Der indische Kapitän Smit Machchhar hat den Angriff seines Co-Piloten an Bord des »Fly Dubai«-Fluges FZ1073 nur knapp überlebt. In einem Interview aus dem Krankenhaus in Abu Dhabi schilderte der Pilot erstmals ausführlich, wie sein Kollege ihn im Cockpit mit einer Axt attackierte und anschließend die Kontrolle über die Boeing 737 übernahm. Die Maschine sackte daraufhin innerhalb weniger als einer Minute um rund 17.000 Fuß ab. Alle 172 Menschen an Bord überlebten.
Der Flug war am 30. September von Dubai nach Tel Aviv unterwegs. Nach den Ermittlungen der Vereinigten Arabischen Emirate soll der Co-Pilot geplant haben, das Flugzeug auf den israelischen Flughafen Ben Gurion zu lenken und dort in das Passagierterminal zu steuern. Der Verdächtige wurde festgenommen und muss sich wegen Terrorismusvorwürfen verantworten.
Machchhar erholt sich von schweren Verletzungen am Kopf und am Arm. Im Gespräch mit der staatlichen emiratischen Zeitung »The National« berichtete er, dass er zunächst überhaupt nicht begriffen habe, was geschehen sei.
Sehvermögen eingeschränkt
»Beim ersten Schlag dachte ich, dass mit der Flugzeugstruktur etwas schrecklich schiefgelaufen sei und etwas auf meinen Kopf gefallen wäre«, erinnerte sich der Kapitän. Die Wucht des Schlages habe ihn beinahe auf das Steuerhorn gedrückt. Als die Angriffe weitergingen, habe er erkannt, dass sein eigener Kollege hinter der Attacke steckte.
Machchhar versuchte zunächst, sich aus den Sicherheitsgurten zu befreien und die Schläge abzuwehren. Die Verletzungen waren so schwer, dass sein Sehvermögen zeitweise stark eingeschränkt war. Er habe nur noch Umrisse erkennen können, berichtete er. An Einzelheiten des Ablaufs und der zeitlichen Reihenfolge könne er sich nicht lückenlos erinnern.
Sein erster Gedanke sei gewesen, die Cockpittür zu öffnen und die übrigen Besatzungsmitglieder zu alarmieren. »Ich versuchte, die Schläge so gut es ging abzuwehren, während ich nach meinen Kollegen schrie«, sagte Machchhar. Er habe wiederholt nach der Tür gegriffen, dabei aber so viel Blut verloren, dass er zeitweise das Bewusstsein verlor.
Zunehmend bedrohlich
Währenddessen brachte der Angreifer das Flugzeug in einen steilen Sinkflug. Die Maschine verlor innerhalb von weniger als einer Minute etwa 17.000 Fuß an Höhe. Für den Kapitän wurde die Situation zunehmend bedrohlich.
»Das Beängstigendste, was ich hörte und spürte, war, wie die Triebwerke herunterfuhren«, berichtete er. Der Klang sei von voller Leistung zu einem Geräusch übergegangen, das man in dieser Flugphase keinesfalls hören wolle. Gleichzeitig habe er gespürt, wie die Maschine steil nach unten gestürzt sei.
Auch die Passagiere und Flugbegleiter bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Sie schlugen von der Kabinenseite gegen die verschlossene Cockpittür. Machchhar versuchte unterdessen weiter, sie zu öffnen. »In diesem Moment wurde mir klar, dass ich dies nicht überleben würde«, sagte er über seine Gedanken während des Angriffs. Dennoch habe er nicht aufgehört, nach der Tür zu suchen und gegen sie zu drücken.
Hilfe unterwegs
Schließlich gelang es ihm, die Tür zu öffnen. Als er wieder zu sich kam, lag er mit dem Gesicht nach unten zwischen dem Cockpit und der Bordküche. Die Tür stand offen, und Hilfe war unterwegs.
