Herr Botmann, Sie waren letzte Woche bei der Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern in Dublin sowie beim J7-Treffen in London dabei. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgenommen?
Die fortschreitende Normalisierung des Antisemitismus prägt internationale Treffen wie diese. Weltweit erleben wir Angriffe auf die jüdische Gemeinschaft. Wir erfahren insbesondere, wie Jüdinnen und Juden für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden. Die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft schwindet. Eine Lehre der letzten Jahre ist für mich, dass der Antisemitismus nicht an nationalen Grenzen haltmacht. Deswegen darf man das bei seiner Bekämpfung auch nicht tun.
Was bringt der Austausch angesichts der wachsenden Probleme?
Er hilft uns, Antworten auf ein globales Phänomen zu finden, und Regierungsvertreter dafür zu sensibilisieren, mehr Verantwortung für den Schutz der jüdischen Gemeinschaften zu übernehmen.
»Wir haben den Taoiseach gewarnt, dass die Voraussetzungen für einen antisemitischen Terroranschlag in Irland leider allzu offensichtlich sind.«
Erscheinen die Sorgen, die Sie in Deutschland umtreiben, nicht im Vergleich mit den Problemen in Ländern wie Irland viel kleiner?
Uns alle treiben dieselben Sorgen um. Besonders der israelbezogene Antisemitismus führt zu Angriffen. Es stimmt aber, dass die Situation in Irland besonders dramatisch ist. Die dortige jüdische Gemeinschaft ist mir rund 2200 Mitgliedern sehr klein. Weder im politischen Spektrum noch in der Zivilgesellschaft gibt es zuverlässige Partner. Gleichzeitig nimmt die irische Regierung mit ihrer politischen Linie in Bezug auf Israel, also der Anerkennung des palästinensischen Staats, der Unterstützung der Klage Südafrikas vor dem Internationalen Gerichtshof und die Sanktionen israelischer Waren, billigend in Kauf, als Vehikel für eine israelfeindliche Stimmung in der Gesellschaft zu dienen, die Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Raum vertreibt.
Sie haben unter anderem den irischen Regierungschef getroffen. Was hat er Ihnen gesagt?
Wir haben den Taoiseach gewarnt, dass die Voraussetzungen für einen antisemitischen Terroranschlag in Irland leider allzu offensichtlich sind. Und dass Irland es sich nicht leisten kann, erst auf eine Tragödie zu warten, wie wir sie leider im letzten Jahr in Australien erleben mussten, bevor seine Regierung handelt.
Wie blicken Ihre Kollegen und die Antisemitismusbeauftragten aus anderen Ländern auf Deutschland?
Man nimmt schon wahr, dass es hier nach dem Anschlag von Halle 2019 einige Bewegung staatlicherseits gab. Was das Thema materielle Sicherheit angeht, kann Deutschland als positives Beispiel dienen.
Obwohl es auch hierzulande große Herausforderungen gibt...
Sicher. Aus dem Lagebild zur Sicherheitslage, zum Sicherheitsempfinden und zu aktuellen Herausforderungen jüdischer Gemeinden in Deutschland, das der Zentralrat im April 2026 veröffentlicht hat, lässt sich ableiten, dass rund 20 Prozent der jüdischen Gemeinden in den vergangenen zwölf Monaten Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen mussten. Diese Zahl ist zu hoch. Sie ist aber immerhin seit dem 7. Oktober 2023 rückläufig. Die deutschen Sicherheitsbehörden nehmen den Schutz jüdischer Veranstaltungen sehr ernst, der Staat stellt entsprechende Mittel zur Verfügung. Ich bin auch glücklich darüber, dass wir eine hohe Resilienz unserer Gemeinden feststellen können.
Die J7 wurde geschaffen, um die Zusammenarbeit zwischen den größeren jüdischen Gemeinden der Diaspora besser zu verzahnen. Was ist daraus konkret geworden?
Ich bin überzeugt, durch den Zusammenschluss der größten jüdischen Diaspora-Gemeinschaften hat unsere Stimme Gewicht. Wenn wir als J7 auf Missstände aufmerksam machen, werden unsere Warnungen ernst genommen. Als die J7 im Sommer 2023 gegründet wurde, konnten wir nicht ahnen, wie dringend wir diese internationale Zusammenarbeit benötigen würden.
»20 Prozent der jüdischen Gemeinden in den vergangenen zwölf Monaten Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen mussten. Diese Zahl ist zu hoch.«
Wie sieht die Kooperation konkret aus?
Wir treffen uns regelmäßig, einmal jährlich in einem unserer Mitgliedsländer und zudem zu zweiwöchentlichen Videokonferenzen, um uns auf den neuesten Stand zu bringen und Strategien im Kampf gegen Antisemitismus zu erarbeiten. Zudem veröffentlichen wir einen jährlichen Bericht über Antisemitismus in unseren Ländern, um das Ausmaß und den globalen Charakter des Problems hervorzuheben. Im Bericht für 2025 haben wir bewusst Irland mit aufgenommen, um auf die angespannte Lage der jüdischen Gemeinschaft dort hinzuweisen, die sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert hat.
Sie waren nun auch zu Gesprächen in Großbritannien. Vor einem Jahr wurde dort ein Terroranschlag auf eine Synagoge in Manchester verübt wurde. Wie ist die Stimmung heute?
Der Anschlag in Manchester hat definitiv Spuren hinterlassen. Er war aber leider nicht der einzige antisemitische Angriff in England im vergangenen Jahr. Wir haben während unseres Besuchs mit Freiwilligen der jüdischen Rettungsorganisation Hatzola gesprochen. Vier ihrer Krankenwägen wurden bei einem Brandanschlag im Frühjahr zerstört. Wir haben mit Menschen gesprochen, die den Messerangriff in Golders Green unmittelbar erlebt haben. Ein weiterer Angriff in Manchester konnte glücklicherweise vereitelt werden. Die immanente Bedrohung prägt das Gemeindeleben vor Ort. Dazu kommen politische Herausforderungen, wie die Rhetorik von Amtsträgern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wenn es um Israel geht. Ich verweise da nur auf den »Zionismus ist Rassismus«-Beschluss der britischen Green Party vor zwei Wochen.
Sie haben auch britische Politiker getroffen. Was war deren Antwort?
Im Gespräch mit dem britischen Außenminister Ed Miliband und weiteren Kabinettsmitgliedern haben wir den Anstieg antisemitischer Rhetorik und Gewalttaten sowie die zunehmende Bedrohung durch das iranische Regime angesprochen. Auf unseren Vorschlag hin hat der Außenminister sich bereiterklärt, eine zwischenstaatliche Ministerarbeitsgruppe zum Thema Antisemitismus einzuberufen, die sich aus den in der J7 vertretenen Ländern zusammensetzt. Dieser internationale Angang wäre ein Meilenstein, um echte Verbesserungen für die jüdische Gemeinschaft zu erwirken.
Das Interview mit dem Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland führte Michael Thaidigsmann.