Brennende Rathäuser, geplünderte Geschäfte, verletzte Polizisten: Frankreich erlebt eine Welle der Gewalt. Mit den berechtigten Forderungen nach besserer Ausstattung der Schulen lässt sie sich nicht erklären. Sie begräbt diese Anliegen.
Was bedeutet das für Frankreichs Juden? Zunächst müssen wir genau bleiben: In Marseille wurden auch Geschäfte jüdischer Inhaber verwüstet. Doch obwohl das in den sozialen Medien behauptet wurde: Dass sie wegen der Religion der Inhaber ausgesucht wurden, ist nicht belegt, wie der Sicherheitsdienst der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs (SPCJ) klargestellt hat. Gerüchte zu verbreiten hilft niemandem.
Das Problem ist ein anderes: Wo Juden für Israels Politik verantwortlich gemacht werden und »Zionist« zum Schimpfwort wird, ist eine Grenze überschritten. Das sehen wir auch bei den Protesten. Nein, Solidarität mit Palästinensern ist kein Antisemitismus. Sie entschuldigt ihn aber auch nicht.
Ressentiments gegen Juden sind immer ein Anzeichen dafür, dass eine Gesellschaft auseinanderbricht. Wenn jüdische Kinder ihre Identität in der Schule verbergen müssen und Drohungen gegen Juden als politische Meinungsäußerungen verharmlost werden, betrifft das die Demokratie insgesamt. Zu viele wollen darin aber nur ein Problem der jüdischen Gemeinschaft Frankreichs erkennen.
Nun zeigt sich, wie weit die Krise reicht: Radikalisierung, Islamismus und extreme Polarisierung treffen auf einen Staat, dessen Autorität erodiert. Jean-Luc Mélenchons radikale Linke macht aus den Anliegen eine Anklage gegen das System. Ihr Ziel ist die permanente Konfrontation. Die Suche nach Lösungen gerät so aus dem Blick.
Vielen Juden ist das Gefühl, vom Staat im Stich gelassen zu werden, vertraut. Nun erleben es auch Ladenbesitzer, deren berufliche Existenz zerstört wurde, und Bürger, die um ihre Sicherheit fürchten müssen. Wir müssen nicht nachweisen, dass jede eingeschlagene Scheibe einem Juden galt. Wir müssen vielmehr begreifen, dass die Duldung des Hasses auf Juden ein Warnsignal ist. Wer es überhört, gefährdet die Freiheit aller.
Die Autorin arbeitet für die Foundation for Defense of Democracies und lebt in Paris.