Herr Prosor, US-Präsident Donald Trump hat Israel dazu aufgerufen, für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zu stimmen. Was halten Sie von dieser Wahlwerbung?
Empfehlungen kann jeder geben. Aber am Ende entscheidet das israelische Volk, wen es wählt. Und so, wie ich meine Landsleute kenne, macht jeder sein Kreuz dort, wo er es für richtig hält.
Täuscht der Eindruck, dass die beiden Lager von Netanjahu und seinem Herausforderer Gadi Eisenkot sich verteidigungspolitisch kaum unterscheiden?
Das ist kein Zufall. Nach dem 7. Oktober gibt es in den wesentlichen Fragen der Verteidigungspolitik einen breiten Konsens in der israelischen Bevölkerung. Was uns alle beschäftigt, unabhängig von Parteien, ist, wie Israel seine Verteidigung auf Dauer sicherstellt. Mehr als 30 Prozent der israelischen Gesellschaft ist ultraorthodox oder israelisch-arabisch. Beide Gruppen leisten in ihrer großen Mehrheit weder Wehr- noch Zivildienst. Damit wird sich Israel wirtschaftlich und sicherheitspolitisch auseinandersetzen müssen. Auch Deutschland diskutiert in diesen Tagen über die Wehrpflicht. Stellen Sie sich mal vor, ein Drittel wäre von vornherein davon ausgenommen – egal, wie groß die Bedrohung ist.
»Jeder arabische Israeli kann heute eine Vielzahl von arabischen Parteien wählen. Die Palästinenser dagegen durften seit 20 Jahren nicht mehr wählen.«
Ministerpräsident Netanjahu hat die Ultraorthodoxen bisher davor bewahrt, Wehrdienst leisten zu müssen. Bei den Koalitionsverhandlungen nach der Wahl dürften die israelisch-arabischen Parteien eine wichtige Rolle spielen.
Die Umfragen besagen, dass sie wahrscheinlich 14 bis 15 Sitze bekommen. Jeder arabische Israeli kann heute eine Vielzahl von arabischen Parteien wählen. Die Palästinenser dagegen durften seit 20 Jahren nicht mehr wählen. Ihr Präsident Mahmud Abbas hat schon seit 2006 keine Wahlen mehr zugelassen und die Parlamentswahl in den palästinensischen Gebieten kürzlich wieder auf unbestimmte Zeit verschoben. Zwei Jahrzehnte ohne Wahlen – wahrlich ein Paradies für jeden Politiker.
Welche Rolle spielt das Terror-Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 für die Wahl?
Auf den vorderen Listenplätzen für die nächste Knesset stehen dutzende Menschen, die der 7. Oktober persönlich getroffen hat: Eltern, die ihre Kinder verloren haben, Angehörige von Geiseln, Verwundete, Reservisten mit unzähligen Diensttagen. Wir sind noch im Trauma, nicht im Posttrauma. Und wir haben einen hohen Preis dafür bezahlt, dass wir die gefährliche Ideologie der Hamas verharmlost haben. Aber in den vergangenen drei Jahren haben wir auch viel erreicht.
Nämlich?
Die Hamas wurde erheblich geschwächt. Die Hisbollah ist zum ersten Mal nicht an der Regierung im Libanon beteiligt. Die Mullahs und Ayatollahs im Iran sind im nuklearen Bereich um zwei Jahre zurückgeworfen. Und Assad sitzt jetzt in Moskau und trinkt Wodka.
Aber ist Israel nicht in eine strategische Falle gelaufen? Die Hamas hat ihr Ziel erreicht, Israel international weitgehend zu isolieren.
Es ist für uns Israelis besser, am Leben zu sein und kritisiert zu werden, als tot zu sein und bemitleidet zu werden. Am 7. Oktober 2023 wurden in den Kibbuzim vor allem jene Menschen ermordet, die ihr ganzes Leben dem Ziel gewidmet haben, in Frieden mit den Palästinensern zu leben. Ich war Staatssekretär, als Israel sich 2005 einseitig aus Gaza zurückgezogen hat und das Gebiet den Palästinensern überlassen hat. Sie hätten daraus ein zweites Singapur machen können. Stattdessen entschied man sich für Gewalt, Terror und Tod.
Wie kann es da noch Frieden geben?
Wenn die Vernichtung Israels auf palästinensischer Seite nicht länger als legitimes Ziel gilt, nicht mehr in Schulbüchern gelehrt und nicht mehr mit Terror-Renten belohnt wird, dann glaube ich, dass es viele in Israel geben wird, die bereit wären, über zwei Staaten für zwei Völker zu sprechen. Erst muss aber die Hamas entwaffnet werden, und die Palästinenser müssen aus dem Würgegriff der Terroristen befreit werden.
