewählte Konzept erhält die Bezeichnung BG-SMR-60 – eine Anspielung auf das 60-jährige Bestehen der Universität.
Die Teilnehmer werden sich mit vier verschiedenen Technologien auseinandersetzen: Druckwasserreaktoren, schnellen Reaktoren mit Flüssigmetallkühlung, Flüssigsalzreaktoren sowie gasgekühlten Hochtemperaturreaktoren, bei denen Helium als Kühlmittel und Graphit als Moderator zum Einsatz kommen.
Kritische Hinterfragung
Die Studenten sollen dabei nicht nur einzelne Reaktorkomponenten untersuchen. Gefordert sind Gesamtkonzepte, die unter anderem Kühlung, Steuerung, Sicherheitsvorkehrungen, Kosten und Stromerzeugung berücksichtigen. Die Entwürfe müssen durch Berechnungen und wissenschaftliche Untersuchungen untermauert werden. Fachleute sollen die Ergebnisse überprüfen und kritisch hinterfragen.
»Ein Kernkraftwerk ist eine außerordentlich komplexe ingenieurwissenschaftliche Aufgabe, bei der nahezu alle technischen Disziplinen zusammenkommen«, sagte Amiel Ishaaya, Dekan der Fakultät für Ingenieurwissenschaften, laut »Ynet«. Die Studenten müssten ihre Entscheidungen begründen, Einwände aufnehmen und ihre Konzepte weiterentwickeln.
Hinter dem Vorhaben steht die Frage, wie Israel seinen wachsenden Energiebedarf künftig decken kann. Der steigende Stromverbrauch, insbesondere durch die zunehmende Bedeutung von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, stellt die Energieversorgung vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig suchen zahlreiche Staaten nach Wegen, ihre Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern und den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren.
Schaffung der Voraussetzungen
Erez Gilad, Leiter der Abteilung für Kerntechnik und Direktor des Klein-Instituts für Nuklearwissenschaft und -technik, sieht Israel deshalb vor einer grundsätzlichen Entscheidung über die künftige Zusammensetzung seines Energiemixes. »Israel nähert sich rasch einer der größten energiepolitischen Entscheidungen seiner Geschichte: der Frage, wie sich Kernenergie in den Energiemix integrieren lässt. Eine Entscheidung dieser Tragweite verlangt Fachwissen und keine Improvisation.«
Die Universität wolle mit dem Wettbewerb allerdings nicht den Bau eines Atomkraftwerks vorbereiten, sondern die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Israel künftig fundiert über solche Technologien entscheiden könne.
Vorgestellt wurde der Wettbewerb bei der Eröffnung des Klein-Instituts für Nuklearwissenschaft und -technik. Die Einrichtung wurde 2025 mit Unterstützung der Carmela-und-Yosef-Klein-Stiftung gegründet. Sie widmet sich der Forschung und Ausbildung im Bereich der Kernenergie, insbesondere fortgeschrittenen Reaktortechnologien und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Kerntechnik. im