Herr Fraenkel, bei der Lektüre Ihres Buchs »Mit Platon in Palästina« habe ich ein neues Wort gelernt: Fallibilismus. Sind Sie Fallibilist? Und was bedeutet das eigentlich?
Ich würde auf jeden Fall sagen, ich bin Fallibilist. Das bedeutet, anzuerkennen, dass auch unsere bestbegründeten Überzeugungen falsch sein können. Das macht es dann auch leichter, anzuerkennen, dass es viele konkurrierende, manchmal sogar widersprüchliche und dennoch gut begründete Antworten auf große Fragen geben kann. Damit geht die Bereitschaft einher, eigene Überzeugungen immer wieder zu überprüfen, wenn neue Argumente, Gesichtspunkte oder Evidenz auftauchen. Karl Popper hat diesen Gedanken in seiner Wissenschaftstheorie aufgegriffen, aber für mich ist der Referenzpunkt Sokrates. Dieser Philosoph ist aus meiner Sicht ein Fallibilist. Er sagt ja: Er weiß, dass er nichts weiß. Er hat durchaus Überzeugungen, nach denen er handelt. Aber er ist bereit, diese Überzeugungen immer wieder infrage zu stellen. Bei mir hat es übrigens auch biografische Gründe, dass ich mich heute als Fallibilisten bezeichne.
Wieso das?
Ich bin in Deutschland geboren und habe einige Jahre in einem kleinen Dorf im Münsterland gelebt. Da war ich wirklich glücklich und habe mich zugehörig gefühlt. Meine Eltern sind, als ich knapp zehn Jahre alt war, zurück nach Brasilien gegangen, wo sie herkamen. Und dann waren wir plötzlich in São Paulo, und alles war anders ...
… was Kinder nicht gerne mögen?
Und das hat alles infrage gestellt, was ich für wahr gehalten hatte. Ich habe so eine Art deutschen Nationalismus entwickelt und an allem, was deutsch war, festgehalten – ich habe sogar meine Eltern gezwungen, mit uns in ein deutsches Restaurant in São Paulo zu gehen, obwohl keiner von uns die deutsche Küche liebte! Das brach dann aber wieder zusammen, als die Eltern meines Vaters, die deutsche Juden und vor den Nazis geflüchtet waren, zu viel von meiner Deutschtümelei hatten. Meine Großmutter holte irgendwann ein Buch aus dem Regal und legte mir das auf den Tisch. Es war »Der gelbe Stern«, eine Fotodokumentation des Holocaust. Diese Erfahrung, wo eine Grundüberzeugung, Grundwerte, auch die eigene Identität zusammenbrechen, hat mit dazu geführt, dass ich nie ganz sicher bin, ob etwas wirklich stimmt oder nicht.
Während der Arbeit an Ihrer Dissertation in Kairo haben Sie sich mit muslimischen Kommilitonen auseinandergesetzt, die Sie vor der Hölle retten wollten. Hat Sie das genauso beeinflusst wie als Kind der Umzug nach Brasilien?
Ja, das waren zwei Schlüsselerlebnisse. In Kairo war es das erste Mal für mich, dass meine säkularen Grundüberzeugungen infrage gestellt wurden. Ich hatte mich mit ägyptischen Studenten angefreundet, und die waren besorgt, dass meine Seele in der Hölle brennen würde. Und ich war besorgt, dass sie ihr wahres Leben für die Illusion eines Lebens nach dem Tod vergeudeten. Diese Gespräche waren sehr intensiv und existenziell.
Sie haben in New York auch mit abtrünnigen Satmarern und Lubawitschern diskutiert, die ihren streng religiösen Gemeinschaften innerlich den Rücken gekehrt hatten. Es war eine Art philosophischer Zirkel im Untergrund. Warum konnten diese Juden mit Baruch Spinoza mehr anfangen als mit Moses Maimonides?
