Zeitungsinterview

Ronald Lauder rechnet mit Netanjahu ab: »Er hat Politik über Frieden gestellt«

Ronald S. Lauder Foto: picture alliance / TT NYHETSBYR?N

Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) und einst einer der engsten Vertrauten Benjamin Netanjahus, erhebt wenige Tage vor der israelischen Parlamentswahl schwere Vorwürfe gegen den Ministerpräsidenten. Netanjahu habe wiederholt seine persönliche Macht und politische Zukunft über die Interessen Israels gestellt und eine weit fortgeschrittene Friedensvereinbarung mit Syrien aus parteipolitischem Kalkül scheitern lassen. Auch die Beteiligung rechtsextremer Politiker an der Regierung, die beschädigten Beziehungen zu den USA und Europa sowie die Entfremdung zwischen Israel und jüdischen Gemeinden in der Diaspora bereiten ihm große Sorgen, so Lauder.

In einem Interview mit »Haaretz« spricht der 82-jährige US-Milliardär ungewöhnlich offen über das Ende seiner langjährigen Freundschaft mit Netanjahu. Zugleich richtet er einen eindringlichen Appell an die israelischen Wähler. »Ich möchte, dass mir die Menschen zuhören«, sagt Lauder. Er habe jahrzehntelang geschwiegen, doch inzwischen sehe er die Grundlagen gefährdet, die Israel zu einem besonderen Staat gemacht hätten. »Eines der Dinge, die Israel im Vergleich zu anderen Ländern so besonders gemacht haben, war seine echte Demokratie. Was wir jetzt erleben, erinnert eher an eine Bananenrepublik.«

Lauder, der seit zwei Jahrzehnten an der Spitze des WJC steht, hat über seine Stiftung erhebliche Summen für jüdische Einrichtungen und Projekte in Israel sowie jüdische Schulen in Osteuropa bereitgestellt. Er pflegte Kontakte zu zahlreichen Staats- und Regierungschefs und gehörte einst zum engsten persönlichen Umfeld Netanjahus.

Inzwischen hat er nach eigenen Angaben seine letzten Immobilien in Israel verkauft beziehungsweise abgegeben. Seine Wohnung in Tel Aviv habe er veräußert, sein Haus in Beer Schewa dem Jüdischen Nationalfonds überlassen. »Ich habe praktisch alle meine Verbindungen dorthin gekappt«, sagt er. Auf die Frage, ob er nach Israel zurückkehren wolle, antwortet er unmissverständlich: »Ich habe keinerlei Absicht, nach Israel zurückzukehren. Null.«

Eine Freundschaft, die an der Macht zerbrach

Lauder lernte Netanjahu kennen, als dieser in den 1980er-Jahren israelischer Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York war. Aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine enge Freundschaft. Die beiden hätten sich häufig getroffen, miteinander gelacht und über Politik ebenso wie über persönliche Angelegenheiten gesprochen, erzählt Lauder. Er habe Netanjahu damals als offenen, sympathischen Menschen erlebt und ihm sogar geholfen, seine Fähigkeiten als Redner zu verbessern.

Als sich Netanjahu auf seine politische Karriere in Israel vorbereitete, stellte Lauder Kontakte her, die ihm später nützlich sein sollten. Unter anderem brachte er ihn mit dem amerikanischen Wahlkampfberater Arthur Finkelstein zusammen. Auch ein großes Abschiedsfest in New York, zu dem Lauder einflussreiche Persönlichkeiten aus Medien und Politik einlud, organisierte er für seinen Freund.

Doch nach Netanjahus Rückkehr nach Israel habe sich dessen Persönlichkeit verändert. Aus dem Menschen, den er gekannt habe, sei zunehmend ein Politiker geworden, der vor allem auf den eigenen Aufstieg bedacht gewesen sei. »Er war in den USA freundlich zu allen. Er war ein wirklicher Mensch mit Anstand. Und plötzlich wurde er zu Bibi, dem Politiker.« Netanjahu habe danach gestrebt, die führende Figur im Likud zu werden, und dabei frühere Weggefährten zurückgelassen.

