»Für sie – für uns«. Das war das Motto der Demonstration am Samstagabend auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv. Mehr als 100.000 Menschen hatten sich nach Angaben der Polizei bei Kundgebungen im ganzen Land vor den Wahlen versammelt, bei denen am Dienstag ein neues Parlament gewählt wird. Lautstark forderten sie die Einsetzung einer unabhängigen staatlichen Untersuchungskommission zum Versagen vom 7. Oktober.
In Tel Aviv wurde die Kundgebung vom sogenannten »Oktoberrat« initiiert, einem Zusammenschluss von Angehörigen der Opfer des Hamas-Massakers, bei dem rund 1200 Menschen ermordet und 251 Geiseln genommen wurden. Der Rat kämpft für eine unabhängige Aufklärung der Geschehnisse des »Schwarzen Schabbat«.
Schilder mit »Wir werden nicht vergessen und nicht vergeben«
Viele Teilnehmer schwenkten israelische Flaggen und hielten Schilder mit Aufschriften wie »Wir werden nicht vergessen – wir werden nicht vergeben!« oder »Auf Nimmerwiedersehen, Regierung des Versagens!«.
Zu den Sprecherinnen und Sprechern gehörten Hinterbliebene, Überlebende des Massakers und der Gefangenschaft, Angehörige von Entführten, Reservisten und Zivilisten aus dem ganzen Land. Die Kundgebung verband Erinnerung und Schmerz mit einer Botschaft der Hoffnung für die Zukunft, sollte die kommende Wahl einen Wandel bringen.
Zuli Mor, ein Cousin von Abigail Idan und ihren Geschwistern Michael und Amalia, deren Eltern Smadar und Roi als Erste im Kibbuz Kfar Aza von Terroristen ermordet wurden, berichtete von einer erschütternden Begegnung mit einem Offizier der israelischen Armee, der einige Stunden nach Beginn des Angriffs zu ihm nach Hause kam.
Überlebender Zuli Mor: »Dieser Mann trug keine Schuld, doch er verspürte sehr wohl ein Gefühl der Verantwortung. Ich wünschte, ich könnte dasselbe über diejenigen sagen, die tatsächlich die Verantwortung tragen.«
»Er war ein kräftiger, stämmiger Mann, der sich zu mir herunterbeugte, weinte und sich Dutzende Male dafür entschuldigte, dass die Armee nicht früher hatte eintreffen können«, erinnerte sich Mor. Er habe ihn fest umarmt und gesagt, dass er keine Schuld trage. »Dann bat ich ihn, sich wieder um seine Soldaten zu kümmern. Dieser Mann trug keine Schuld, doch er verspürte sehr wohl ein Gefühl der Verantwortung. Ich wünschte, ich könnte dasselbe über diejenigen sagen, die tatsächlich die Verantwortung dafür tragen«, so seine harte Anklage.
Viki Cohen, Mutter der Geisel Nimrod Cohen, der als Soldat gekidnappt wurde und lebend nach Hause zurückkehrte, machte die Regierung für die Stärkung der Hamas im Gazastreifen verantwortlich. »Der Staat Israel, der mein Kind in den Kampf schickte, finanzierte die Terroristen und ihre Tunnel, in denen mein Sohn zwei Jahre lang gefangen gehalten wurde.« Warnungen seien ignoriert und jahrelang ein falsches Weltbild aufgebaut worden, kritisierte Cohen.
»Diese Regierung hat in den letzten drei Jahren keine Verantwortung übernommen. Im Gegenteil, sie tut alles, um das zu verhindern, was am allernötigsten ist: die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission.« Die Chefs der Sicherheitsbehörden seien bereits zurückgetreten, und jetzt, forderte die Mutter, »ist es an der Zeit, dass die politische Führung endlich Verantwortung übernimmt«.
