Terfren Laila war eine rätselhafte Frau, gekleidet in fließende weiße Gewänder, den Turban mit einer Rubinbrosche zusammengehalten, wie es der Tochter eines Professors aus der Sikh-Gemeinde im indischen Bombay gebührt. Sie erzählte, sie habe in Singapur die Kunst erlernt, sich als Fakir aufs Nagelbrett zu legen. Danach habe sie Philosophie bei dem indischen Nobelpreisträger Rabindranath Tagore, Astronomie bei dem französischen Spiritismusforscher Nicolas Flammarion und Handlesen bei Professor Stefan Meyer aus Wien studiert. Auch sich selbst gab sie einen akademischen Titel: Professorin der okkulten Wissenschaften.
Laila behauptete, 18 Sprachen zu sprechen, darunter Jiddisch. Dass sie Jüdin war, verschwieg sie. Geboren wurde die Wahrsagerin, deren bürgerlicher Name Else Teresa Frenkel lautete, 1901 im damaligen Österreich-Ungarn, wahrscheinlich in Czernowitz. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Ihre Karriere als Laila begann 1930 in Berlin, doch als ihr Identitätsschwindel aufflog, zog sie um die Welt: nach New York, Los Angeles, Vancouver, Buenos Aires und London, wo sie unter anderem vorhersagte, dass der Prince of Wales sich mit einer spanischen Prinzessin verloben werde. Auch Telepathie gehörte zu ihrem Angebot, das sogar führende Politiker ihrer Zeit wie Georges Clemenceau, Benito Mussolini, Lord Balfour und Lloyd George gern annahmen. Ebenfalls mehrere zionistische Anführer.
Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler
Laila ist einer der »Stars« der aktuellen Ausstellung des YIVO Institute for Jewish Research in New York mit dem Titel »Jews Are Magic: Occult Practices from Palmistry to Professional Psychics«. Die Schau über jüdischen Okkultismus widmet sich Handlesern, Geisterbeschwörern, Wahrsagern und Wunderheilern in Amerika und im Schtetl – und dem Schutz vor dem bösen Blick.
Zu sehen sind Amulette, alte Bücher, Zeitungen und auch immer wieder großformatige Zeichnungen von Händflächen mit Erklärungen dazu, was sich aus welcher Linie ablesen lasse. Ein Film erläutert in Endlosschleife magische Praktiken.
Die offizielle Linie der hohen Rabbiner lautete schon vor der okkultismusbegeisterten Zeit der 1920er- und 30er-Jahre, dass derlei »Hexenwerk« nicht mit dem jüdischen Glauben vereinbar sei.
Dora Meltzer, die im New Yorker Einwandererviertel Lower East Side in der Orchard Street lebte, hatte bereits Ende des 19. Jahrhunderts ihr Geld damit verdient. Hundert Jahre später wurden dort bei Bauarbeiten ihre Werbeflugblätter entdeckt. Für 15 Cent könne sie wahrsagen, wie der Kunde heiße, wie alt er sei und wie viel Geld er in der Tasche habe, hieß es darauf.
Auch Abraham Hochman, der behauptete, seine Fähigkeiten im Hand- und Gedankenlesen von seinem Vater geerbt zu haben, ließ sich in der Lower East Side nieder. Dort verfasste der Talmudschüler Bücher über Astrologie und Glück auf Englisch und Jiddisch und lehrte, wie man die Zukunft voraussagt. Einmal tauchte er bei einem Prozess im Gerichtsgebäude auf und bezahlte die Kaution für einen Angeklagten. Den kannte er zwar nicht, behauptete aber, dessen Gedanken gelesen zu haben und deshalb zu wissen, dass der Mann unschuldig sei. Am nächsten Tag wurde dieser tatsächlich freigesprochen.
Naftali Herz Imber schrieb nicht nur den Text der »Hatikwa«, er war auch Hellseher.
Hochman annoncierte auch, dass er davongelaufene Ehemänner wiederfinden könne, damals ein großes Problem in der Lower East Side. 1903 verkündete er, der Mann einer gewissen Minnie Cohen werde am Abend um 22 Uhr an der Ecke Pitt Street und Grand Street auftauchen. Tatsächlich lehnte der Treulose dort pünktlich an einem Laternenmast. Später erwarb Hochman ein kleines Hotel in den Catskills und gab Haggada-Bücher heraus.
