»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Paul Simon wird 85. Foto: picture alliance / Everett Collection

Im Schallplattenschrank meiner Mutter fand ich 1975 neben Aretha Franklin, dem Gospel-Sampler Oh Happy Day, den Les Humphries Singers, den Rolling Stones, Beatles und israelischen Songs (»Hava Nagila«) ein ansprechendes, bläuliches Cover. Es zeigte zwei Männer – einer klein und einer groß –, die hintereinander eine Straße entlang liefen. Weder wusste dieser zehnjährige Hamburger Junge, dass diese beiden Musiker Juden waren, wie wir, noch hatte ich die leiseste Ahnung von der Begeisterung, die das Album Bridge Over Troubled Water wenig später bei mir auslösen würde.

Immer wieder legte ich die in diesem Cover verpackte, schwarze Scheibe auf den Plattenspieler. »I am just a poor boy, though my story’s seldom told I have squandered my resistance, for a pocketful of mumbles such are promises ...«. Dann kristallisierte sich ein Lieblings-Song heraus: »The Only Living Boy in New York«. Tolle Harmonien, tolle Akustik-Gitarren. Tolle Geschichten. »Cecilia« ging mir eher auf die Nerven.

In der halben Welt war Bridge Over Troubled Water ein Hit. Die Begeisterung kannte bereits fünf Jahre bevor ich das Album entdeckte, nämlich als es 1970 veröffentlicht wurde, kaum Grenzen. In Lateinamerika wurden Versionen der Scheibe mit demselben Cover, aber auch dem wackelig übersetzten spanischen Titel Puente Sobre Aguas Turbulentas angeboten.

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»The Only Living Boy in New York« ist Teil des Bestseller-Albums.
Moderner Folk-Pop

Die Arbeitsteilung zwischen Art Garfunkel und Paul Simon war nicht ausgeglichen. Denn Herr Simon schrieb fast alle Songs, während sich sein Schulfreund Garfunkel darauf beschränkte, im Studio aufzutauchen und zu singen. Zwei Lieder auf diesem Album waren allerdings nur geborgt, nämlich »El Condor Pasa«, eine Melodie aus den Anden von Daniel Alomía Robles, und »Bye Bye Love« von den Everly Brothers.

Was mich später auch überraschte, ist die Tatsache, dass es sich bei Bridge Over Troubled Water schon um das letzte Studioalbum des Duos handelt. Die Plattenkarriere begann 1964 mit Wednesday Morning, 3 a.m., einem Album, auf dem die beiden Barden auch traditionelle Volkslieder wie Go Tell It on the Mountain sangen.

Der zweite Wurf, Sounds of Silence (1966), enthielt mit dem Title Track und »I Am a Rock« bereits zwei Hits, der dritte, das Album Parsley, Sage, Rosemary and Thyme, einen, nämlich »Scarborough Fair«. Dann kam die Filmmusik zu The Graduate mit »Mrs. Robinson« als Haupt-Song. Bridge Over Troubled Water sprengte später so ziemlich alles, was man bislang kannte, in verschiedenerlei Hinsicht. Simon & Garfunkel lieferten hier modernen Folk-Pop mit überzeugenden Texten, tollem Gitarrenspiel und souveränem Gesang. Verkauft wurden 25 Millionen Kopien dieses Albums.

Art Garfunkel und Paul Simon im Jahr 1978Foto: picture alliance / brandstaetter images/Votava
Tränenreiches Gespräch

Kennengelernt hatten sich Simon und Garfunkel schon im Alter von elf Jahren, als sie in der sechsten Klasse in New York an einer Schulaufführung von Alice in Wonderland beteiligt waren. Mit 13 begannen sie, zusammen zu singen. Und wer schrieb »The Girl for Me«, den ersten Song für dieses Vorhaben? Genau: Paul Simon. Wer schrieb so gut wie alle Songs, die die beiden jemals zusammen sangen? Paul Simon. Das frühe Duo nannte sich zunächst Tom & Jerry.

Nach dem Bestseller Bridge Over Troubled Water kam es zum Zerwürfnis. Der Streit, der die Kooperation in den 80er Jahren komplett beendete, hatte damit zu tun, dass Paul Simon eben fast alle Lieder schrieb, während Art Garfunkel aber die wichtigsten Teile davon sang. Garfunkels Schauspiel-Ambitionen verzögerten außerdem die Arbeit an Bridge Over Troubled Water. Hinzu kommt: Garfunkel hielt Simon für dominant. Als Paul Simon das ursprünglich als gemeinsames Album vorgesehene Werk Hearts and Bones im Jahr 1983 zur Soloplatte umbaute, war das Zerwürfnis komplett.

