Herr Enthoven, wie viel Freiheit steckt in der Songzeile der Rolling Stones »I can’t get no satisfaction«?
(…) Wenn man die Verszeile für sich nimmt, dann hört man darin die Beschwerde des demokratischen Menschen. Moment! (Er zieht Nietzsches »Also sprach Zarathustra« aus dem Regal.) Es ist die Geschichte des letzten Menschen, der das Glück erfunden hat. Befriedigung erlangt er nur durch Glück. Er glaubt, Selbsterfüllung allein in sich zu finden, und findet sich dennoch in einer Situation des Mangels. Als handelte es sich um einen unverschämten Vertragsbruch, durch den uns Befriedigung verwehrt würde. In Wahrheit aber gibt es nichts Zufriedenstellendes in einer Welt, die Befriedigung anvisiert. Nichts ist erfüllend am Kult der Befriedigung. Denn die Befriedigung bedeutet die Wiederauferstehung des Verlangens. Ist man befriedigt, verspürt man erneut ein Verlangen. Wenn man sich zufriedengibt mit der Befriedigung, wird man niemals erfüllt sein.
Hatten Sie selbst jemals dieses Lebensgefühl?
Ja, natürlich. In jeder Hinsicht. »I can’t get no satisfaction« ist die Entdeckung, dass ein Leben nicht erfüllt sein kann durch Produkte oder narzisstische Belohnungen. Was vielen Erfüllung zu bringen scheint, rührt von dem her, was Spinoza die »falschen Güter« nennt. Güter, die man mehr oder weniger leicht bekommen kann, aber deren Natur zweifelhaft ist. Sex, Ruhm, Geld. Sex versetzt dich in die Angst, dass du nicht mehr kannst. Ruhm macht dir Angst, dass er versiegen könnte. Geld schürt die Angst, dass dein Nachbar mehr haben könnte als du. Bist du im Besitz dieser »falschen Güter«, bist du dennoch nicht befriedigt. Spinoza stellt diesen trügerischen Gütern das höchste Gut gegenüber: ewige und unendliche Liebe. Nur diese ist in der Lage, uns wahrhaft zu erfüllen. (…)
Ist die Abkehr vom Säkularen heute die größte Gefahr für individuelle Selbstbestimmung?
Am Ursprung des Laizismus steht – wieder einmal! – ein Text von Spinoza. Im »Tractatus theologico-politicus« untersagt er der Religion die Herrschaft. Er greift ziemlich heftig alle Religionen und den Aberglauben an. Die Menschen seien hin- und hergeworfen zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen und befänden sich in einem Zustand der Versklavung. Spinoza demontiert die Idee eines transzendenten Gottes. Am Schluss des Vorwortes aber sagt er, er habe das Glück, in einer Republik zu leben, in der jeder so frei ist, das Idol seiner Wahl anzubeten. Anders formuliert: Am Ursprung der Toleranz steht die Dekonstruktion religiöser Gewissheiten. Am Anfang der Toleranz steht ein Diskurs, der der Religion abspricht, die Wahrheit zu sagen. Eine Gesellschaft, in der alle Religionen gleich sind und in den Privatbereich verbannt wurden, konnten wir erst konzipieren, nachdem man der Religion das Privileg der Wahrheit abgesprochen hat. Im Kern der Laizität steckt also ein tiefer Unglaube. Das ist nicht gerade politisch korrekt. Schließlich sagen wir ja, jeder könne säkular sein, laizistisch. Aber nein! Schmarrn! Laizismus bedeutet zuallererst die Weigerung, anzuerkennen, dass die Religion die Wahrheit über die Welt sagt. Nur so kann man die Präsenz verschiedener Religionen tolerieren. Laizismus ist in diesem Sinne ein irreligiöses Werk. Das ist logisch, denn eine vernunftbasierte Regierung ist ein besserer Garant der Glaubensfreiheit als eine Theokratie. Eine Theokratie gesteht den anderen Religionen bestenfalls ein minderes Recht zu. Eine vernunftbasierte Regierung dagegen räumt jedem die Möglichkeit ein, an das Idol seiner Wahl zu glauben. Nichts ist also konträrer zum Laizismus als »In God we trust«.
Sehen Sie eine Gefahr, dass wir uns entfernen vom Laizismus?
