Island

Wo die Mikwe eine heiße Quelle war

Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen Daniel Salomon im Jahr 1625 nach Island aufbrach, ist nicht bekannt. Sechs Taler, so geht es aus dänischen Archiven hervor, hatte er von der Universität in Kopenhagen für seine Reise erhalten. Die Summe entsprach damals dem Gegenwert einer guten Milchkuh. Salomons Überfahrt wurde dementsprechend wohl als nicht unwichtig angesehen.

Damit verliert sich auch schon die Spur des Mannes, mit dem die dokumentierte jüdische Geschichte Islands beginnt – obwohl der gebürtige Pole am 1. November 1620 in der Kopenhagener Frauenkirche zum Christentum konvertiert war.

Dass es 401 Jahre dauern würde, bis in Island das erste jüdische Gemeindehaus eingeweiht wird, hätte sich Salomon bestimmt nicht vorstellen können. Andererseits kam Island jahrhundertelang im öffentlichen Bewusstsein Europas kaum vor, wie die Historikerin Anna Agnarsdóttir schreibt. Sogar für die wissenschaftliche Welt sei es bis ins späte 18. Jahrhundert Terra Incognita gewesen.

Das Land gehörte bis 1814 zum dänisch-norwegischen Königreich, der dänische König vergab Handels­lizenzen an ihm genehme Kaufleute. Die reichen Fischgründe vor der Küste wurden vom Agrarstaat Island nur begrenzt kommerziell genutzt, was aber nicht ausschließlich an den dänischen Handelsbeschränkungen lag. Die isländischen Grundbesitzer fürchteten, dass zu wenig Arbeitskräfte für die Landwirtschaft übrigbleiben würden.

Es kamen nur wenige

Auch in dieser Zeit sind kaum Juden auf Island dokumentiert, was aber das dortige Parlament nicht daran hinderte, sie 1853 zumindest theoretisch zu diskutieren: Sollten sich ausländische Juden dem dänischen Vorbild entsprechend in Island niederlassen dürfen? Die Antwort war ein klares »Nein«, das 1855 jedoch revidiert wurde, weil, so der isländische Historiker Snorri G. Bergsson, die Loyalität zum dänischen Monarchen größer als die Abneigung gegen Juden gewesen sei. Zwei Jahre später erlaubte König Frederik VII. Juden Aufenthalt und Niederlassung in Island.

Es kamen nur wenige, eine jüdische Gemeinde entstand weiterhin nicht. Einzelne Juden, die vor dem Nazi-Terror flohen, wurden dauerhaft aufgenommen. Bei der Volkszählung 1940 wurden nur neun, sechs Männer und drei Frauen, als permanent in Island lebend erfasst. Im Mai 1940 hatte Großbritannien die Insel besetzt, zum Jom-Kippur-Gottesdienst kamen damals 25 jüdische Soldaten und acht Juden, die aus Deutschland und Österreich geflohen waren. 1941 übernahmen US-Truppen die Verteidigung des Landes, das sich drei Jahre später für unabhängig erklärte. Die US-Streitkräfte blieben bis 2006 auf dem 50 Kilometer von Reykjavík entfernt liegenden Stützpunkt Keflavik. Militärrabbiner betreuten gelegentlich auch die verstreut in Island lebenden Juden mit, ein geregeltes Gemeindeleben oder eine verlässliche jüdische Infrastruktur gab es allerdings weiterhin nicht.

Lebensmittel wurden aus dem Ausland mitgebracht, Rabbiner von der Militärbasis ausgeliehen.

In den 80er- und 90er-Jahren begannen die wenigen Juden in Island schließlich selbst damit, sich zu organisieren. Wenigstens ein paarmal im Jahr wollte man sich treffen, auch, um den Kindern die Grundzüge des Judentums beizubringen und vorzuleben. Zu ihnen gehörte die New Yorkerin Hope Knútsson, die seit den 70ern in Island lebt und mit einem Nichtjuden verheiratet ist. Zwischen 20 und 40 Menschen trafen sich in dieser Zeit unter anderem im Keller der Hallgrímskirkja, Reykjavíks monumentaler lutherischer Kirche.

Man beging die Feiertage gemeinsam, so gut es ohne koscheren Laden ging. Viel Improvisation gehörte dazu, Lebensmittel wurden von Auslandsreisen mitgebracht, der Rabbiner von der Militärbasis ausgeliehen. Zu Chanukka, erinnerte sich Knútsson später, stand ihr isländischer Mann beispielsweise stundenlang am Herd und bereitete Latkes für die gemeinschaftliche Feier zu. Als 2011 zwei junge Chabad-Rabbinatsstudenten nach Reykjavík kamen, mussten sie die Juden des Landes buchstäblich zusammensuchen. Sie schalteten sogar eine Zeitungsannonce, und so wurden aus zunächst nur wenigen Kontakten mehr als 90.

2018 kam der Neuanfang

2018 aber änderte sich alles: Rabbiner Avraham »Avi« Feldman und seine in Schweden geborene Frau Mushky zogen mit ihren Kindern nach Reykjavík. Sie organisierten Schabbatessen, Religionsschule, Kinderprogramme und Feiern, zunächst von zu Hause aus, später in eigens angemieteten Räumen. Erstmals hatten die isländischen Juden nun einen eigenen Rabbiner, der sich außerdem zielstrebig daranmachte, den großen Traum von einem Gemeindezentrum umzusetzen. Im Juli 2026 war es schließlich so weit. An der Hverfisgata im Zentrum Reykjavíks eröffnete Chabad das Beit Shvidler Jewish Center of Iceland, das erste dauerhafte jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum des Landes. Auf rund 800 Quadratmetern beherbergt das dreistöckige Gebäude Synagoge, Veranstaltungs- und Unterrichtsräume, Gemeindeküche und Koscherladen. Eine Mikwe und ein koscheres Restaurant sollen folgen. Eine permanente Ausstellung mit Fotografien, Dokumenten und persönlichen Geschichten zeigt zudem mehr als 100 Jahre jüdischen Lebens in Island, sodass auch Isländer mehr über das Judentum erfahren können.