Was danach geschah, beschreibt Machchhar als chaotisch. Passagiere und Besatzungsmitglieder drangen zum Cockpit vor und überwältigten den Co-Piloten. Zwei weitere »Fly Dubai«-Piloten, die sich als Passagiere an Bord befanden, übernahmen die Steuerung der Maschine.
Der Kapitän erinnerte sich an eine große Zahl von Menschen, die gleichzeitig versuchten, die Lage unter Kontrolle zu bringen. »Wenn ich sagen müsste, wie viele Menschen versucht haben, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, würde ich sagen: eine Million«, sagte er. Natürlich sei das keine wörtliche Zahl, doch sein Eindruck sei gewesen, dass sich alle an der Rettung beteiligt hätten.
»Eine Art Wunder«
Ein Passagier zog den schwer verletzten Piloten aus dem Cockpit. Kurz darauf erreichte ihn der leitende Flugbegleiter, der ihm ebenfalls half: »Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass mich einer der Passagiere herauszog. Kurz darauf kam glücklicherweise der leitende Flugbegleiter zu mir und vollbrachte eine Art Wunder. Und ja, deshalb kann ich heute mit Ihnen sprechen.«
Die Boeing wurde schließlich nach Tabuk in Saudi-Arabien umgeleitet und dort gelandet. Während der Attacke hatte Machchhar erhebliche Blutverluste erlitten. Der Zahnarzt Shota Musaev, der sich unter den Passagieren befand, half nach der Landung dabei, die Blutungen zu stillen. Er berichtete später, dass die Wunden am Kopf und an der linken Hand sehr tief gewesen seien.
Machchhar dachte in diesen Minuten an seine Familie. »Ich dachte an meinen Sohn und meine Tochter und betete. Das war der Moment, in dem ich sagen würde, dass ich nicht aufgegeben habe«, sagte er. Ob er sicher gewesen sei, es zu schaffen, sei eine andere Frage. »Nein, das war ich nicht.«
Kein Misstrauen
Der Kapitän bedankte sich ausdrücklich bei den Passagieren und Kollegen, die eingegriffen hatten. Ohne ihre Hilfe hätte der Angriff möglicherweise weitaus schlimmere Folgen gehabt.
Besonders schwer fällt es Machchhar nach eigenen Angaben zu verstehen, warum sein Kollege die Tat beging. Er hatte den Co-Piloten an diesem Morgen zum ersten Mal getroffen. Das Gespräch vor dem Angriff sei oberflächlich und unauffällig gewesen. Nichts habe ihn misstrauisch gemacht.
»Wenn es vorher am Boden oder sonst irgendwo etwas gegeben hätte, das auf etwas hingedeutet hätte, hätte ich natürlich reagiert. Ich hätte etwas gesagt und bestimmte Dinge hinterfragt«, erklärte er. Auch während des Fluges habe es keinen Anlass gegeben, ein ungewöhnliches Verhalten zu vermuten.
Frühere Flüge
Der Co-Pilot sei etwa zwei Stunden nach dem Start auf die Toilette gegangen. Nach seiner Rückkehr habe er angekündigt, beten zu wollen. Machchhar habe zu diesem Zeitpunkt lediglich die geplante Landezeit im Bordcomputer überprüft. Kurz darauf sei er angegriffen worden.
Warum der mutmaßliche Täter zu diesem Zeitpunkt handelte, obwohl Tel Aviv noch mehr als eine Flugstunde entfernt war, kann sich der Kapitän nicht erklären. »Ich würde nicht sagen, dass ich sehr viel darüber nachgedacht habe, aber ja, ich habe mir Gedanken gemacht. Für mich ergibt es keinen Sinn«, sagte er.
Nach Angaben der emiratischen Ermittler soll der 29 Jahre alte Co-Pilot aus dem Oman stammen. Er habe sich durch islamistische Inhalte im Internet sowie durch religiöse Unterweisungen in einem Studienzentrum in Australien radikalisiert. Zudem soll er zwei frühere Flüge nach Tel Aviv genutzt haben, um sich mit der Route und dem Flughafen vertraut zu machen. im