Nicht in Frankreich, denn seit dem 7. Januar 2015, dem Anschlag auf Charlie Hebdo, gab es einen tiefgreifenden Wandel. Seither gibt es eine Armee an Menschen, die wissend, was auf dem Spiel steht, den Laizismus mit Zähnen und Klauen verteidigen. Die wahren Gegner des Laizismus sind nicht die Fundamentalisten, nicht die Islamisten oder Dogmatiker. Die wahren Feinde sind diejenigen, die dem Laizismus ein Adjektiv hinzufügen. Diejenigen, die einen »positiven« Laizismus verteidigen. Sie lassen die Kinder mit ihren religiösen Symbolen in den Unterricht kommen und wetten darauf, dass eine Kontroverse diesbezüglich dazu führt, dass sie diese Symbole schließlich ablegen. Das ist natürlich ein Mythos! Man adjektiviert den Laizismus nicht. Es gibt keinen guten oder schlechten Laizismus. Es gibt nur Laizismus: die Trennung von Staat und Kirche und die Glaubensfreiheit. Ich sehe nicht, dass dieses Prinzip heute infrage gestellt wird. Heute dagegen attackiert man den Laizismus mit dem Vorwurf des Rassismus. Das heißt aber, man hat nicht die geringste Ahnung vom Laizismus. Und diejenigen, die man des Rassismus bezichtigt, obschon sie einfach nur säkular sind, werden ihre Haltung nicht ändern.
Bequem klingt das nicht. Warum aber ist ein Leben wie auf dem Ponyhof für viele wünschenswerter als ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit?
Dafür muss man die Mittel haben, nicht wahr? Das ist ein weiteres zentrales Thema der Demokratie: In der Demokratie wird der Einzelne in die Freiheit entlassen, entbehrt jedoch eines Ziels. Man hat ihn des Sinns beraubt, einer Richtung. Ergebnis: Er setzt sich selbst als Ziel und Horizont. Es steckt also eine Verantwortungslosigkeit in denjenigen, die von den Vorteilen der Demokratie profitieren, aber nicht das Risiko eingehen, diese zu verteidigen. (…)
Sie sind in den Augen vieler privilegiert aufgewachsen: Im Künstler- und Verlegermilieu in Saint-Germain-des-Prés. Das Idealmilieu für Freiheit, möchte man meinen.
Dieses Milieu war geografisch mit Jean-Paul Sartre verbunden. Sartre stellte in »Der Ekel« aus dem Jahre 1938 und in »Das Sein und das Nichts« aus dem Jahre 1943 eine Theorie auf von diesem Wunsch nach absoluter Freiheit. In diesem Sinne wurde das Ökosystem von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir immer schon gleichgesetzt mit absoluter Freiheit. Das aber entsprang einer totalen Verwirrung. Man reduzierte das Werk Sartres auf anarchistische Vademecums. Es handelt sich um einen alten Mythos, der aus der sartrianischen Überpfropfung eines Pariser Stadtbezirks hervorgegangen ist.
Für Sie war dieser Bezirk weit entfernt von Freiheit. Ihr Stiefvater, ein Kinderpsychiater, ohrfeigte Sie regelmäßig und gab Gewalt als »gerechte Sanktion« aus. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen? Wie haben Sie sich zur Wehr gesetzt?
Er glaubte, dass Gewalt in Bezug auf mich unvermeidbar sei. Die Ohrfeigen waren begleitet von einem Diskurs, der demjenigen die Schuld zuwies, der die Ohrfeigen erhielt. Dadurch vermittelte er dem Geschlagenen den Eindruck, dass er keine Wahl habe. Wirklich gewaltsam aber war nicht die Gewalt, sondern die darauffolgende Manipulation, die Gewalt rechtfertigte und ihr einen Sinn zu geben versuchte.
Wie entzieht man sich dieser Situation?
Nun, wie jeder andere auch. Wenn man geschlagen wird und der Schläger erklärt, dass die Ohrfeigen erstens zu deinem Wohl erfolgten und dass er zweitens keine Wahl habe, weil du so abscheulich seist, dann akzeptierst du dieses Szenario. Du akzeptierst, dass du abscheulich bist. Du akzeptierst, dass du die Ohrfeigen verdienst. Denn das ist die einzige Art und Weise, etwas einen Sinn zu verleihen, das keinen Sinn ergibt. Wenn man Bestrafung einen Sinn verleiht, tut man so, als verdiente man sie, man integriert sie in sich und verinnerlicht sie. Deshalb verhalten sich geschlagene Kinder immer schlechter. Kinder, die man »korrigiert«, bessern sich nicht. Denn ein Kind, das glaubt, dass es die Schläge verdient, eignet sich genau das Verhalten an, das diese Schläge rechtfertigt. Deshalb erzeugt Gewalt Gewalt. Gewalt bringt Unzivilisiertheit hervor. Gewalt ist niemals eine sinnvolle Erziehungsmaßnahme.
Wie wirkt sich diese Misshandlung später aus?
Man braucht eine Ewigkeit, um sich der widerfahrenen Gewalt zu erinnern, sie sich einzugestehen. Zuerst löscht man sie aus, und dann macht man sich selbst dafür verantwortlich. Jeder Versuch der Befreiung im Sinne Spinozas besteht darin, die Idee einer ungerechten Gewalt zu akzeptieren. Diese Akzeptanz ist kompliziert, da man sich zunächst diese vorgeblich verdiente Gewalt zu erklären versucht. (…)
Woher kommt Ihre Vorliebe für Fabeln?
