Eigentlich hatte Art Garfunkel diesen Herbst einige Wochen in Europa verbringen wollen. Eine kleine Europa-Tournee war geplant gewesen, inklusive eines Konzerts in der Hamburger Elbphilharmonie. Es wäre das erste Deutschlandkonzert des US-Musikers seit 2019 gewesen, doch Garfunkel, der am Donnerstag (5. November) 85 Jahre alt wird, musste absagen - eine Atemwegsinfektion, sein Arzt habe ihm geraten, sich auszuruhen.
Es breche ihm das Herz, die Europa-Auftritte verschieben zu müssen, sagte der Sänger. »In dieser Phase meines Lebens ist es ein Geschenk, das sich kaum in Worte fassen lässt, vom Publikum so herzlich empfangen zu werden und so viel Liebe zu erfahren.« Er verspreche, auf die Bühne zurückkehren, sobald die Gesundheit es zulasse. »Bitte macht euch keine Sorgen um mich. Ich bin in guten Händen und bin zuversichtlich, dass alles wieder gut wird.«
Fans auf der ganzen Welt bewundern Garfunkel für seine außergewöhnliche Singstimme. Schon als Kind habe er beim Radio mitgesungen, erzählte der Musiker jüngst dem britischen »Guardian«. »Eines Tages bin ich dann aus dem Kindergarten herausgelaufen - das Treppenhaus hatte einen wunderbaren Hall - und habe mir selbst etwas vorgesungen. Ich hatte Gänsehaut, weil meine Stimme so schön war. Ich hatte mehr Spaß als je zuvor und wusste: Ich bin ein Sänger.«
Drei Wochen älter
Drei Straßenblocks entfernt im New Yorker Stadtteil Queens wuchs zur selben Zeit ein anderer kleiner Junge auf, dem es ähnlich ging - Paul Simon. »Ich habe in ihm dieselbe Art von New Yorker Kind gefunden, das daran gearbeitet hat, etwas immer besser und besser hinzubekommen, in seinem Fall die Gitarre. Es war selbstverständlich, dass wir Freunde wurden.«
Simon ist nur rund drei Wochen älter als Garfunkel, er wurde gerade Mitte Oktober 85. Als Folkduo Simon & Garfunkel feierten die beiden vor allem in den 60er und 70er Jahren gemeinsam Welterfolge. Simon lieferte poetische Texte und Melodien mit Wiedererkennungswert, Garfunkel steuerte seine goldene Stimme bei. Songs wie »The Sound of Silence«, »Mrs. Robinson« oder »Bridge over Troubled Water« wurden zu Klassikern. 1981 pilgerten rund 500.000 Menschen in den New Yorker Central Park, um das Duo zu sehen - das bis dahin größte Rock-Konzert einer einzigen Band.
Aber auch die öffentlichen und schlagzeilenträchtigen Streits der beiden sind legendär. Bei einem gemeinsamen Mittagessen 2024 versöhnten sie sich aber offiziell wieder. »Für mich ging es darum, uns auszusprechen, bevor es zu spät ist.« Garfunkel kann inzwischen mit Zuneigung zurückblicken. »Wir haben unsere Leben gegenseitig bereichert«, sagt der Musiker. »Wir waren einfach eine bemerkenswerte Kombination zweier sehr verschiedener Menschen, die mit einer sehr kurzen Lunte verschmolzen sind.«
Gemeinsame Zeit
Die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit bedeuten ihm viel. »Es gab damals viele Momente, in denen ich mich kneifen musste wegen meines Glücks. Ich war mir sicherlich bewusst, dass wir damals Helden waren.« Seine allerliebste Erinnerung? »1981 im Central Park auf die Bühne zu kommen.« Mehr als eine halbe Million Menschen waren damals zu dem längst legendär gewordenen Konzert gekommen. »Ich habe zu Paul gesagt:«Ich wusste, dass wir in den 60ern etwas richtig gemacht haben - ich wusste nur nicht, dass wir es so richtig gemacht haben.»«
Der als Sohn eines Kleidungsverkäufers 1941 geborene Arthur Ira Garfunkel, der zum zweiten Mal verheiratet ist und zwei Söhne hat, gibt sich gerne exzentrisch. »Das Wort«merkwürdig»passt gut auf mich«, sagte der Musiker einmal. »Ich war immer nur ein schüchterner Intellektueller, der den Rock ›n‹ Roll liebt.«
Von der Elite-Universität Columbia hat er ein Mathematikdiplom. Als Simon & Garfunkel 1970 auseinanderbrachen, zog er vorübergehend in den US-Bundesstaat Connecticut und wurde Mathelehrer. »Das war eine komische Zeit in meinem Leben«, sagte er einmal rückblickend. »Ich habe mit den Schülern über eine Matheaufgabe gesprochen und gefragt, ob jemand eine Frage hat, und sie haben gesagt:«Wie sind die Beatles denn so?»«
Indien und China
Vom Lehrerdasein verabschiedete Garfunkel sich wieder, schrieb Bücher und wanderte viel - aber an erster Stelle stand immer das Singen. »Ich war Schauspieler, ich bin Autor. Ich bin durch Länder gewandert und auf Frachtschiffen über Ozeane gefahren. Ich habe das Lexikon gelesen, ich habe in den vergangenen 60 Jahren zwei Bücher pro Monat gelesen: Darwin, Herodot, Balzac, Proust, Tolstoi. Ich habe Mathe gelehrt. Ich habe zwei großartige Kinder und bin ein großartiger Vater, aber es kommt immer alles zurück zum Singen.«
Einen Computer oder ein Handy besitzt er nicht. »Ich bin ein glücklicher Mann, der sein Geld auf der Bank hat. Ich kann machen, was ich möchte.« Auf der Wunschliste stehen unter anderem noch: »Um die Welt segeln, Indien und China sehen, in Südamerika singen.« Sein Vermächtnis solle aber vor allem auch mit Simon zu tun haben. »Ich möchte, dass die Menschen denken, dass Simon & Garfunkel unauslöschlich sind. Wir haben etwas getan, das über die Jahrzehnte hinaus Wert hat.«