Am vergangenen Wochenende setzten Randalierer das prächtige Rathaus von Limoges in Brand. In ganz Frankreich wurden Geschäfte geplündert, Polizeibeamte angegriffen und öffentliche Gebäude beschädigt. Zeitweise verlor die Polizei die Kontrolle, wie der Innenminister einräumen musste. Und im 19. Bezirk von Paris fanden Beter der Ohalei-Yaakov-Gemeinde beim Betreten der Synagoge Gebetsbücher und Tefillin auf dem Boden verstreut vor. Auch das Büro des Rabbiners war durchwühlt worden.
Es wird vermutet, dass es sich um einen versuchten Einbruch handelte. Vielleicht war es das. Doch wir Juden haben gelernt, dass auch ein solches Motiv nur ein schwacher Trost ist, wenn das Heilige auf dem Boden liegt. Und wir wissen , dass aktuell ein gesellschaftliches Klima herrscht, das auch andere Motive möglich erscheinen lässt. Ein Klima, in dem unfassbare Dinge wieder möglich werden. Ein Klima, in dem über die Belange der Nation auf der Straße und nicht in der Wahlkabine oder im Gerichtssaal entschieden wird.
Sicher, in Frankreich wurde schon immer öffentlich hart gerungen. Oft geschah das gewaltsam. Die Französische Revolution, das Jahr 1968 und oder vor ein paar Jahren die Gelbwesten-Bewegung veränderten den Kurs der Nation. Widerstand gegen Autoritäten ist Teil der französischen DNA.
Keine abstrakte Angelegenheit
Und doch es gibt eine Grenze zwischen einer Gesellschaft, die ihre Institutionen in Frage stellt, und einer, die sie niederbrennt. Der Brite Edmund Burke, der vor 230 Jahren die Revolution auf der anderen Seite des Ärmelkanals verfolgte, warnte zu Recht: »Wut und Raserei werden in einer halben Stunde mehr zerstören, als Besonnenheit, Überlegung und Weitsicht in hundert Jahren aufbauen können.« Frankreich hat diese Grenze am vergangenen Wochenende überschritten, in Limoges und anderswo.
Für viele ist das alles eine abstrakte Angelegenheit. Für Frankreichs Juden nicht. Im Jahr 1791 war die Grande Nation das erste Land auf dem Kontinent, das Juden die vollen Bürgerrechte gewährte. Die demokratische Teilhabe war eines der edelsten Versprechen der Revolution. Heute, 235 Jahre später, müssen jüdische Einrichtungen von Soldaten bewacht werden. Das Innenministerium verzeichnete im vergangenen Jahr 1320 antisemitische Vorfälle – mehr als die Hälfte aller antireligiösen Handlungen im Land richteten sich gegen die vergleichsweise kleine jüdische Minderheit.
Bewaffnete Wachen vor jüdischen Schulen sind auch dort mittlerweile so alltäglich wie Bushaltestellen. Frankreich verdient Anerkennung dafür, dass es Juden schützt. Doch ein Wachmann am Schultor ist ein Symptom für eine Krankheit und kein Heilmittel. Eine Gemeinschaft, die nur unter Schutz beten kann, ist nicht frei.
Das sich zuspitzende politische Klima hat dazu beigetragen. Die Debatte über Israel in Frankreich ist grobschlächtig und verletzend geworden. Die Grenze zwischen der Kritik an einer ausländischen Regierung und Groll gegen die jüdischen Nachbarn im eigenen Land, sie verschwimmt immer mehr. Und wenn dann die Straße zum Austragungsort politischer Gefechte wird, sind diejenigen, die bereits als Zielscheiben ausgemacht sind, auch die ersten, die den Hass am eigenen Leib zu spüren bekommen.
Konsequenzen für Europa
Auch in Deutschland gab es das schon einmal. 1819 fegten die »Hep-Hep«-Unruhen von Bayern aus über die deutschen Kleinstaaten hinweg. Menschen, die über die Emanzipation der Juden empört waren, rotteten sich zu Mobs zusammen und griffen jüdische Häuser und Geschäfte an. Richtig, Frankreich im Jahr 2026 ist nicht mit Deutschland im Jahr 1819 vergleichbar. Doch eine Lehre bleibt: Wenn die Behörden die Kontrolle über die Straße verlieren, werden Angehörige von Minderheiten als Erste zu Freiwild. Und alle anderen kurze Zeit später auch.
Deshalb gilt meine Sorge nicht nur den Juden in Frankreich. Die Französische Republik ist auch ein Grundpfeiler der politischen und wirtschaftlichen Ordnung Europas. Wenn Paris es nicht schafft, den inneren Frieden aufrechtzuerhalten, wird irgendwann auch das Vertrauen in die europäischen Institutionen zerbrechen. Wir sollten nie vergessen: Die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, steht nicht im Gegensatz zur Freiheit. Sie ist ihre Voraussetzung.
Was muss nun geschehen? Diejenigen, die brandschatzten und plünderten, müssen schnell vor Gericht gestellt werden. Die Plünderungen der Ohalei-Yaakov-Synagoge müssen aufgeklärt und die Täter ermittelt werden. Dabei ist gleichgültig, was am Ende ihr Motiv war. Und die französischen Politiker aller Lager müssen aufhören, die Straße als legitime Erweiterung der Parlamente zu betrachten.
Frankreich hat Europa vieles geschenkt, darunter die allgemeinen Menschenrechte. Nun muss das Land beweisen, dass es diese auch an einem normalen Samstagabend gewährleisten kann.
Der Verfasser ist Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER).