Paris

Antisemitische Verschwörungsmythen machen Juden für Ausschreitungen verantwortlich

Protestierer in Paris liefern sich am 18. Oktober Straßenschlachten mit der Polizei. Foto: picture alliance / Sipa USA

Während gewalttätige Proteste Frankreich erschütterten, verbreiteten sich in sozialen Netzwerken antisemitische Verschwörungstheorien: Juden, Israel, der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad und angebliche »zionistische Netzwerke« werden für die Unruhen verantwortlich gemacht.

Eine Untersuchung des amerikanischen Combat Antisemitism Movement (CAM) aus Moundridge (Kansas) mit dem aus einem Online-Zitat bestehenden Titel »The Jews did this to France« dokumentierte innerhalb von zwei Tagen 1384 entsprechende Beiträge auf der Plattform X. Sie stammten von 816 verschiedenen Nutzerkonten.

Die Auswertung des vom CAM betriebenen Antisemitism Research Center (ARC) bezieht sich auf den Zeitraum vom 16. bis zum 18. Oktober. Während Demonstranten die französische Polizei angriffen und Gebäude beschädigten, darunter auch eine Synagoge, suchten Nutzer im Internet nach vermeintlichen Drahtziehern.

Aufrufe zu Gewalt

Dabei griffen sie auf bekannte antisemitische Motive zurück: die angebliche Macht jüdischer Eliten, eine vermeintliche Steuerung durch Israel oder den Mossad sowie Behauptungen, Juden würden von politischen Krisen profitieren. Auch die Verschwörungsmythen um die Rothschild-Familie und den sogenannten Großen Austausch tauchten auf.

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Besonders alarmierend ist, dass sieben der erfassten Beiträge nach Angaben des ARC zu Gewalt gegen Juden aufriefen oder ihre Vertreibung beziehungsweise Vernichtung forderten. Die Untersuchung zeigt damit, dass die Online-Kampagne nicht bei unbelegten Anschuldigungen stehen blieb, sondern teilweise in offene Gewaltaufrufe mündete.

Für die Analyse sammelten die Forscher insgesamt 18.381 Beiträge mithilfe von 25 Suchanfragen in sieben Sprachen. Anschließend wurden 4922 Gruppen potenziell relevanter Texte manuell geprüft. Die 100 Beiträge mit den meisten Aufrufen untersuchten die Forscher zusätzlich einzeln. Als antisemitisch werteten sie Veröffentlichungen, die die Unruhen mit Juden, Israel, »Zionisten« oder dem Mossad in Verbindung brachten.

Französisch, Englisch und Spanisch

Die Verteilung nach Sprachen zeigt, dass die Debatte weit über Frankreich hinausreichte. 69 Prozent der erfassten Beiträge waren auf Englisch verfasst, während französischsprachige Veröffentlichungen 21 Prozent ausmachten. Fünf Prozent entfielen auf arabische und drei Prozent auf spanische Beiträge.

Das ARC ordnete 30 Prozent der untersuchten Beiträge islamistischen Konten zu. 21 Prozent entfielen auf rechtsextreme und rassistisch-nationalistische Accounts, weitere 14 Prozent auf Nutzer, die sich vor allem mit Verschwörungstheorien beschäftigen. Vier Prozent wurden Konten aus dem linksextremen Spektrum zugerechnet. Bei den übrigen 31 Prozent ließ sich keine eindeutige ideologische Zuordnung vornehmen.

Die Forscher weisen allerdings darauf hin, dass solche Zuordnungen und die automatisierte Klassifizierung Grenzen haben. Zwanzig Beiträge wurden als mögliche Fehlzuordnungen markiert. Ohne diese Beiträge würde der Anteil der rechtsextremen Konten an den Aufrufen laut Bericht deutlich steigen, während der Anteil islamistischer Konten sinken würde.

Wiederkehrendes Muster

Barney Breen-Portnoy, Chefredakteur des CAM, sieht darin ein wiederkehrendes Muster. »Einmal mehr erleben wir, wie ein aktuelles Ereignis rasch und systematisch von Antisemiten ausgenutzt wird, um Verschwörungstheorien gegen Juden und Israel zu verbreiten«, erklärte er. Die Untersuchung zeige, wie alte antisemitische Feindbilder für ein großes digitales Publikum neu verpackt würden.

Nach Angaben des CAM handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Das Forschungszentrum hatte vergleichbare Versuche, Juden und Israel für aktuelle Ereignisse verantwortlich zu machen, bereits nach anderen Krisen beobachtet. Dazu zählten der Grenzübertritt zahlreicher Migranten in die spanische Exklave Ceuta und ein vereitelter Versuch, einen Flug der Gesellschaft flydubai nach Israel zu entführen.

Die aktuelle Untersuchung verdeutlicht, wie schnell sich solche Behauptungen verbreiten können, wenn politische Spannungen und gewaltsame Ereignisse die öffentliche Aufmerksamkeit bestimmen. Statt die Ursachen der französischen Unruhen zu analysieren, konstruierten die betreffenden Nutzer eine angebliche jüdische oder israelische Verschwörung. im

Der CAM-Bericht (auf Englisch) ist hier einsehbar.

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