Seit Homer, Shakespeare und Billy Wilder ist bekannt, dass die wichtigste der zu erzählenden Geschichten auf Erden »Boy meets Girl« ist – was selbstredend auch für »Boy meets Boy« und »Girl meets Girl« gilt. Eine Serie, die das Prinzip derzeit auf die zuckrige Hochzeitstorten-Spitze treibt, ist der Netflix-Hit Nobody Wants This.
Vor zwei Jahren hat die entspannt-jüdische Rom-Com über die »unmögliche« Liebe von Noah und Joanne die meisten ihrer Zuschauer angenehm überrascht, wenn nicht begeistert. Nun ist die dritte Staffel des Binge-Fests angelaufen, mit dem Schöpferin Erin Foster damals ihr eigenes »It’s complicated« fiktionalisiert hat. Billy Wilder hätte sicher seine Freude daran, wie es nach dem Happy End weitergeht.
Trotz aller widriger Umstände und jiddischen Mammes zusammengerauft
Denn nun, da sich die vorlaute »Schiksa« und der »Hot Rabbi« endlich trotz aller widriger Umstände und jiddischen Mammes zusammengerauft haben und offene Schubladen in der gemeinsamen Küche oder Haare in der Dusche das größte ihrer Probleme zu sein scheinen, werden die anderen Romanzen am Tisch bedient – und damit ein Versprechen eingelöst, das bereits in der ersten Staffel gegeben wurde.
Bühne frei für Morgan und Sasha! Eines der schrulligsten und hinreißendsten Liebespaare der jüngsten Filmgeschichte. Während Joanne und Noah nach dem Prinzip der sich anziehenden Gegensätze so wunderbar funktionieren – was vor allem auch an der Chemie der Darsteller Kristen Bell (Veronica Mars) und Adam Brody (O.C. California) liegt –, beweisen Joannes anstrengende Schwester und Noahs infantiler Bruder, dass Gleich und Gleich sich gern gesellt – und dabei auch noch trösten kann. Schließlich sorgt Schrulligkeit nicht unbedingt für einen großen Freundeskreis.
Joanne lernt, dass das Leben kein Podcast ist. Sarah Silverman feiert die Kraft des Glaubens.
Morgan und Sasha dabei zuzusehen, wie körperliche Anziehung und aufkeimende Liebe die ehrlich-ironische Freundschaft überrumpeln – ganz besonders grandios ins Bild gesetzt in einer Szene des räumlichen Hin und Her, das den Sehnsuchtsfaden bis zum Reißen spannt –, ist großes Kino. Wäre da nicht das Timing, das bei der Liebe so wichtig ist wie beim Witzeerzählen.
Mitten ins Herz, auf die traurige Art, trifft dabei die Tatsache, dass der »Ellen DeGeneres«-blondierte Sasha sich nur tiefer auf Morgan einlassen kann, weil seine Frau sich am Ende von Staffel zwei von ihm getrennt hat. Serien-Liebling Esther (Jackie Tohn) unterläuft in der schmerzhaft eroberten neuen Freiheit wiederum der weit verbreitete Irrtum, dass Dating-Apps irgendetwas mit Selbstfindung zu tun haben, und da – der große Kritikpunkt an dieser Staffel – haben die Macher eine Chance vertan. Denn die zankbegeisterte Esther darf diesmal nur mit halber Geschwindigkeit fahren.
Billy Wilder hätte seine Freude daran, wie es nach dem Happy End weitergeht.
Eine sichere Bank ist dagegen jeder Auftritt von Noahs und Sashas Mutter Bina (Tovah Feldshuh): Die winzige Frau, deren Augen mit ihren Schuhschnallen um die Wette blitzen, zeigt sich wieder von ihrer unversöhnlichsten Seite, vor allem, wenn es um die Planung von großen Festivitäten geht. Allerdings verhilft sie Joanne auch zu einem ganz eigenen Bina-Moment, der sogar ihren Sohn in Schnappatmung versetzt.
Und schließlich, während Joanne und Morgan auf sanfte und harte Art lernen, dass das Leben kein Podcast ist, feiert niemand Geringeres als Sarah Silverman erstaunlich unaufgeregt die Kraft des Glaubens. Und da wir schon bei den Cameos sind: Der kurze Auftritt eines gewissen Onkel Irv wärmt Herz und Magen zugleich. Sie werden verstehen, warum.
Das Chaos in der Welt da draußen vergessen
Auch die dritte Staffel von Nobody Wants This lässt einen das Chaos in der Welt da draußen vergessen und liefert perfekte Erholung vom Doomscrolling. Dafür sorgt schon die ganze Atmosphäre der Show mit ihren Palmwipfeln, Swimmingpools und 90er-Jahre-Vibes, als es noch okay war, mit dem Kaffee im Mehrwegbecher spazieren zu gehen, Musik und Popstars interessanter waren und Boyfriend-Probleme wichtiger als internationale Politik.
Apropos Politik: Ja, ich glaube, man kann die frischen zehn Folgen genießen, obwohl Adam Brody meinte, kurz vor Staffelstart in einem Interview seine ganz persönlichen Ansichten zu Nahost loswerden zu müssen. Wenn es einem beim Serie-Gucken plötzlich wieder einfällt, stelle man sich einfach vor, wie Silverman ihn in den Drehpausen dafür in höchster Stand-up-Kunst »gegrillt« haben wird.