Das ist nicht wirklich eine Vorliebe für Fabeln, sondern eine Vorliebe für Literatur im Allgemeinen. Die Literatur besitzt eine Raschheit, eine Schnelligkeit in der Ausführung, die der philosophischen Reflexion gelegentlich fehlt. Ich finde genauso viel Interessantes bei Romain Gary wie bei Camus. Ich liebe die Literatur, weil sie in Bewegung bringt, was die Philosophie manchmal etwas starr darlegt. Was die Fabeln betrifft: An Orwells »Farm der Tiere« fasziniert, dass man es als Fabel lesen kann und nicht nur als Metapher. Ich habe dieses Buch meinen Kindern als Fabel vorgelesen. Sie haben es wortwörtlich verstanden. Der Text aber wirkt nach in ihnen und lässt sie mit der Zeit den Sinn erkennen, den Orwell vermitteln wollte. Darin besteht Orwells Genie. Orwell muss man früh lesen, mit Camus dagegen sollte man nicht so früh beginnen. »Madame Bovary« und Maupassant sollte man ebenfalls nicht zu früh lesen. Orwell dagegen möglichst früh wie eine Geschichte von lustigen Tieren. Orwells Sinn wird seinen Weg finden. Ich habe meinen Kindern dieses Buch immer vor dem zehnten Lebensjahr vorgelesen.
Es gibt nicht nur brutale Formen des Machterhalts, sondern auch subtilere. Wie unterscheidet man die echte von der falschen Freiheit?
Kann man von einer falschen Freiheit sprechen? Ich würde von einer offensichtlichen Freiheit sprechen. In einer Polis haben wir alle die gleichen Freiheiten. Wir machen, was wir wollen, im Rahmen unserer Möglichkeiten und Mittel. Wir treten den anderen nicht auf die Füße, damit man uns selbst nicht auf die Füße tritt. Unsere Freiheit hört freiwillig da auf, wo die des anderen beginnt. Niemand betrachtet das als freiheitsschädlich. Das ist die offensichtliche Freiheit. Diese Freiheit kann man kritisieren. Das ist der Sinn von Spinozas Werk, die Kritik des freien Willens. Es gibt zwei Freiheiten: Auf der Ebene der Polis haben wir eine Willens- und Entscheidungsfreiheit. Wir sind verantwortlich für unsere Taten. Auf der Ebene der Ethik präsentiert sich die Freiheit ganz anders: Freiheit ist die Anerkennung der Notwendigkeit. Freiheit ist die Kenntnis uns determinierender Mechanismen. Freiheit ist die Fähigkeit, aus diesen Mechanismen keine Determination zu machen. Man entdeckt eine besondere Freiheit, wenn man einen bedeutsamen Text liest. Liest man einen großartigen Text, gewinnt man das Gefühl absoluter Freiheit. Man muss in sich die beiden Freiheiten zusammenbringen: Die öffentliche Person in ihrer Entscheidungsfreiheit und die Privatperson, die durch die Lektüre der Ethik einen spirituellen Weg beschreitet, auf dem sie begreift, dass ihre Freiheit etwas ganz anderes ist. Ein solches Verständnis aber entzieht dich nicht der Verpflichtung, gemäß den Regeln in der Polis zu leben.
Das heißt, es ist kaum möglich, uns die Freiheit zu rauben. Vorausgesetzt natürlich, wir beherzigen die passenden Handlungsmaximen?
Das Problem einer Demokratie ohne Gegner ist, dass die Freiheit verkümmert. Die Freiheit ist schwer zu bewahren und sehr leicht zu verteidigen. Wenn die Demokratie keine Gegner hat und jeder frei ist, frei zu sein, dann kann man die Freiheit in jeder Hinsicht kritisieren. Man greift sie an, sagt, man sei nicht wirklich frei. Man bekrittelt, dass Freiheit nicht nur Konsumfreiheit sei. Und dann kommt plötzlich Wladimir Putin daher und entscheidet, Europa zurückzuerobern. Da ist die Freiheit, objektiv gesehen, bedroht. Diese tatsächliche Bedrohung lässt viele Diskussionen über die Freiheit versiegen und lenkt den Fokus auf den Schutz. Wir müssen ein Bewusstsein erlangen für die beträchtliche Gefahr, die Russland darstellt. Ein Bewusstsein für die Notwendigkeit, Europa zu härten und es zu einem Hafen der Freiheit zu machen. Daran müssen wir arbeiten. Putin ist eine Chance für Europa.
Aber kennen wir denn überhaupt noch den Geschmack der Freiheit?
Es ist ein Geschmack, den man wiederfindet, wenn man Angst hat, ihn zu verlieren. Dieser Möglichkeit, den Geschmack der Freiheit zu verlieren, ist es eigen, dass sie den Geschmack anreizt.
Auszug aus Ute Cohen: »Freiheit?! Denken im Dialog«. Trimax Media, Lichtenau 2026, 256 S., 49,90 €
Abdruck mit freundlicher Genehmigung