Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Herr Rich, die britische NGO Campaign Against Antisemitism (CAA) dokumentiert in ihrem aktuellen Bericht erheblichen Antisemitismus ausgerechnet im britischen Gesundheitswesen. Wie erklären Sie sich das?
Seit dem 7. Oktober 2023 verzeichnen wir im Vereinigten Königreich einen massiven Anstieg des Antisemitismus sowie eine Verschärfung der Stimmung in den sozialen Medien und bei Protesten, aber auch in Bereichen, in denen er zuvor kaum eine Rolle spielte. Das Gesundheitswesen ist dafür ein neues Beispiel. Wer im Krankenhaus liegt, ist verletzlich und muss den behandelnden Menschen vertrauen können. Dass Ärzte, Pflegekräfte, Klinikpersonal oder Patienten jüdische Kollegen oder Patienten antisemitisch beschimpfen oder gezielt gegen sie vorgehen, ist alarmierend.

Wie konnte es dazu kommen, dass Antisemitismus selbst dort gesellschaftsfähig wird, wo man ihn am wenigsten erwarten würde?
Antisemitismus gab es schon immer, aber normalerweise beschränkte er sich auf die politischen Ränder: auf Rechtsextreme, radikale Islamisten und die radikale Linke. Seit dem 7. Oktober ist es viel alltäglicher geworden, antisemitische Ansichten zu vertreten und zu äußern. Soziale Medien spielen eine große Rolle bei der Normalisierung dieser Ideen. Ebenso die Protestbewegung gegen Israel, den Zionismus und die Vorstellung, Israel sei ein modernes Nazi-Deutschland, das Völkermord begehe. Auch dass jeder, der mit Israel in Verbindung gebracht wird, ein Kindermörder sei, ist mittlerweile weit verbreitet. Dieser Einfluss hat sich auch auf akademische und politisch engagierte Schichten der Mittelschicht ausgebreitet – dazu gehören Ärzte ebenso wie Anwälte.

Warum drangen die antisemitischen Narrative aus den Rändern der Gesellschaft bis in deren Mitte?
Seit dem 7. Oktober hat sich für viele Menschen in ihren Köpfen bestätigt, dass Israel ein Apartheidstaat sei. Hinzu kommt die Realität des Ausmaßes an Tod und Zerstörung im Gazastreifen; ganz gleich, wie man die tatsächlichen Geschehnisse bewertet, es wird in politischen Kampagnen instrumentalisiert und von Extremisten genutzt. Genau diese Dynamik greift. Hinzu kommt ein Narrativ, das Israel für praktisch jedes Problem der Welt verantwortlich macht. All das hat dazu beigetragen, dass Antisemitismus in Teilen der Gesellschaft wieder salonfähig geworden ist.

Welche Rolle spielen Universitäten und Kultureinrichtungen bei dieser Verbreitung?
Antisemitismus und politischer Extremismus sind an Universitäten nicht neu. Neu ist, dass manche der Studenten, die vor 30 oder 40 Jahren mit solchen Ideen experimentierten, heute als Akademiker lehren und Abteilungen leiten. Teilweise vertreten und vermitteln sie selbst antisemitische Vorstellungen – etwa über angebliche jüdische Macht oder »zionistische Lobbys« – oder vergleichen Israel mit Nazi-­Deutschland.

Wie können jüdische Studierende geschützt werden, wenn der Antisemitismus von den Dozierenden ausgeht?
Das ist genau das Problem. Wenn jüdische Studierende mit Antisemitismus durch andere Studierende konfrontiert sind, gibt es Verfahrensweisen, damit umzugehen. Schwieriger wird es, wenn der Dozent über Hausarbeiten und Noten entscheidet: Das Machtgefälle macht es sehr schwer, sich zu wehren. Deshalb schweigen jüdische Studierende oft zunächst und beschweren sich erst nach dem Abschluss – dann ist es häufig zu spät, weil sie die Universität bereits verlassen haben. Man muss allerdings auch sagen: Die meisten jüdischen Studierenden machen an den meisten Universitäten positive Erfahrungen und begegnen keinem Antisemitismus.