Lesen Sie auch

Eine entscheidende Rolle bei der Entfremdung habe Netanjahus Ehefrau Sara gespielt, behauptet Lauder in dem »Haaretz«-Interview. Sie habe erkannt, dass er Einfluss auf ihren Mann ausüben konnte, und ihm schließlich nahegelegt, nicht mehr auf Lauder zu hören. Netanjahu habe sich zwischen seiner Frau und seinem Freund entscheiden müssen. »Bibi stellt seine Karriere über alles«, sagt Lauder. Viele Menschen, die ihm einst nahegestanden seien, habe er auf diesem Weg verloren.

Eine persönliche Erfahrung habe ihm die Augen geöffnet: Bei einem Aufenthalt Netanjahus in einem New Yorker Hotel habe er drei Stunden in der Lobby gewartet, um seinen Freund zu treffen. Netanjahu und Sara seien jedoch durch einen anderen Ausgang gegangen, ohne sich bei ihm zu melden. Für Lauder war das ein Wendepunkt. »Ich habe an diesem Tag etwas über ihn gelernt: Er tut nur Dinge, die ihm selbst nützen. Es kümmert ihn nicht, wen er dabei verletzt. So ist er.«

Trotz des Bruchs habe Lauder über Jahre öffentlich den Eindruck vermieden, dass die Freundschaft beendet sei. Israel sei ihm stets wichtiger gewesen als die persönliche Beziehung zum Ministerpräsidenten.

Geplatzte Friedenschance mit Syrien

Besonders brisant sind Lauders Schilderungen geheimer Verhandlungen, die er Ende der 1990er-Jahre im Auftrag Netanjahus mit dem damaligen syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad führte. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass der WJC-Präsident öffentlich ausführlicher darüber spricht. Damals habe die syrische Seite den Kontakt gesucht, um Möglichkeiten für ein Friedensabkommen mit Israel auszuloten. Netanjahu habe ihm die Zustimmung erteilt, unter der Bedingung, dass er über sämtliche Entwicklungen informiert werde.

Über einen Zeitraum von zehn bis 15 Monaten reiste Lauder wiederholt zwischen Israel, Syrien und teilweise auch dem Libanon hin und her. Mit Assad und später dem libanesischen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri arbeitete er nach eigenen Angaben an einem Zehn-Punkte-Plan. Schließlich sei ein Dokument entstanden, das die Bedingungen einer Vereinbarung festhielt. Assad sei bereit gewesen, es zu unterzeichnen. »Assad war bereit, es zu unterschreiben«, sagt Lauder. »Es lag für Bibi zur Unterschrift bereit. Bibi entschied sich dagegen.«

Lauder sieht die gegenwärtige israelische Regierung in einer gefährlichen Entwicklung. Insbesondere Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich seien für das internationale Ansehen des Landes verheerend. Netanjahu trage dafür die Verantwortung, weil er ihre Politik ermögliche und die beiden in der Regierung halte.

»Was wir haben, ist ein Diktator, eine Ein-Mann-Show«, sagt Lauder über den Ministerpräsidenten. Israel sei zwar eine Demokratie, doch Netanjahu halte sich nicht an die Regeln demokratischer Politik. Er habe die Interessen seiner Regierung über die Bedürfnisse der Bevölkerung gestellt und lasse Extremisten gewähren.

Dramatische Verschlechterung des Verhältnisses

Als Beispiel nennt Lauder die Auswirkungen der Politik Ben-Gvirs auf die Beziehungen zu Jordanien. Das Königreich sei lange einer der verlässlichsten Partner Israels gewesen. Durch das Verhalten des Ministers habe sich das Verhältnis jedoch dramatisch verschlechtert. Lauder verweist zudem auf einen Angriff von Anhängern Ben-Gvirs auf eine Fotografin der »Washington Post«. Er hält es für unbegreiflich, dass solche Vorfälle geduldet würden, und warnt vor den Folgen für Israels internationales Ansehen.

Auch Äußerungen Smotrichs über die Rechte der Palästinenser hätten international großen Schaden angerichtet. Sie seien vielfach als Absichtserklärung verstanden worden, die Palästinenser aus bestimmten Gebieten zu verdrängen. Ben-Gvir wiederum verbreite Hass und unterstütze ein Vorgehen gegen Palästinenser, das bis zur Zerstörung ihrer Dörfer reiche. Netanjahu trage dafür die politische Verantwortung.