Eine eigene Torarolle erhielt die Gemeinde bereits 2020. Die Schweizerin Adina Krausz wollte ihrem Mann Uri etwas ganz Besonderes zum 50. Geburtstag schenken: eine neue Tora für eine Gemeinde, die keine eigene besaß. Sie entschied sich für Island. 2019 wurde der Sofer beauftragt.

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Im Februar 2020 reiste das Ehepaar zur Toraeinbringung nach Island. Nachdem die letzten Buchstaben eingetragen worden waren, wurde die Tora unter einer Chuppa über den Laugavegur in das damalige Chabad-Haus getragen. Diese Straße – deren übersetzter Name »Waschweg« lautet, weil sie früher zu heißen Quellen führte, in denen die Einwohner Reykjavíks ihre Wäsche wuschen – ist heute die zentrale Einkaufs- und Flaniermeile der Stadt. Und so blieben nicht nur viele Passanten stehen, um das große Ereignis zu verfolgen, manche schlossen sich dem feierlichen Zug auch spontan an.

Noch nicht ganz fertig ist die Mikwe, welche die erste überhaupt in Island sein wird. Sie wird geothermisch beheizt, also durch Erdwärme. Für die Mikwe selbst ist die halachisch vorgeschriebene natürliche Wasserzufuhr gewährleistet. Bislang mussten Jüdinnen zu einer anderthalb Stunden von Reykjavík entfernt liegenden natürlichen heißen Quelle fahren und dann noch einmal zehn Minuten zu Fuß gehen. Rebbetzin Mushky Feldman sagte in einem Interview, dass das im Winter ein ziemliches Abenteuer sei.

Heinz Edelstein baute Islands Musikschulen auf.

Auch das geplante koschere Restaurant ist noch nicht fertiggestellt, aber eine eigene Gemeindeküche und einen Koscher­laden gibt es bereits. Außerdem wurde die »Island Kosher List« erstellt, auf der viele Lebensmittel stehen, die es in den großen Supermarktketten des Landes, wie Nettó, Krónan, Bónus und Hagkaup, zu kaufen gibt. Frischer Kabeljau und Lachs sind dort ebenso aufgelistet wie manche Buttermarken, Hummus und Pflanzenmilch. Nur beim Brot wird es schwierig, lediglich bestimmte Tiefkühl-Baguettes entsprechen den Anforderungen. Fleisch und Geflügel werden dagegen tiefgekühlt aus Frankreich nach Island geliefert.

Das ist ein großer Fortschritt, denn als Rabbiner Feldman 2018 nach Reykjavík kam, wurde beim Pessach-Seder notgedrungen Lachs statt Fleisch serviert. Schächtungen ohne vorherige Betäubung sind in Island verboten, der Import von koscherem und halal Fleisch, das betäubungslos produziert wurde, ist aber erlaubt.

Inzwischen ist das Judentum seit nunmehr fünf Jahren eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft im Land. Zwei Jahre dauerte es, bis ein Antrag, den Rabbiner Feldman gestellt hatte, positiv beschieden wurde. Auch im hohen Norden mahlen die Mühlen der Bürokratie langsam.

Chanukkia im Stadtzentrum

So war es auch, als Feldman zu Chanukka einen großen Leuchter im Stadtzentrum errichten wollte. Lange hörte er von der zuständigen Behörde nichts, bis schließlich ein entwaffnend ehrlicher Brief kam: Man habe einfach nicht gewusst, was das sein solle, und deswegen sei der Antrag von Abteilung zu Abteilung gewandert, bis er schließlich beim Bürgermeister landete. Der stimmte nicht nur sofort zu, sondern kam im folgenden Jahr auch persönlich zum Lichterzünden. Und erklärte in seiner Rede, dass Chanukka von nun an jedes Jahr in Reykjavík öffentlich gefeiert werde.

Vielleicht führt die zunehmende Sichtbarkeit des Judentums auf Island dazu, dass die Geschichte der jüdischen Bewohner weiter erforscht wird. Erst in diesem Jahr erfuhr die Welt beispielsweise, dass die klassische Musikszene des Landes maßgeblich von drei Flüchtlingen aufgebaut und geprägt wurde: Der 22-jährige jüdische Pianist Robert Abraham war 1935 von Berlin nach Island emigriert, der nichtjüdische Dirigent Victor Urbancic und seine jüdische Ehefrau Melitta flüchteten 1938 von Wien aus dorthin. Irgendwann dazwischen, der genaue Zeitpunkt ist unbekannt, landete auch der Freiburger Cellist und Musiklehrer Heinz Edelstein mit seiner Familie in Island. Urbancic wurde 1950 Chefdirigent des nach der Unabhängigkeit des Landes gegründeten Iceland Symphony Orchestra.

Abraham, der von seinen eigentlich jüdischen Eltern evangelisch erzogen worden war, wurde später Musikdirektor der isländischen Kirche. Und Edelstein half beim Aufbau von Musikschulen, wie der isländische Musikwissenschaftler Àrni Heimir Ingólfson in seinem kürzlich auch auf Englisch erschienenen Buch Music at World’s End berichtet. Vermutlich sind noch viele weitere Geschichten über Juden in Island in Archiven oder auf Dachböden zu finden – und womöglich erfahren wir sogar eines Tages, was aus Daniel Salomon wurde.

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