Beim Terroranschlag in Manchester am 2. Oktober 2025 wurden zwei Menschen vor der Heaton Park Synagogue getötet, und Ende April dieses Jahres kam es im Londoner Stadtteil Golders Green zu einer schweren Messerattacke. Wie sicher ist das Leben für Jüdinnen und Juden überhaupt noch in Großbritannien?
Nun, diese Frage wird mir oft gestellt, und ich sage immer, es ist die falsche Frage. Tatsächlich gab es in Großbritannien in den ersten zwei Jahren nach dem 7. Oktober keine derart extreme Gewalt. Doch dann kam es im vergangenen Jahr an Jom Kippur zum erwähnten Angriff auf die Synagoge im Heaton Park. Dieses Jahr gab es die Messerattacke in Golders Green. Es ist eine Gefahr, der Juden überall ausgesetzt sind – auch in Israel. Die Frage lautet: Was können wir dagegen tun? Es ist offensichtlich, dass Juden in Großbritannien weniger sicher sind als früher. Aber ist es hier so unsicher, dass wir unser Leben nicht mehr führen können? Nein. Das jüdische Leben geht jeden Tag weiter. Juden gehen in die Synagoge; es gibt Hunderte von Synagogen. Es gibt sehr viele jüdische Schulen, die täglich voll belegt sind.

Lesen Sie auch

Trotzdem kann jüdisches Leben nur unter massivem Polizeischutz stattfinden. Reicht der Fokus auf physische Sicherheit aus?
Das Problem ist, dass die jüdische Gemeinschaft enorme Sicherheitsvorkehrungen benötigt. Es müssen Hunderte Millionen Pfund für Polizeieinsätze aufgewendet werden, nur um sicherzustellen – oder es zumindest zu versuchen –, dass es zu keinem weiteren Angriff kommt. Das ist eine inakzeptable Situation. Das erkennen mittlerweile auch Regierung und Polizei.

Wie umfangreich sind inzwischen die Sicherheitsmaßnahmen, um jüdische Einrichtungen zu schützen?
Es gibt landesweit schätzungsweise 600 bis 700 jüdische Einrichtungen – dazu zählen Synagogen, jüdische Schulen, Kindergärten, Pflegeheime und Gemeindezentren. Wir stellen sicher, dass sie alle über angemessene Sicherheitsvorkehrungen wie Tore, Zäune und Kameras verfügen. Wir betreiben eine Überwachungszentrale, in der die Bilder von Kameras an rund 450 Gebäuden im ganzen Land zusammenlaufen. Dabei arbeiten wir sehr eng mit der Regierung zusammen. Diese stellt jährlich etwa 28 Millionen Pfund für privates Sicherheitspersonal an jüdischen Schulen, Synagogen und anderen Einrichtungen bereit. Wir verwalten diese Gelder im Auftrag der Regierung.

Wie viele antisemitische Vorfälle werden pro Jahr in Großbritannien verzeichnet?
Im vergangenen Jahr sind bei uns 3700 Meldungen über antisemitische Vorfälle eingegangen.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien – und was müsste sich im Umgang mit antisemitischen Inhalten ändern?
Viel lässt sich tun, indem man Personen identifiziert, die gegen das Gesetz verstoßen, sie der Polizei meldet und eine strafrechtliche Verfolgung anstößt. Gleichzeitig arbeiten wir mit Politikern an besseren Gesetzen. Die Vorschriften für Demons­tra­tionen wurden in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Die Polizei kann Proteste von Synagogen jetzt fernhalten, bei Demonstrationen das Abnehmen von Gesichtsmasken anordnen und weitere Maßnahmen ergreifen. Gerade die extremistischen Proteste haben die jüdische Gemeinschaft besonders beunruhigt, denn bei großen anti-israelischen Märschen im Zentrum Londons kam es immer wieder zu Problemen. Sie führten samstags zur Mittagszeit, wenn die Schabbat-Gottesdienste endeten, an Synagogen vorbei oder in deren unmittelbarer Nähe. Viele Menschen gingen deshalb gar nicht erst in die Synagoge.