Eine weitere Mutter, Mali Zander, deren Tochter Noa auf dem Nova-Musikfestival ermordet wurde, rief die Öffentlichkeit schließlich dazu auf, sich unbedingt an den Wahlen zu beteiligen. »Eine Nation kann sich nicht weiterentwickeln, ohne eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu führen«, erklärte sie. »Eine Führung kann nicht das Vertrauen der Bürger einfordern, ohne dabei selbst Verantwortung zu übernehmen.«
Ein Bild von Versagen und Arroganz
Eyal Eshel, Vater der ermordeten IDF-Späherin Roni Eshel, kritisierte, dass ausgerechnet jene, die für die Versäumnisse vom 7. Oktober zur Rechenschaft gezogen werden müssten, an der Auswahl der für die Untersuchung zuständigen Personen beteiligt seien. Die Koalition unter Premierminister Benjamin Netanjahu hatte beschlossen, eine Regierungskommission einzusetzen. »Wie ist es möglich, dass diejenigen, die Antworten liefern müssen, zugleich bestimmen wollen, wer die Untersuchungen durchführt?« Dann schrie er ins Mikrofon: »Sieht so etwa Verantwortung aus?«
Eshel hatte gemeinsam mit weiteren Angehörigen von Opfern eine zivile Untersuchungskommission gegründet, nachdem klar geworden war, dass keine unabhängige Kommission eingesetzt werden sollte. Sie hörten Hunderte Zeugenaussagen und präsentierten der Öffentlichkeit ein Bild von Versagen und Arroganz. Später gründeten sie den Oktoberrat, um eine unabhängige staatliche Untersuchungskommission für die Aufklärung der Versäumnisse des schlimmsten Anschlags in Israels Geschichte zu fordern.
»Ohne Wahrheit gibt es keine Verantwortlichkeit. Und ohne Verantwortlichkeit gibt es keine Wiedergutmachung«, resümierte Eshel. Er stehe hier wegen seiner Tochter Roni, die 19 Jahre und sieben Monate alt war, als sie getötet wurde. »Roni war kein Symbol oder eine Schlagzeile in einer Zeitung. Sie war Sharons und meine Tochter. Sie sollte nach Hause zurückkehren, ihre Mutter umarmen, mit ihren Geschwistern lachen und sich ein eigenes Leben aufbauen.«
»Gebt die Wahrheit nicht auf«, rief auch Danielle Aloni, die mit ihrer Tochter Emilia 59 Tage lang Geisel der Hamas war. Sie forderte alle Israelis eindringlich auf, zur Wahl zu gehen und einen Wandel für das Land herbeizuführen.
Kommission soll direkt nach der Wahl eingesetzt werden
Die Familien fordern, dass die Einsetzung einer unabhängigen Untersuchungskommission unmittelbar nach der Wahl am 27. Oktober eingeleitet wird. Eshel sagte, er wolle wissen, was mit seiner Tochter geschehen sei, wie es dazu kommen konnte und wer dafür verantwortlich sei. »Denn Schweigen wird mir ganz sicher niemals Ruhe schenken.«
Parallel zur Kundgebung auf dem Platz der Geiseln fand auf dem Rabin-Platz eine Veranstaltung der Linkspartei Die Demokraten statt. Parteivorsitzender Yair Golan gab sich zuversichtlich, dass man »nicht vor den Toren der Regierung bleiben wird. Wir sind auf dem Weg hinein«. Dann werde man »stark und entschlossen« für die Einsetzung dieser Kommission arbeiten.
Außerdem wolle seine Partei in einer künftigen Regierung »für die Gewährleistung von Lastengleichheit beim Wehrdienst sorgen, für die Stärkung der Demokratie, die Trennung von Religion und Staat sowie für die Beendigung des Terrorismus – des palästinensischen und des jüdischen«. Am Ende seiner Rede gingen Golan und die gesamte Delegation der Demokraten zur Kundgebung des Oktoberrats.
Auch die anderen Vorsitzenden der größten Oppositionsparteien waren auf den Platz der Geiseln gekommen, Naftali Bennett und Yair Lapid von Jesch Atid, Avigdor Lieberman von Israel Beiteinu und Gadi Eisenkot von Jaschar. Sprecher Eshel schloss mit einem Appell an die Öffentlichkeit: »Noch kann sich der Staat Israel aus dieser bitteren Spaltung im Volk erheben. Aber zuerst muss er der Wahrheit ins Auge sehen. Für Roni. Für uns alle!«