Sie haben schon oft die Berichterstattung deutscher Journalistinnen und Journalisten über den Nahost-Konflikt sehr scharf kritisiert. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie mit solchen Einschüchterungsversuchen die Pressefreiheit verletzen?
Die israelische Politik wird Tag und Nacht kritisiert, am stärksten von den Israelis selbst. Damit kann ich leben. Eine rote Linie ist aber überschritten, wenn Israel delegitimiert und dämonisiert wird. Wann immer das geschieht, werde ich auch in Zukunft meine Stimme erheben.
Wie ist das Verhältnis der israelischen Regierung zur AfD?
Sie spricht nicht mit der AfD. Ich auch nicht. Formell gibt es da kein Verhältnis.
Was macht Ihnen mehr Angst: der rechtsextreme Antisemitismus der AfD oder der Antisemitismus in der Linkspartei?
Eine Brandmauer gegen Antisemitismus steht entweder gegen alle Seiten, oder sie ist eine wertlose Kulisse. Der linke Antisemitismus ist aber das Gefährlichste.
Warum?
Rechte Antisemiten sagen offen: »Wir sind gegen Juden, Schwarze und Schwule.« Deutschland weiß juristisch und politisch sehr gut, wie man dagegen vorgeht. Der muslimische Antisemitismus geht auf die Straße und sagt: »Wir wollen ein Kalifat errichten und Scharia-Gesetze einführen.« Dagegen stehen die Juden nicht allein. Der Antisemitismus von links ist geschickter. Im kulturellen und akademischen Bereich hat man die rote Linie zwischen Meinungsfreiheit und Aufhetzung längst überschritten. Ein jüdischer Künstler muss seine Identität in der Garderobe abgeben, um akzeptiert und nicht boykottiert zu werden. Denken Sie etwa an die Ausladung des Dirigenten Lahav Shani.
Was passiert, wenn im Berliner Abgeordnetenhaus wie geplant eine Koalition unter Führung der Linkspartei regieren wird?
Was in Berlin passiert, muss jeden beunruhigen, dem das Fortbestehen jüdischen Lebens in dieser Stadt am Herzen liegt: Juden haben Angst, mit Davidstern und Kippa in die U-Bahn zu gehen. Jüdische Studenten fürchten sich auf dem Uni-Campus. Und jüdische Familien nehmen ihre Kinder aus öffentlichen Schulen, um sie zu schützen. Lippenbekenntnisse gegen Antisemitismus werden dieses Problem nicht lösen. Es braucht konkrete Maßnahmen, damit jüdisches Leben in Deutschland sicher und sichtbar gelebt werden kann.
Sie sind seit vier Jahren als Botschafter in Deutschland. Hat das Wahlergebnis in Israel Auswirkungen auf die Frage, ob Sie als Botschafter hierbleiben?
Botschafter dienen dem Staat, nicht einer Regierung. Ich wurde 2022 vom damaligen Außenminister Yair Lapid nach Deutschland entsandt und habe seither unter einer ganz anderen Regierung gearbeitet. Das wird nach dieser Wahl nicht anders sein, wie auch immer sie ausgeht. Ich denke, dass wir uns auch im kommenden Jahr hier in Berlin treffen können.
Zum Schluss eine religiöse Frage: Glauben Sie, dass es einen Himmel mit Gerechtigkeit und Versöhnung gibt, in dem die Kriege, der Hass und das Morden ein Ende haben werden?
Als säkularer und nicht religiöser Jude antworte ich so: Ich glaube, dass es etwas gibt, das über uns ist. Manchmal denke ich, dass Dinge passieren, für die es keine rationale Erklärung gibt. Am deutlichsten spüre ich das in Jerusalem. Wenn ich dort mit meinen Kindern durch die Straßen gehe, fühle ich mich wie auf den Schultern von Riesen. Ich spüre etwas, das man nirgendwo anders spürt. Ein Schelm würde sagen: Ein Telefonanruf bei Gott ist aus Jerusalem kein Fern-, sondern ein Ortsgespräch.
Ron Prosor (68) ist seit 2022 der Botschafter des Staates Israel in Deutschland. Die Familie seines Vaters war 1933 aus Berlin geflohen. Prosor war Major bei den israelischen Streitkräften und ist studierter Politikwissenschaftler.