Bei der israelischen Parlamentswahl steht ein wichtiger Teil der Auszählung noch aus: Bis zu 650.000 Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen gesondert überprüft werden. Laut »Ynet« könnten sie die Sitzverteilung in der Knesset noch spürbar verändern. Gerade bei den knappen Mehrheitsverhältnissen kommt diesen Stimmen besondere Bedeutung zu.
Die sogenannten Doppelumschlag-Stimmen stammen unter anderem von Angehörigen der israelischen Streitkräfte, Polizisten, Diplomaten, Gefängnispersonal, Patienten in Krankenhäusern und Menschen, die wegen des Krieges ihre Wohnorte verlassen mussten. Das Verfahren ermöglicht ihnen, ihre Stimme außerhalb des ihnen zugewiesenen Wahllokals abzugeben.
Dabei wird der Stimmzettel zunächst in einen anonymen Umschlag gesteckt, der anschließend in einen zweiten Umschlag mit den persönlichen Angaben des Wählers kommt. Die Wahlbehörden prüfen anhand der äußeren Hülle, ob die betreffende Person bereits abgestimmt hat. Erst danach wird der innere Umschlag geöffnet und die Stimme in die landesweite Auszählung aufgenommen.
Stimmen im Umfang von etwa 15 Mandaten
Wegen des Krieges und der zahlreichen mobilisierten Reservisten rechnet die Zentrale Wahlkommission mit einer außergewöhnlich hohen Zahl solcher Stimmzettel. Bei der Wahl 2022 waren mehr als 460.000 Doppelumschlag-Stimmen abgegeben worden. Für die aktuelle Abstimmung gingen die Schätzungen im Vorfeld von 600.000 bis 650.000 aus.
Das Volumen entspricht rechnerisch ungefähr 15 Knessetmandaten. Diese werden allerdings nicht gesondert vergeben: Die zusätzlichen Stimmen fließen in das Gesamtergebnis ein und können dadurch die Verteilung der 120 Parlamentssitze zwischen den Parteien verschieben.
Erfahrungsgemäß profitieren von diesem Verfahren vor allem zionistische Parteien unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Ein wesentlicher Grund dafür ist der hohe Anteil von Soldaten unter den Wählern, die auf diese Weise abstimmen. Ultraorthodoxe und arabische Wählergruppen sind in dieser Kategorie hingegen weniger stark vertreten. Dadurch können sich die relativen Stimmenanteile ihrer Parteien nach Abschluss der Sonderauszählung verringern.
Schas und Vereinigtes Thora-Judentum
Besonders im Blick stehen deshalb die ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum sowie die überwiegend arabische Vereinte Liste und die islamistische Partei Ra’am. Ob und in welchem Umfang sich ihre Mandatszahlen verändern, hängt jedoch auch von den noch ausstehenden regulären Stimmen, dem Abschneiden der übrigen Parteien und der Verteilung überschüssiger Stimmen ab.
Wie stark die Sonderstimmen einzelne Parteien beeinflussen können, zeigte sich bereits 2022. Vor ihrer Berücksichtigung wurde das Vereinigte Thora-Judentum mit acht Mandaten prognostiziert, während die säkular-nationalistische Partei Israel Beitenu von Avigdor Lieberman auf fünf Sitze kommen sollte. Nach der Einbeziehung der zusätzlichen Stimmen verlor die ultraorthodoxe Partei ein Mandat, während Israel Beitenu eines hinzugewann. im