Sie haben ein Doppelleben geführt. Sie waren Freidenker, abgefallen vom Glauben, und gleichzeitig sind sie in der Gemeinde geblieben, weil sie sich nicht vorstellen konnten, ein neues Leben außerhalb aufzubauen. Sie konnten nie ehrlich sein, besonders nicht zu ihren Kindern, und sie mussten so tun, als würden sie sich freuen, wenn die noch eine Seite Talmud geschafft hatten. Wir haben Sokrates und Platon studiert, und sie waren darüber verwundert, dass Sokrates so ein religiöser Mensch war. Platon beschreibt ihn als jemanden, der auf seinen Daimon hört, eine Art Engelwesen, das ihn begleitet, und sie haben gefragt: »Wie kann ein Philosoph an eine göttliche Stimme glauben?« Und dann haben sie mir beschrieben, wie sie sich selbst davon gelöst hatten. Erst hätten sie Zweifel an den mittelalterlichen Kommentaren gehabt – und gedacht: »Okay, konzentrieren wir uns auf die Bücher der rabbinischen Literatur und die Bibel.« Dann kamen die Zweifel am Talmud und der Mischna, also an den rabbinischen Texten. Und dann kam ihnen auch noch ihr Glaube an die Tora abhanden. Maimonides hätte ihnen helfen können, wenn sie an diesem Fundament festgehalten hätten, weil er versuchte, Vernunft beziehungsweise Philosophie und Rationalität und diesen biblischen Rahmen zusammenzuhalten. Spinoza hingegen war ein jüdischer Ketzer, mit dem sie sich als Juden und als Ketzer identifizieren konnten.
Haben Sie den Kontakt zu diesen Ketzern gehalten?
Eine Zeit lang ja. Sie haben mir zum Beispiel einen Artikel geschickt über Palästinenser in Ramallah, die während des Ramadans im Verborgenen aßen. Das fand ich wirklich witzig, diese Solidarität mit Ketzern, die sich vom Islam abwandten. Dieses Kapitel zu schreiben, war die größte Herausforderung für mich. Ich musste sehr viel verfremden, sodass sie ganz sicher sein konnten, dass sie nicht erkannt würden.
In »Mit Platon in Palästina« berichten Sie auch über Ihre Erfahrungen 2006 als Dozent an der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem und die Schwierigkeiten, die arabische Studenten wegen der Besatzung im Westjordanland hatten, aber auch, wie der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh intern angegangen wurde, weil er sich für die Zweistaatenlösung einsetzte. In einem Interview mit der »Zeit« sagte Nusseibeh 2025, er brauche den Begriff Genozid nicht, um das israelische Vorgehen in Gaza zu kritisieren. Wie geht es ihm heute?
Er ist pensioniert und lebt immer noch in Ost-Jerusalem. Schon damals waren stets vier Bodyguards um ihn herum. Die haben den Klassenraum erst einmal abgesucht, bevor wir hineingingen. Er wurde als jemand wahrgenommen, der mit dem Feind spricht, der bereit ist, Kompromisse einzugehen. Seine Idee war, dass wir eine gemeinsame Humanität haben, dass man befreundet sein kann mit Menschen von der anderen Seite, auch wenn man nicht dieselbe politische Meinung hat. Und ich finde seine Weigerung spannend, sich auf dieses Vokabular festlegen zu lassen: Genozid und Kolonialismus und Apartheid. Sari Nusseibeh hält daran fest, dass man gemeinsam nach der Wahrheit suchen sollte, so unpopulär solch eine Einstellung jetzt natürlich ist, wo man unter diesem immensen Druck steht, Farbe zu bekennen, sich einem Lager zuzuordnen.
Nusseibeh kommt auch zur ersten großen Konferenz »Beyond Ibn Rushd/Averroes – Philosophy and Science in Islam from Muslim Córdoba to Contemporary Iran« vom 14. bis 16. Dezember, die das Einstein Forum gemeinsam mit der Barenboim Said Akademie organisiert. Was ist Ihr Anliegen dabei?
Averroes ist sozusagen der muslimische Kollege von Maimonides, die beiden waren zwei der bedeutendsten mittelalterlichen Philosophen. In dieses Jahr fällt sein 900. Geburtstag. Aber unser Thema geht weit darüber hinaus. In gewisser Weise schlagen wir einen Bogen von Averroes zur AfD.
Wie das?