Wie erfolgreich ist die Zusammenarbeit mit der Polizei?
Die Polizei arbeitet sehr eng mit uns zusammen. Die Londoner Polizei hat dieses Jahr sogar eine eigene Einheit eingerichtet, die sich speziell auf Einsätze im Umfeld der jüdischen Gemeinschaft konzentriert; finanziert wird diese von der Regierung. Auch Polizeidienststellen in anderen Teilen des Landes – etwa in Manchester, Leeds und anderen Orten mit jüdischen Gemeinden – unternehmen ähnliche Schritte.

Antisemitismus kommt aus unterschiedlichen Milieus. Wie gefährlich stufen Sie die extreme Rechte ein?
In Großbritannien gibt es eine Hardcore-Neonazi-Rechte, die sehr antisemitisch ist.

Es gibt politische Aktivisten wie Tommy Robinson, die sich als vermeintliche Freunde Israels darstellen.
Rechtsextreme Akteure wie Tommy Robinson, der sehr einwanderungsfeindlich, fremdenfeindlich und antimuslimisch ist, spielten sich oft als Freunde Israels auf. Das fördert genauso eine Art Politik, die Minderheiten zu Sündenböcken macht. Diese Rhetorik ist immer eine Bedrohung für Juden. Das wissen wir aus unserer Geschichte. Und um ehrlich zu sein: Wenn man sich Robinsons Überzeugungen genauer anschaut, sind sie auch antisemitisch. Zudem hat er in der Vergangenheit selbst einige recht antisemitische Dinge geäußert.

Großbritanniens neuer Außenminister Ed Miliband betont seine jüdische Herkunft und Identität, steht zugleich aber für eine ausgesprochen kritische Haltung gegenüber der israelischen Regierungspolitik. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen legitimer Israelkritik und Positionen, die in Antisemitismus umschlagen?
Es gibt einen Unterschied, ob man die Politik eines Landes ablehnt oder ob man dieses Land zerstören oder vernichtet sehen will. Mir gefällt es nicht besonders, dass Ed Miliband diese politische Haltung – wie er es ausdrückte – als stolzer britischer Jude präsentiert hat. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte dies einfach in seiner Funktion als Außenminister getan und seine persönliche Identität außen vor gelassen. Denn ich glaube: Je mehr sich der Fokus auf Juden, die jüdische Gemeinschaft und das Jüdischsein richtet, desto unwohler fühlt sich die Gemeinschaft.

Was muss die britische Politik tun, damit jüdische Menschen auch langfristig eine Zukunft im Vereinigten Königreich sehen?
Die Regierung tut viel für den physischen Schutz vor Terrorismus und Hasskriminalität und unterstützt diese Maßnahmen mit erheblichen finanziellen Mitteln. Entscheidend ist jedoch, die Ursachen anzugehen: Wie lassen sich islamistischer, rechtsextremer und linksextremer Extremismus – die Quellen des gesamten Antisemitismus – eindämmen? Und wie begegnet man den zugrunde liegenden Narrativen, die diese Entwicklungen befeuern? Das ist für Regierungen eine große Herausforderung.

Was gibt Ihnen Hoffnung für das jüdische Leben in Großbritannien?
Ich glaube, wir brauchen das Selbstvertrauen und den Glauben an uns selbst, um unsere gemeinschaftlichen Stärken im Kampf gegen den Antisemitismus zu nutzen. Wir sind eine sehr aktive Gemeinschaft, die sich stark politisch engagiert und über viele fähige Köpfe verfügt. Außerdem steht meiner Meinung nach die Mehrheit der Menschen in Großbritannien auf unserer Seite. Antisemitismus widerspricht britischen Werten. Wir haben also viele potenzielle Verbündete, und wir müssen lernen, diese besser zu finden.

Mit dem politischen Direktor des britischen Community Security Trust sowie wissenschaftlichen Mitarbeiter an der University of London sprach Nicole Dreyfus.

Von Dave Rich erschien unter anderem »From Be’eri to Bondi: Global Antisemitism After October 7« und »Everyday Hate: How Antisemitism Is Built Into Our World«.

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026