Man ist als Zuschauer dieses Kinofilms geneigt, den Blick zu senken. Angesichts der Schmerzen, die jüdischen Frauen in Auschwitz zugefügt werden, angesichts ihrer Angst und ihrer Scham. Block 10 ist ein schwer zu ertragender Film. Und er ist es notwendigerweise. Schon eine frühe Szene zeigt die brutale Selektion am Bahnhof des Vernichtungslagers, als der jüdische Arzt Maximilian Samuel (Christian Berkel) von seiner Frau und Tochter (Katharina Dalichau und Sarah Maria Sander) getrennt wird. Samuel ist Gynäkologe und wird im Film bald schon von den Nazis gezwungen, an den Behandlungen der Gefangenen mitzuwirken.
Regisseur Marcus O. Rosenmüller und Drehbuchautorin Alice Brauner, die den Film auch produziert hat, widmen sich einem Kapitel der Schoa, das im öffentlichen Gedächtnis noch immer zu wenig Raum hat: den medizinischen Experimenten an Frauen, deren Körper deutsche Ärzte für die Erprobung von Sterilisationsverfahren missbrauchten. Block 10 zeigt diese Verbrechen in unausgesetzter, schonungsloser Manier.
Keine Entlastung für das Publikum
100 Minuten lang lässt der Film seinem Publikum kaum Entlastung. Ein entsetzlicher Eingriff folgt auf den nächsten, eine Frau folgt im Behandlungszimmer des sadistischen NS-Arztes Clauberg (Axel Prahl) auf die andere. Es erschließt sich dabei ein völlig entmenschlichtes System, das Jüdinnen zum bloßen Material erklärt. Was nach herkömmlichen dramaturgischen Maßstäben als Redundanz gelten könnte, offenbart hier die Unerbittlichkeit der deutschen Vernichtungspraxis. Mit dokumentarischer Akribie folgt die Inszenierung ihrem Ablauf. Zeugenaussagen und Gerichtsprotokolle bilden die Grundlage des Drehbuchs der Produzentin und Historikerin Alice Brauner.
Die Darstellerinnen – unter anderem Luise Aschenbrenner, Lea Faßbender und Gonny Gaakeer – machen neben den körperlichen Qualen vor allem die Scham und Erniedrigung der Frauen sichtbar. In ihren Gesichtern wird spürbar, dass die Verbrechen über den körperlichen Schmerz hinausreichen. Sich vor fremden Männern entblößen zu müssen, zum Objekt ihrer Handlungen und Blicke zu werden, verletzt die Frauen in ihrer Intimität und Würde. Gerade darin liegt die Zumutung des Films. Man will wegsehen, weil man als Zuschauer die Scham der Frauen wahrnimmt. Und fragt sich zugleich, ob der eigene Blick ihre Bloßstellung wiederholt.
Seit Claude Lanzmanns Shoah steht jede szenische Rekonstruktion des Massenmords im Schatten der Debatte um seine Darstellbarkeit. Eine Diskussion, die jüngst auch Filme wie Son of Saul und Jonathan Glazers Zone of Interest betraf. Auch Block 10 muss sich an der Frage messen lassen, ob seine Bilder tatsächlich Erkenntnis ermöglichen. Rosenmüller und Brauner verweigern dem Grauen den Reiz des Spektakels. Mit seiner beharrlichen Konzentration auf das Leid der jüdischen Frauen wirkt der Film – abseits von Täterperspektiven – wie ein filmisches Mahnmal.
Rosenmüller und Brauner verweigern dem Grauen den Reiz des Spektakels
Christian Berkels Häftlingsarzt Maximilian Samuel bietet keinen sicheren moralischen Halt. Der jüdische Gynäkologe wird zur Mitwirkung gezwungen; die SS bedroht seine Tochter mit dem Tod. Ein Arzt, der Frauen helfen sollte, Kinder zu bekommen, muss an ihrer Unfruchtbarmachung mitwirken. Samuels Schicksal führt in jene »Grauzone«, die Primo Levi einst beschrieben hat.
Für die Produzentin hat die Gegenwart die Dringlichkeit des Projekts noch einmal verschärft. Ohne den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und die Ereignisse danach, sagt Brauner, wäre Block 10 niemals so drastisch geworden. Besonders erschüttert habe sie, wie schnell die Gräueltaten der Hamas relativiert worden seien und wie offen sich bereits unmittelbar nach dem Massaker antisemitische Haltungen zeigten. Vor diesem Hintergrund versteht sie den Film auch als eine Antwort auf eine Gegenwart, in der jüdisches Leid erneut verharmlost oder gegen anderes Leid aufgerechnet wird.
Mit dem Sterben der letzten Zeitzeugen verändert sich die Frage, wie die Schoa im Kino erinnert werden kann, grundsätzlich. Spielfilme wie Block 10 können ihre Stimmen nicht ersetzen. Sie können aber die Auseinandersetzung mit dem wachhalten, wovon sie berichten. Der Film verlangt dafür viel von seinem Publikum. Zur Aufrichtigkeit einer Kultur des Erinnerns gehört aber auch, sich mit den Zumutungen der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Eine Wirklichkeit, wie sie Block 10 schonungslos beschreibt.
Der Film läuft ab dem 5. November in den Kinos.