Die Oscar-prämierte Filmemacherin und Produzentin Lucie Kon hat eine Entschädigung in Höhe von 400.000 Pfund (knapp 480.000 Euro) von der BBC erhalten. Zuvor hatte sie damit gedroht, den Sender wegen mutmaßlicher rassistischer und religiöser Diskriminierung vor dem Arbeitsgericht zu verklagen.
Kon, die zuvor als ausführende Produzentin für die BBC-Formate »Storyville« und »Panorama« tätig war, gab an, sie sei aus dem Sender »gedrängt« worden, weil sie die dort aus ihrer Sicht herrschende Kultur des Antisemitismus kritisiert habe.
Die renommierte Dokumentarfilmerin – die im vergangenen Jahr einen Emmy für ihren Film über den 7. Oktober, »We Will Dance Again«, und in diesem Jahr einen Oscar für »Mr. Nobody Against Putin« gewonnen hat – erklärte gegenüber der britischen Zeitung »Telegraph«, dass das Arbeitsklima bei dem Sender seit Ausbruch des Krieges in Israel feindselig gewesen sei.
»Die BBC hat ein Problem mit Antisemitismus«
Nachdem sie ihre Bedenken gegenüber Führungskräften und schließlich auch gegenüber dem damaligen Generaldirektor Tim Davie geäußert habe, wurde ihr im April – nur 19 Tage nach Erhalt ihres Oscars – gekündigt.
Über die letzten Jahre beim Sender sagt sie: »Ich wurde von einer BBC-Journalistin, die zufällig jüdisch war, zu einer jüdischen Journalistin bei der BBC. Es war, als hätte man mir das Wort ›Jüdin‹ auf die Stirn gestempelt ...«
»Die BBC ist nicht durch und durch antisemitisch, aber sie hat ein Problem mit Antisemitismus. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es einmal so weit kommen könnte, dass mir meine Aussage, ich sei Zionistin, zum Nachteil ausgelegt wird – oder dass man mich deshalb für Teil eines ›Todeskults‹ hält.«
Im Zusammenhang mit diesem »Problem« berichtet sie von einem Gespräch mit einem Kollegen kurz nach dem 7. Oktober: »Ich sagte, die Hamas sei böse, woraufhin die Antwort kam: ›Zionisten sind das auch.‹ Ich war zutiefst schockiert.« Bei einer anderen Gelegenheit, als der damalige britische Premierminister Rishi Sunak eine jüdische Schule besuchte, erinnert sich Kon daran, dass ein Kollege sagte: »Ich finde es widerwärtig, dass er Partei ergreift«. Ich entgegnete: »Wovon redest du? Er ergreift doch gar keine Partei. Er sagt lediglich, dass er die Bürger dieses Landes schützen will.«
»Die BBC hat mich fallen lassen, isoliert und in den Wahnsinn getrieben.
Ein anderes Mal habe ein Kollege sie aufgefordert, «darüber nachzudenken, was die Hamas zu ihrem Handeln getrieben hat», berichtet Kon. Anstatt die Geschehnisse zu ignorieren, habe sie beschlossen, das Thema bei ihren Vorgesetzten anzusprechen. Diese hätten ihr jedoch vorgeworfen, überempfindlich zu sein, und ihr eine Therapie nahegelegt.
Als Teil einer Unterstützungsgruppe für jüdische Mitarbeiter bei der BBC nahm sie zudem an einem Treffen mit Davie teil. Die Gruppe schlug vor, die Ereignisse vom 7. Oktober als «Terroranschlag» zu bezeichnen. Die BBC lehnte dies mit Verweis auf ihre langjährige Haltung ab, den Begriff «Terrorist» grundsätzlich nicht ohne entsprechende Zuschreibung zu verwenden.
Kon erzählt, ein Kollege habe damals zu ihr gesagt: «Wenn du die Hamas als Terroristen bezeichnen willst, dann musst du auch sagen, dass Israel ein Terrorstaat ist.»
«Ihr Arbeitsplatz ist gefährdet»
Im Januar 2024 reichte Kon auf Anraten eines leitenden Managers eine formelle Beschwerde ein. «Mir war klar, dass ich damit ein Risiko einging – und von diesem Moment an änderte sich alles: mein Leben, meine Karriere», erinnert sie sich. Nach einer fünfmonatigen internen Untersuchung wurde ihr mitgeteilt, dass ihrer Beschwerde nicht stattgegeben werde. Sie legte Berufung ein, doch auch diese blieb erfolglos.
Der Stress führte zu gesundheitlichen Problemen, woraufhin sie krankgeschrieben wurde. Kurz bevor sie ging, wurde sie jedoch zu einem Gespräch mit der Personalabteilung einbestellt, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass ihr Arbeitsplatz aufgrund einer Umstrukturierung gefährdet sei. Im April wurde sie schließlich entlassen.
«Die BBC hat mich fallen lassen, isoliert und in den Wahnsinn getrieben ... Sie haben mich gebrochen.» Berichten zufolge entfernte die BBC zudem ihren Namen aus dem Abspann von «Mr Nobody Against Putin» – einem Film, an dem sie drei Jahre lang gearbeitet hatte.
«Ich war eine angesehene und beliebte Journalistin, Auftraggeberin und ausführende Produzentin – bei der BBC wurde ich plötzlich zur ›Jüdin‹», sagt Kon. «Aus Stolz wurde Scham.»
«Ich wurde von einer BBC-Journalistin, die zufällig jüdisch war, zu einer jüdischen Journalistin bei der BBC.»
Lucie Kon
«Man untergrub meine Arbeit, drängte mich in die Enge. Ich hatte das Gefühl, als würde mir die Lebenskraft entzogen.»
Letztlich erklärte sich der Sender nun bereit, ihr eine Entschädigung von mehr als 400.000 Pfund zu zahlen – anstatt sich auf ein arbeitsrechtliches Verfahren einzulassen, in dem Kon Vorwürfe wegen rassistischer und religiöser Diskriminierung, Benachteiligung, Belästigung und unrechtmäßiger Kündigung hätte vorbringen wollen.
Zudem forderte sie eine formelle Entschuldigung sowie ein Gespräch mit dem neuen Generaldirektor Matt Brittin. Beides wurde ihr jedoch verwehrt.
Ein Sprecher der BBC erklärte gegenüber dem «Jewish Chronicle»: «Wir sind dankbar, dass Frau Kon einräumt, dass die BBC nicht institutionell antisemitisch ist.» «Die internen Verfahren der BBC haben keine der von Frau Kon erhobenen Antisemitismus-Vorwürfe bestätigt. Das Ergebnis räumte jedoch ein, dass es Defizite gab und dass die Situation für Frau Kon persönlich belastend war. Wir möchten anerkennen, dass Frau Kon eine geschätzte Mitarbeiterin war, die der BBC viele Jahre lang engagiert gedient hat.»