Rund 500 Millionen Menschen sprechen Spanisch als Muttersprache. Weniger als 10 Prozent davon leben auf der iberischen Halbinsel, dem Ursprungsland des »Castellano«, wie die Spanier ihre Sprache selbst meist bezeichnen.
Dennoch versteht sich die Real Academia Española in Madrid als weltweit Hüterin des Spanischen auch für Lateinamerika. Die Akademie gibt auch das »Wörterbuch der spanischen Sprache« (DLE) heraus. Das Pendant zum Duden in Deutschland existiert bereits seit 1780. Vergangene Woche erschien nun die 24., überarbeitete Ausgabe des DLE.

Doch auch nach fast 250 Jahren findet sich darin ein Wort mit eindeutig antisemitisch konnotierter Bedeutung. Wer nämlich den Begriff »judío« nachschlägt, findet darin nicht nur die den meisten geläufige Bedeutung des Wortes (»Jude« oder »jüdisch«), sondern als eine mögliche Erklärung den Satz: »So wird eine geizige oder wucherische Person bezeichnet.« Etwas verschämt wird immerhin angefügt, dass es sich um eine Begriffsverwendung in beleidigender oder diskriminierender Absicht handele.
Jüdische Gemeinden in zahlreichen spanischsprachigen Ländern lancierten eine Kampagne. 2024 forderte ein Bundesrichter in Argentinien auf Verlangen des Jüdischen Weltkongresses und seines in Buenos Aires ansässigen Ablegers, des Lateinamerikanischen Jüdischen Kongresses (LAJC), die Königliche Spanische Akademie auf, die antisemitische Definition zu streichen.
»Agieren nicht als Sprachpolizei«
Doch vom Direktor der Akademie wurde das Ansinnen höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Zur Begründung führte Santiago Muñoz Machado - auch er ein Jurist - an, das Wörterbuch orientiere sich nun einmal am allgemeinen Sprachgebrauch; das Streichen einer Definition werde zudem niemand davon abhalten, das Wort »jüdisch« weiter in abschätziger Art und Weise zu verwenden. Ein weiteres Akademiemitglied erklärte 2024, man agiere nicht als Sprachpolizei, sondern als Notar, der festhalte, wie Sprache heutzutage verwendet werde.
In Argentinien ist man angesichts dieser Argumentation verwundert. »Wir verstehen, dass das Wörterbuch widerspiegelt, wie manche Menschen Sprache verwenden, aber es ist auch wahr, dass viele Menschen durch das Wörterbuch lernen«, sagte LAJC-Vertreter Ariel Siedler der »Jewish Telegraphic Agency«. Die Neuausgabe des Wörterbuches führe nur eine bestehende Diskriminierung weiter.
Es wäre zudem nicht das erste Mal, dass die Real Academia Española dem öffentlichen Druck stattgäbe und Korrekturen vornähme. So erreichte ein spanischer Rechtsanwalt mit einer Petition vor einigen Jahren die Streichung eines Eintrags, in dem seine Berufsbezeichnung, »abogado« (Rechtsanwalt, Jurist) auch als Synonym für eine »geschwätzige Person« definiert wurde. Das stelle eine »Herabwürdigung unseres Berufsstandes und der in ihm tätigen Fachleute« dar, argumentierte der Mann.
Die Akademie stimmte dem Ansinnen zu - und strich die Definition aus dem DLE. Mit Blick auf den Juden sieht man das in Madrid aber nach wie vor anders. »Jüdisch« darf nach wie vor ganz offiziell für »geizig« und »wucherisch« stehen. Und auch der abwertend gemeinte Begriff »Zeichenjude« (judío de señal) ist laut DLE weiter in Verwendung. Er stand im Mittelalter für Juden, denen es gestattet war, unter Christen zu leben, die aber ein Zeichen an ihrer Kleidung tragen mussten, an dem man sie als Juden erkennen konnte.
Im Alltag der Menschen von heute weitaus wichtiger ist hingegen das Wort »judía«. Es steht nicht nur für »Jüdin«, sondern - in Spanien zumindest - für »Bohne«. Nahmen Ethymologen früher an, es handele sich um einen Arabismus, hat sich nun die Auffassung durchgesetzt, dass das Wort tatsächlich etwas mit den Juden zu tun hatte: Die jüdische Gemeinde im Al-Andalus verzehrte viel Bohnengemüse, weil es ihr untersagt war, nichtkoscheres Fleisch zu essen.
Das DLE gibt in seiner neuen Ausgabe ein Beispiel für die Verwendung des Begriffs: »Ich entstiele die Bohnen und du schneidest sie in Stücke.«