Hat Spider-Man hier seine Netze gewebt? Der Gedanke an den wieder durch die Kinos tourenden Superhelden liegt nahe, wenn man dieser Tage die Konstablerwache passiert. Jenseits der beiden Markttage ist dieser Platz in der Frankfurter Innenstadt ein Unort, der zügig durchschritten werden will, wenn man nicht von Drogenhändlern belangt werden möchte.
Seit einigen Tagen jedoch bleiben Passanten stehen, schauen hin und sprechen über das Unübersehbare. Denn über der Konstablerwache schwebt eine spinnennetzartige Struktur aus Polymerfasern, die zu Volumina geknüpfte farbige Netzsegmente trägt. Dem erst durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges entstandenen Platz verleiht das Objekt eine durchlässige Überdachung. »A Sky Full of Hope« heißt diese rund sieben Meter über dem Platzplateau schwebende Skulptur, für die über 100 Kilometer Garn verarbeitet wurden.
Globale Vernetzung
Janet Echelman denkt weniger an Spider-Man, als sie auf der »Konsti«, wie Frankfurter den Platz nennen, über ihr Werk spricht. Die Netzskulptur sei Teil ihres »Earthtime«-Projekts, das von globaler Vernetzung handele, sagt die 1966 im US-Bundesstaat Florida geborene Künstlerin. Ähnliche Werke hatte sie in den vergangenen Jahren in München, Wien, Mailand, Saragossa, Shanghai, Dubai und weiteren Orten rund um den Globus installiert. Die Frankfurter Netzskulptur sei, wie Echelman betont, eigens für diesen Ort konzipiert worden, etwa was die Farbgebung und die Beleuchtung in den Abendstunden angeht.
Der Künstlerin geht es auch um die Verbindung zwischen Himmel und Erde.
Der Titel »Earthtime 1.78« bezieht sich auf das schwere Seebeben am 11. März 2011 vor der japanischen Ostküste, das einen Tsunami auslöste und die Havarie des Atomkraftwerks in Fukushima nach sich zog. Die Zahl 1.78 soll dabei für die Mikrosekunden stehen, um die sich der irdische Tag durch die Beschleunigung der Erdrotation infolge des Seebebens verkürzt hat. Dass laut einer amtlichen Statistik Angehörige von 178 Staaten in Frankfurt am Main leben, ist eine Koinzidenz, die das Kulturdezernat, das die Netzskulptur in Auftrag gegeben hat, ebenso wie die Künstlerin bereitwillig aufgreifen.
Echelman spricht vom Gefüge dieser Stadt, das aus 178 unterschiedlichen Nationalitäten zusammengesetzt sei. Und sie betont den Gedanken der gegenseitigen Vernetzung: So gerieten die miteinander verwebten Elemente ihrer Skulptur bei Windstößen gemeinsam in Bewegung. Verbindung schaffe Stabilität – dieses Prinzip gelte für ihr Kunstwerk ebenso wie für die Stadt.
Unverhoffte Bedeutungsebene
Der Künstlerin geht es aber auch um die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Janet Echelman erwähnt auch die Sukka als eine Referenz für ihr Werk – die Laubhütte als eine Zuflucht bietende Behausung mit transparentem Dach. Dass die Gegend um die Konstablerwache jahrhundertelang den Mittelpunkt des jüdischen Frankfurt bildete, ist eine weitere Koinzidenz, die dieser Netzskulptur eine unverhoffte Bedeutungsebene verleiht.
Während der Recherche habe sie das Jüdische Museum und den jüdischen Friedhof besucht, erzählt Echelman. Die Familie ihres Mannes stamme aus Frankfurt, auch wenn dies schon Generationen zurückliege. Und sie hätten unter der Chuppa geheiratet, woraus Janet Echelman noch eine Verbindung zu ihren Netzskulpturen ableitet: Schließlich beziehe sich der Hochzeitsbaldachin auf Abrahams Zelt, das ein Obdach geboten habe und zugleich für alle offen gewesen sei.
Aus diesem Blickwinkel erscheint es folgerichtig, dass Echelmans Werke vor allem in öffentlichen Räumen und unter freiem Himmel installiert werden. Denn dort sind sie rund um die Uhr für jedermann zugänglich. Die Künstlerin ist neugierig darauf, wie die Frankfurter ihre Netzskulptur wahrnehmen. Sie setze kein Vorwissen voraus: Alle könnten damit interagieren und ihre eigenen Gedanken und Assoziationen entwickeln. Dass das für 2,3 Millionen Euro umgesetzte Werk in der Frankfurter Öffentlichkeit für einigen Aufruhr sorgt, ist auch Echelman nicht entgangen. Demokratie bedeute Dialog und einen beständigen Austausch über Prioritäten, sagt sie.
Wie kann ein besseres Zusammenleben aussehen, und welche Wege führen dorthin?
Frankfurt am Main fungiert derzeit als »World Design Capital«. Das Motto des ganzjährigen Festivals lautet »Design for Democracy: Atmospheres for a better life«. In diesem Zusammenhang kam auch Echelmans Netzskulptur auf die Konstablerwache. Wie kann ein besseres Zusammenleben aussehen, und welche Wege führen dorthin? Die Einstellungen zu diesen Fragen gehen ebenso auseinander wie die zu Echelmans Kunstwerk. Dass es für lebhafte Diskussionen sorgt, war auch bei der Eröffnung von »A Sky Full of Hope – Earthtime 1.78 Frankfurt« am 11. August zu spüren.
So voll wie an diesem Sommerabend hat man die Konstablerwache selten erlebt. Die Ansprachen von Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef, Kulturdezernentin Ina Hartwig (beide SPD) und Janet Echelman gingen im allgemeinen Gewusel unter. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde Echelmans Skulptur mit einer Klang- und Lichtshow eingeweiht. Die sanft im Wind wogenden Netzstrukturen und die changierenden Farben ließen an diesem Abend Polarlichter assoziieren.
Für drei Jahre soll das Kunstwerk nun über der Konstablerwache schweben. Es ist geplant, die Netzskulptur für den Winter abzubauen und im Frühjahr wieder zu installieren. Wie wird die Frankfurter Öffentlichkeit auf die »Konsti-Kunst« blicken? Wird sich die Aufregung legen? Hilft »A Sky Full of Hope« gar, einem unwirtlichen Flecken der Innenstadt etwas Magie einzuhauchen? Die Zeit wird es zeigen. Janet Echelman derweil webt die globale Vernetzung buchstäblich weiter. Ihr nächstes Kunstprojekt setzt sie gerade in der saudischen Hauptstadt Riad um.
»A Sky Full of Hope« findet sich in der Frankfurter Innenstadt, Zeil 53.