Noch berühmter war Naftali Herz Imber. Genau, der Verfasser des Textes der israelischen Nationalhymne »Hatikwa«. In früheren Jahren nannte er sich »Apostel der Kabbala«, »Abgesandter der 37 Meister« oder schlicht »Der Mahatma«. Der Hellseher aus einem galizischen Schtetl nahe Lemberg war bereits als junger Mann nach Palästina aufgebrochen. Dort schrieb er Gedichte und vertiefte sich in das Studium der Kabbala. Er arbeitete für Sir Laurence Oliphant, einen evangelikalen Exzentriker aus Großbritannien, der Juden in Nordpalästina ansiedeln wollte, um die Apokalypse zu beschleunigen.
Bald darauf reiste Herz Imber mit dessen Frau, die seine Geliebte war, nach Indien. 1896 ging er mit einer anderen Geliebten nach San Francisco, wo er vor einer »großen Katastrophe« in Paris warnte. Tatsächlich brach Monate später beim Bazar de la Charité ein Großfeuer aus, dem Hunderte Menschen zum Opfer fielen. In Los Angeles prophezeite der starke Trinker, dass kalifornische Weine eines Tages die besten der Welt sein würden und dass die Menschheit ihre Energie von der Sonne beziehen werde. Schließlich landete er in New York City, wo ihn die Familie Sulzberger über Wasser hielt, der die »New York Times« gehört.
Stalins Vertrauter
In hohe politische Kreise schaffte es Velvi Messing, der sich Wolf Messing nannte. Er wurde 1899 in eine arme chassidische Familie in Góra Kalwaria nahe Warschau geboren und studierte bei dem dortigen Rabbiner, der einer der größten chassidischen Strömungen in Polen angehörte. Schon damals entdeckte Messing sein Talent für mentale Suggestion und Hellseherei. Unter anderem soll er geholfen haben, einen Juwelenraub aufzuklären. 1939 sagte er voraus, dass Hitler über Stalin stürzen werde, und floh kurz darauf in die Sowjetunion, wo er bis an sein Lebensende bleiben sollte. Bald gehörte er zu Stalins engem Kreis. Nach dessen Tod setzte Messing seine Karriere als Hellseher für Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnjew fort.
Er habe sich schon in der Schulzeit für Zeitungsanzeigen von Hellsehern interessiert, sagt Eddy Portnoy, Kurator der »Jews Are Magic«-Ausstellung und Verwalter des umfangreichen YIVO-Archivs mit rund 24 Millionen Objekten. Er konzipierte die Schau gemeinsam mit Samuel Glauber, einem Kollegen aus Israel, der an der Saint Louis University lehrt und dessen Fachgebiet Mystizismus in Osteuropa ist.
Natürlich seien Mystizismus, Kabbala, Handlesen und Hellsehen kein Teil des offiziellen, normativen Judentums und würden deshalb eher unter der Decke gehalten, sagt Portnoy. Aber diese Themen seien bei den Menschen eben immer besonders beliebt gewesen. Bei ihren Recherchen hätten sie so viele Amulette und Bücher gefunden, dass sie in der Ausstellung gar nicht alle unterbringen konnten. »Diese Leute hatten echte Probleme, aber keine Lösungen«, erklärt es sich der Ausstellungsdirektor. »Nachdem sie andere Sachen ausprobiert hatten, versuchten sie es schließlich mit Wunderhelfern und deren Magie.« Mancher Rabbi hat da offensichtlich beide Augen zugedrückt.
Influencer und Wellness
Und schließlich spannt die Ausstellung den Bogen in die Gegenwart zu Influencern und Wellness-Gurus in den sozialen Medien: »Immer wenn Menschen den Druck der Welt zu sehr spüren, greifen sie darauf zurück.« Das habe auch mit Hoffnung zu tun.
Ein tragisches Beispiel in der Schau ist der Fall des dänischen Hypnotiseurs Erik Jan Hanussen, der eigentlich Herschel Steinschneider hieß und aus Wien stammte. Der Spiritismus-Star der Weimarer Jahre verkehrte ab 1930 in Nazi-Kreisen. Wenige Wochen nach der »Machtergreifung« wurde seine Leiche im Straßengraben nahe Berlin gefunden.
Terfren Laila rettete die Flucht vor der Polizei vor der Schoa. Allerdings ist über ihren Lebensabend ebenso wenig bekannt wie über ihre Kindheit. In den 50er-Jahren tauchte sie noch einmal in Südamerika auf. Alles danach bleibt mysteriös.
»Jews are Magic« ist noch bis zum 31. Dezember im YIVO im Center for Jewish History in New York zu sehen.