Neue Synagogen in Deutschland: Längst werden sie mehrheitlich begrüßt und gehören zum Stadtbild, auch wenn sie stark bewacht und geschützt werden müssen. Fast vergessen aber ist, dass das Klima für Juden in Deutschland nach 1945 alles andere als günstig war.
Jüdische Gemeinden verfügten über Jahrzehnte nur über beschränkte Mittel für Neubauten und mussten oftmals bei Behörden um Geld betteln. Stets waren sie dabei von nichtjüdischen Entscheidungsträgern abhängig. Hinzu kam eine meist desinteressierte Öffentlichkeit. Das neue Buch »Synagogen, Gemeindehäuser, Denkmale - Zur (Un-)Sicherheit ›Jüdischen Bauens‹ nach dem Holocaust in der BRD und DDR« von Alexandra Klei beleuchtet dieses dunkle Kapitel in Deutschland nach 1945.
Auf Synagoge folgte fast ein Parkplatz
Dass es etwa heute das Jüdische Gemeindehaus in der Berlin-Charlottenburger Fasanenstraße gibt, ist nämlich alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Bei den Novemberpogromen von 1938 wurde die alte liberale Synagoge mit ihren rund 2.000 Sitzplätzen zerstört.
Bis in die späten 1950er Jahre lagen hier noch die Trümmer der Synagoge. Dann sollte aus all dem ein großer Parkplatz werden - bis der jüdische Gemeindevorsitzende Heinz Galinski protestierte. Mit Erfolg: Am 10. November 1957 konnte der Grundstein für den zweigeschossigen funktionalen Stahlbetonbau gelegt werden, der heute unter Denkmalschutz steht.
Bauherrin aber war nicht die Jüdische Gemeinde zu Berlin, sondern die Stadt Berlin. In der Fasanenstraße hatte die Jüdische Gemeinde kaum etwas mitzureden. »Die Gemeinde kommt praktisch gar nicht vor. Sie hatte zwar ihre Vertreter im Wettbewerb, aber sie haben nicht die Mehrheit gestellt. Das Gebäude entstand nach den Vorstellungen des Berliner Senats«, sagt die Autorin und Architekturhistorikerin Klei.
In der Jury zum Wiederaufbau saßen Baufachleute, die schon in der Nazizeit Karriere machten. Immerhin müsse man heute aber anerkennen, dass für den Wettbewerb auch emigrierte Architekten aus Israel eingeladen wurden, so Klei.
Infrastruktur für Autoverkehr im Fokus
Am Ende gewannen dann aber doch nichtjüdische Architekten. Dabei hatten die Berliner Juden noch Glück, etwas Neues auf dem Grundstück ihrer zerstörten Synagoge gebaut bekommen zu haben. In vielen anderen Städten wurden jüdische Gemeinden an den Stadtrand gedrängt. Viele Kommunen brauchten innerstädtisch mehr Platz, etwa für den wachsenden Autoverkehr.
»Viele Städte haben viel Aufwand betrieben, dass sie die Grundstücke der großen Synagogen und angrenzende Bauten behalten durften. Und das in der Regel damit begründet, dass sie städtische Bauten errichten wollten. In Hamburg oder Freiburg sollten es Universitätserweiterungen sein«, sagt Klei.
Mindestens 1.406 Synagogen und Beträume wurden im November 1938 von den Nationalsozialisten geplündert, angezündet, teilweise oder vollständig zerstört. Daneben waren auch jüdische Waisenhäuser, Schulen, Altenheime, Gemeindebauten und Friedhöfe betroffen. Die überwiegende Zahl der Ruinen von Synagogen wurde in den Jahrzehnten nach Kriegsende sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR abgerissen, überbaut oder die Trümmerreste anderswo verbaut.
Einkaufszentrum auf Grabsteinen
In Konstanz etwa wurde ein größerer Synagogenstein zum Taufstein in der dortigen Lutherkirche; in Stuttgart wurden Trümmer von Synagogen zu Mauern in Weinbergen. Moralische Bedenken gab es kaum. In Bonn wurde am Rheinufer auf einem Synagogengelände noch Ende der 80er Jahre ein Hotel gebaut. In Dortmund entstand eine Oper mit Vorplatz. Auf dem Areal des jüdischen Friedhofs in Hamburg-Altona wurde 1995 ein Einkaufszentrum eingeweiht, obwohl dort noch Grabsteine und menschliche Knochen gefunden wurden.
Nur vereinzelt gab es zivilgesellschaftliches Engagement. In Wiesbaden wurde 1966 eine neue Synagoge eingeweiht. Zuvor hatte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu Spenden aufgerufen. Es war das erste Mal in der Bundesrepublik, dass sich Angehörige der Zivilgesellschaft für einen Synagogenneubau öffentlich engagierten.
In Essen begann die Stadt Ende der 1950er Jahre mit dem Umbau der vormaligen Synagoge zum »Haus Industrieform« als Ausstellungsfläche für Industriedesign. Jahre später gab es dann erste Proteste etwa seitens der evangelischen Kirche. Heute befindet sich hier eine Mahn- und Gedenkstätte.
Meist aber blieb es still. Die Öffentlichkeit zeigte sich desinteressiert. Jüdische Gemeinden bemühten sich immer wieder darum, ihre Grundstücke zurückzuerhalten oder zumindest Entschädigungen ausgezahlt zu bekommen. Doch nichtjüdische Entscheidungsträger versuchten oftmals, diese Ansprüche in Frage zu stellen, herunterzuhandeln oder abzuwehren. Gemeinden mussten um ihre Ansprüche meist betteln und Jahrzehnte mit Provisorien zurechtkommen.
Rückkehr von Juden oft nicht eingeplant
»Die Regel für Gemeinden sind nicht Neubauten, sondern Um- und Weiternutzungen. Das ist das, wo sie sich eingerichtet haben. Es war ja viele Jahre nicht möglich, Neubauten zu errichten, weil in vielen Städten gar keine Entschädigung gezahlt wurde«, so Klei. Dass Jüdinnen und Juden in deutsche Städte überhaupt zurückkehren könnten, wurde seitens nichtjüdischer Entscheidungsträger oft nicht eingeplant.
Gab es also nach 1945 keine Sensibilität gegenüber jüdischen Gemeinden? Woher sollte sie kommen?, fragt Klei: »Es sind die gleichen Menschen, die wenige Jahre vorher alles dafür getan haben, Juden zu vertreiben oder umzubringen. Es war denen einfach egal. Man hat nicht gedacht, dass sie zurückkommen, und man brauchte den Platz.« Man habe nicht gewollt, dass die jüdische Gegenwart sichtbar im Raum sei. Die vormals jüdischen Räume habe man als Verfügungsmasse gesehen.