Dieser Tage führen alle Wege irgendwie zur AfD. Es gibt dieses Bild vom vernunftfeindlichen, fanatischen Islam, der nicht zu Europa gehört, weil er unaufgeklärt sei. Aber es hat eine wirklich lebendige, vielfältige philosophische, wissenschaftliche Tradition in der islamischen Welt gegeben, die vom Mittelalter bis heute reicht. Wir wollen zeigen, dass diese Geschichte nicht nach Averroes aufgehört hat, wie oft falsch behauptet wird. Dass dieses Schwarz-Weiß nicht passt.
Sie möchten auch philosophische Dialoge an Schulen und an Unis initiieren. Was schwebt Ihnen vor?
Die Idee ist, die Philosophie breit in der Gesellschaft zu verankern, indem wir mit Schulen zusammenarbeiten, Universitäten, kulturellen Einrichtungen. Unter Philosophie verstehe ich keinen Katalog von Lehrmeinungen oder verstaubte Philosophiegeschichte, sondern ein globales philosophisches Streitgespräch über diese sokratische Frage: Wie sollen wir leben? Wie muss eine Gesellschaft aussehen, um uns ein gelingendes Leben zu ermöglichen? Traditionelle Normen und Lebensformen stehen heute unter massivem Druck von allen Seiten. Klimawandel und Kriege …
Und Künstliche Intelligenz?
KI wird alles revolutionieren. Aber wir wollen die Frage ganz neu stellen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, in einer Zeit der Angriffe auf die Demokratie von rechts und von links, in einer Zeit, in der die internationale Rechtsordnung zerbröckelt. Philosophie, so wie ich sie betreibe, liefert keine fertigen Antworten, aber Werkzeuge. Vor allem ist meine Hoffnung, dass sie dazu beitragen kann, dass die Antworten, die wir geben, nicht nur durch Affekte bestimmt werden, durch Wut und Frustration und Angst, sondern durch solche Gespräche. Ich bin ein großer Fan der offenen Gesellschaft, die wir ja immer noch haben.
Sie schreiben, Ihnen reiche Multikulturalismus nicht, weil es nicht ausreichend sei, Vielfalt zu feiern. Was meinen Sie damit? Was wollen Sie stattdessen?
Es gibt interessante westliche Antworten auf die Frage: »Wie sollen wir leben?« Aber es gibt auch interessante muslimische, jüdische, buddhistische, indische, konfuzianische, afrikanische Antworten darauf. Mir geht es aber nicht um Tokenism, nicht um ein multikulturelles Potpourri, in dem jeder repräsentiert sein muss. Nein, es geht mir darum, dieses Streitgespräch in Gang zu bringen, damit Argumente ausgetauscht werden. Ich habe 26 Jahre in Kanada gelebt, und das war schon sehr angenehm. Aber eine Gefahr des Multikulturalismus ist, dass man sich nicht mehr miteinander auseinandersetzt, wenn man alles bejaht und jede Lebensform als gleich gut gelten lässt. Die Spannungen können dann gar nicht mehr zum Tragen kommen und entladen sich manchmal rein zufällig. Meine Meinung ist, dass Konflikte, wenn man sie intelligent managt, produktiv sein und genau diesen Effekt haben können, den ich damals in Kairo erlebt habe, wo eigene Selbstverständlichkeiten infrage gestellt werden und man ins Nachdenken kommt.
Philosophie soll Ihrer Meinung nach in der Schule als Pflichtfach unterrichtet werden. Ab welcher Klasse?
In der Oberstufe, also in der elften und zwölften Klasse und auch an der Uni, und zwar nicht nur für Philosophiestudenten. Darüber bin ich auch im Gespräch mit der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität in Berlin. Ich möchte eine Art Propädeutik für alle Studierenden. Sie sind in einer Lebensphase, in der sie ohnehin damit befasst sind, sich Gedanken zu machen: Was ist mein Platz in der Gesellschaft und in der Welt? Ihr Leben ist noch nicht festgelegt, ihr Charakter ist noch nicht endgültig geformt. Das ist eigentlich das, worauf ich am meisten abziele.
Mit dem neuen Leiter des Einstein Forums in Potsdam sprach Ayala Goldmann.
Carlos Fraenkel: »Mit Platon in Palästina. Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt«. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Hanser, München 2016, E-Book, 6,99 €