Lauders Botschaft an den Ministerpräsidenten ist eindeutig: »Das Einzige, was du nie wieder tun darfst, ist Extremisten in der Regierung zu haben. Sie haben enormen Schaden angerichtet.« Sollten Ben-Gvir und Smotrich oder ihre Parteien auch künftig an der Regierung beteiligt sein, sieht Lauder Israels Zukunft düster. Netanjahu hätte einer der großen Staatsmänner der Geschichte werden können, meint er. Stattdessen werde er als gescheiterter Politiker in Erinnerung bleiben.

Mit Blick auf die bevorstehende Parlamentswahl macht Lauder deutlich, dass er Netanjahu nicht mehr für den geeigneten Mann hält, um Israel aus der Krise zu führen.

Er selbst besitzt kein Wahlrecht in Israel. Falls er abstimmen dürfte, so Lauder, würde er allerdings am liebsten gar nicht zur Wahl gehen. »Ich bin von diesem System so angewidert, dass ich nicht wählen würde.« Wenn er sich entscheiden müsste, würde er für Gadi Eisenkot stimmen, den Vorsitzenden der Partei Yaschar.

Eisenkot habe er zwar noch nicht persönlich getroffen, doch er schätze dessen Auftreten. Israel sei an Politiker gewöhnt, die rhetorisch geschickt seien und wüssten, wie man Menschen etwas vormache. Eisenkot sei anders. »Er weiß nicht, wie man Bullshit erzählt. Aber er ist ein echter Mensch.« im

Das gesamte »Haaretz«-Interview mit Ronald Lauder ist hier zu finden (Bezahlschranke).

Westjordanland

Netanjahu macht Hamas für Anschlag bei Hebron verantwortlich

Fünf Menschen wurden bei einem Angriff auf einen Kontrollposten im Westjordanland verletzt, die beiden Attentäter erschossen. Sie sollen der Hamas angehört haben

 23.10.2026

Tel Aviv

Angehörige der Opfer des 7. Oktober wollen Wähler an Schicksale erinnern

Zu den Teilnehmern gehört Jochewed Lifschitz, die zusammen mit ihrem Mann Oded nach Gaza verschleppt worden war. Die Hamas ermordete ihn in Geiselhaft

 23.10.2026

Jerusalem

Zehntausende Israelis reisen für die Parlamentswahl aus dem Ausland an

Die Initiative Fly&Vote spielt eine große Rolle. Sie musste sich gegen eine Klage des Likud wehren

 23.10.2026

Westjordanland

Nach Terroranschlag: Israel bereitet Abriegelung des Westjordanlandes vor

An einem IDF-Kontrollpunkt bei Hebron schossen zwei 27-jährige Palästinenser auf Menschen. Bei dem Anschlag wurden mehrere Menschen verletzt. Die beiden Attentäter wurden von Soldaten erschossen

 23.10.2026 Aktualisiert

Tel Aviv

Greift Israel den Iran vor den Wahlen an? Jetzt spricht Armee-Chef Zamir

Medien geben Einblick in den Inhalt einer vertraulichen Besprechung hochrangiger Militärs

 23.10.2026

Israel

Der lange Weg zum Frieden

Von Re’im bis Majdal Shams: Eine Reise durch ein Land, das jeder zu kennen meint

von Sophie Albers Ben Chamo  23.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Politik

Netanjahu-Vertrauter rechnet mit Likud ab

Der langjährige Likud-Politiker Zachi Hanegbi will am 27. Oktober erstmals seit fast 50 Jahren nicht für den Likud stimmen. In einem Zeitungsbeitrag nannte der 69-Jährige die Gründe

von Sabine Brandes  22.10.2026

Israel

Eizenkot: »Werde in keine Regierung mit Netanjahu eintreten«

Der Herausforderer des Regierungschefs hat ausgeschlossen, mit ihm eine Koalition einzugehen, und kritisiert den Premier für dessen Versagen vor dem 7. Oktober

von Sabine Brandes  22.10.2026