Kurz nach eins an einem Donnerstag im hellen Atrium der Florida International University. Da hinten schlendern ein paar Studenten mit den verpackten Resten ihres Lunchs, dort drüben steht ein Grüppchen und redet, telefoniert, auf der einen Seite macht es sich jemand auf einer der vielen Lounge-Sitzen bequem – in der Mitte eilen Studierende durch den breiten Gang, manche so schnell, als würden sie schon jetzt zehn Minuten zu spät zum Seminar kommen. Sie laufen im Takt der Musik, die durchs Atrium schallt.
Weiter hinten, vorbei an den dicken dunkelblau gestrichenen Säulen mit dem mutigen Panther – das Maskottchen der FIU – ist der Hillel Hub. Und wenn sich die Tür zum dem Treffpunkt für jüdische Studierende schließt, bleiben all die Stimmen, die sich im riesigen Atrium gerade noch überlagerten, die eilig umherlaufenden Studierenden, die Telefonierenden erst einmal draußen. In dem mittelgroßen Raum ist es so ruhig, dass ein Stuhl, den Ron gerade noch zurechtrückt zu hören ist. Große Sofas stehen in der Mitte, in den Regalen liegen Hillel-Pullover, Wimpel, Kisten mit allerhand Hillel-Werbeartikeln.
Lia kommt eigentlich aus Barcelona
An der Wand lehnen Papptafeln, die von der letzten Demonstration gegen das Vergessen des 7. Oktober übrig geblieben sind – »Remember Nova – Remember Their Names« steht mit rotem Filzstift darunter der Name von Shani Louk, Ziv Frenkel oder Ben Shimoni. »Wir wollten zeigen, dass sie immer bei uns sind«, sagt Lia. Die 21-Jährige lebt seit zwei Jahren in den USA und studiert Wirtschaft. Eigentlich kommt sie aus Barcelona, einer Stadt, die sie immer noch liebt, in der sie aufgewachsen ist, aber die ihr über die Jahre fremd geworden ist. Der Wunsch, in einem Land die Schule zu beenden und dort auch mit dem Studium anzufangen, in dem es alltäglicher ist, jüdisch zu sein, war größer.

»Ich bin tatsächlich nach Miami gekommen, weil ich nach einer größeren jüdischen Gemeinschaft gesucht habe. Besonders nach dem 7. Oktober 2023. In Spanien habe ich mich irgendwie allein gefühlt«, sagt Lia mit einem weinenden und einem vermissenden Auge, denn ihre Familie fehle ich sehr. Umso schöner, erzählt sie, sei es, mit Hillel eine Art Ersatzfamilie gefunden zu haben. In Jon, dem Hillel-Leiter, in ihrem Kommilitonen Ascher, Ron oder Vlad – ihnen muss sie nicht erklären, wie es ihr geht, wenn sie an Schildern mit »From the River to the See« vorbeigeht oder wenn jemand den 7. Oktober ins Lächerliche zieht.
»Ich wollte so sehr in eine jüdische Gemeinschaft, dass ich ein bisschen vergessen haben, auch mit anderen in den Kursen zu sprechen.«
Hier kann sie einfach Lia sein, die im zweiten Jahr Wirtschaft studiert, gerade zwei Prüfungen hinter sich hat und froh ist, endlich nicht mehr in diesem Meal-Plan zu sein, den alle Ersties buchen müssen. Bei Hillel finde sie, sagt Lia, Geborgenheit, Trost und vor allem eine Menge Spaß. Später wird sie zum Beispiel zum Schabbat gehen – wie so oft schon, seitdem sie hier ist. »Ich wollte so sehr in eine jüdische Gemeinschaft, dass ich ein bisschen vergessen haben, auch mit anderen in den Kursen zu sprechen, aber das habe ich mir vorgenommen, ein bisschen zu ändern.«

Seit 2015 gibt es Hillel an der FIU, der Verband sieht sich für rund 3500 Studierende in der Region von Miami Dale zuständig. Wer kommen will, kann kommen, egal, ob jüdisch oder auch nicht. Wer keine Lust hat, muss nicht. »Alles ziemlich easy going«, sagt Ascher, der Sport Management studiert. Sein eigentlicher Favorit ist gerade der Pokal, der auf einem weißen Ikea-Regal mit Tora-Büchern steht. »Das ist von neulich mal, vom Hillel Cup«.
Neulich, das war im März, als das FIU-Fußballteam die Hillel-Mannschaft von der University of Miami besiegte. Ascher fällt auf mit seinen tiefschwarzen Locken und dem fröhlichen Lachen. »Miami ist eigentlich die(!) Stadt, um jüdisch zu sein«, sagt der 21-Jährige, der aus einer ländlichen Gegend in Texas nach Florida kam. »Die Stadt hat eine der größten jüdischen Gemeinschaften der Welt. Früher habe ich jeden Sommer hier verbracht, weil ich Familie hier haben, deshalb wusste ich, dass ich mal in Miami leben wollte.« An der FIU, und besonders bei Hillel, fühle er sich sicher. Auch, wenn er den Campus verlasse. Der Unterschied zu Städten wie New York oder Los Angeles sei eben, dass es in Miami noch jüdisches Leben gebe, das sichtbar sei, erläutert Ascher. »Nicht nur eine Straßenzug entlang.«
Die Campus-Polizei pflegt engen Kontakt zur jüdischen Studentenorganisatio.
Aber auch hier auf dem Campus ist das jüdische Leben nicht unbewacht. Zwar machten antisemitische Schmierereien oder verbale Anfeindungen nur einen Bruchteil der Arbeit der Polizei aus, erklärt Alexander D. Casas, der Chef der FIUPD, der Uni-eigenen Polizeistation, trotzdem sei ihm die enge und auch ganzjährige Zusammenarbeit mit Hillel wichtig. Die FIUPD möchte eine mögliche Gefahr kennen, bevor sie entstehe, nicht erst während einer Krisensituation. Auf dem fast 238 Hektar großen Gelände passiere eine Menge von üblicher Polizeiarbeit.

Alle Vorfälle haben die Beamten nach Datum und Uhrzeit aufgelistet. Diebstahl, Motorradklau, Unfallflucht, Hausfriedensbruch. Ob eine Schmiererei als antisemitisch eingestuft wird, hänge vom Umfeld ab, sagt Casas: Das Hakenkreuz auf der Toilette sei zunächst eine Straftat wegen Sachbeschädigung. Ob zusätzlich ein Hassverbrechen vorliege, hänge unter anderem davon ab, ob sich die Tat gezielt gegen eine bestimmte Gruppe richtet. Ein antisemitisches Symbol an eine Synagoge oder ein jüdisches Gemeindezentrum sei etwas anderes.
Lia fühlt sich gut beschützt und schätzt den Einsatz der Uni, wenn es um jüdische Studenten geht: »Gestern hat die Präsidentin der FIU darüber gesprochen, dass sie die jüdische Gemeinschaft offen unterstützt und dass wir jederzeit zu ihr kommen können, wenn wir etwas brauchen. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass jemand an einer Hochschule in Spanien so etwas sagen würde. Dort sind alle sehr pro-palästinensisch und sehr judenfeindlich und israelfeindlich eingestellt.«
»Die Rechten lehnten mich ab, weil ich aussehe wie jemand aus dem Nahen Osten, die Linken, weil ich Jude bin.« Ron
Die Gedenkveranstaltung zum 7. Oktober 2023 auf dem FIU-Campus war angemeldet, wurde geschützt, und trotzdem ist es für Ron, Wirtschaftsstudent, nicht nachvollziehbar, dass es Studierende gibt, die diesen Tag für »pro-palästinensischen« Protest nutzten. »Für mich war das nicht nur respektlos uns gegenüber, sondern auch den Getöteten, den vergewaltigten Frauen gegenüber.« Niemals werde der Israeli vergessen, wie er vor drei Jahren die Bilder vom Hamas-Überfall in den Nachrichten verfolgte. Damals lebte Ron noch in Israel. Als er den Protest beim Gedenken sah, wusste er sich nur eine Reaktion: »Ich nahm sofort die israelische Flagge und stellte mich ihnen entgegen. Denn ich habe nicht das Recht, mich zu fürchten oder mich dafür zu schämen, wer ich bin, wenn so viele Menschen ihr Leben verloren haben. So viele Menschen haben für mich gekämpft.«

Er sagt das alles, ohne den Blick abzuwenden, danach macht er eine kleine Pause und erklärt, warum es ihm so wichtig ist, hier bei Hillel engagiert zu sein. Schon in seinem ersten Studienjahr an der FIU habe er eine tolle jüdische Gemeinschaft erlebt, »mit vielen Israelis und Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen. Ich dachte, das wäre überall in den USA so.«
Als er im zweiten Jahr an die Southern Illinois University wechselte, merkte er, wie falsch er lag: »Die Rechten lehnten mich ab, weil ich aussehe wie jemand aus dem Nahen Osten, die Linken, weil ich Jude bin. Da wurde mir klar, dass ich mich nicht durch den halben Kontinent kämpfen muss, um mich fremd zu fühlen.« Also kehrte ich zur FIU zurück – »dorthin, wo ich mich zugehörig fühle und von einer starken jüdischen Gemeinschaft getragen werde.«

Hier bekäme er jedenfalls keine schiefen Blicke, wenn er sage, dass er jüdischer Israeli sei. Nur manchmal schauten – insbesondere Frauen – überrascht, wenn es um seinen Musikgeschmack gehe: Country. »Ja, wirklich! Ich bin der einzige Israeli, der Country-Musik hört.« Irgendwann werde er sicherlich wieder nach Israel zurückkehren, um eine Familie zu gründen, sagt der 23-Jähre, aber jetzt bleibe er erst einmal hier. And der FIU – und bei Hillel, wo er, wenn er wollte, auch mit Kippa und Davidstern durch die Tür vom Hillel Hub gehen könnte. Schließlich ist das Maskottchen der Uni der Panther.