Simon & Garfunkel traten 1981 noch einmal bei ihrem berühmten Konzert im Central Park zusammen auf und tourten danach, sprachen aber seither kaum noch miteinander. Erst vor kurzem gab es laut Garfunkel ein tränenreiches Gespräch. Was die beiden zusammen noch an Klängen hätten aufnehmen können, wenn es den Streit nie gegeben hätte, werden wir nie wissen. Aber die Frage ist legitim. Auch wirtschaftlich war die Trennung nicht vorteilhaft.

Zwischenfrage: Wer sind eigentlich die prominentesten lebenden Juden auf der Welt? Wir konzentrieren uns mal auf die Kultur. Vielleicht sind es Steven Spielberg, Woody Allen, Barbra Streisand, Jerry Seinfeld, Sacha Baron Cohen, Scarlett Johansson, Natalie Portman, Barry Manilow, Gene Simmons. Aber eben auch Paul Simon. Er ist noch berühmter als sein ehemaliger Duo-Partner Art Garfunkel, dessen sehr netten, großen Bruder ich einst in Sofia kennenlernte, als er im Alter von 80 Jahren ein Fahrzeug lenkte und an einer Ampel auf den Vordermann auffuhr. Garfunkels Sohn lebt in Berlin, antwortet aber nicht auf meine E-Mails.

»Imanuels Interpreten«

Im Alleingang

Bleiben wir aber bei Paul Simon. Er war immer auch ein Solo-Künstler und ist es noch heute. Im Jahr 1965, als einige von uns gerade geboren wurden, kam The Paul Simon Songbook in die Schallplattengeschäfte. Es enthielt »I Am a Rock« vom nicht sonderlich erfolgreichen Simon & Garfunkel-Album Wednesday Morning, 3 a.m. und weitere Songs.

Ja, Paul Simon schaffte es auch im Alleingang. »Mother and Child Reunion«, eines der bekannteren Solo-Lieder, ist auf dem 1972er Album Paul Simon zu finden. Der gelungene Hit »50 Ways to Leave Your Lover« erschien 1975 auf dem Album Still Crazy After All These Years. Leider hielt niemand Ulla Meinecke davon ab, das Lied auf Deutsch zu interpretieren.

In dieser Zeit füllte sich Simons Kalender zusehends. Nicht nur war er auf der Bühne und im Aufnahmestudio, sondern auch im TV-Studio. Einmal wurde er Teil einer Muppet-Show-Episode und mehrmals machte er in der Sesame Street mit, die in den frühen 70er Jahren als Sesamstraße in die alte Bundesrepublik exportiert wurde.

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»50 Ways to Leave Your Lover« von 1975
Schwer zu verdauen

One-Trick Pony von 1980 ist auch ein wichtiges Solo-Album, auf dem er sich weniger als Singer/Songschreiber, sondern eher als Pop-Interpret versuchte – und dies mit Erfolg. Nach Hearts and Bones veröffentlichte Paul Simon ein Album, das weltweit einschlug: Graceland markiert seinen zweiten Aufstieg in die Riege der Weltstars.

Keine Ahnung, wie er es schaffte, den Pop-Stil der 80er Jahre, mitsamt den typischen Disharmonien und des programmiert klingenden Schlagzeugs mit seinem Stil zu vermengen und damit auch noch so viel Interesse zu wecken. »The Boy in the Bubble« und die anderen Songs auf Graceland sind für mich musikalisch gesehen schwer zu verdauen. Gerade auch auf The Rhythm of the Saints fügt er diesem Mix zusätzlich Weltmusik-Elemente hinzu. Dennoch fehlt für mich der Aspekt Schönheit. Aber das ist subjektiv. Der enorme Erfolg widerspricht meinem ketzerischen Urteil.

Jedes Mal, wenn ich diese Songs als Frühmoderator beim Regionalsender Radio RT4 im baden-württembergischen Reutlingen spielen musste, bekam ich einen Gähnanfall und hoffte, der Musikchef würde stattdessen mal Paul Simons ältere Songs in die Liste schreiben, was aber kaum je passierte.

Paul Simon 1965 in LondonFoto: picture alliance / DALLE APRF
Schrecklicher Akzent

Als ich später in den USA lebte, kam Paul Simons Musical Capeman auf den Broadway. Auch hier wollte der Funke nicht so recht überspringen. Schon der schreckliche nordamerikanische Akzent in den spanischen Texten war mir ein Gräuel. Das Musical floppte, aber Paul Simon war weiterhin einer der wichtigsten Pop-Interpreten.

Als er mit seinem 2000er Album You’re the One wieder da war, erzählte er erneut Geschichten und lieferte wie immer ansprechende Texte. Das Musikbett, auf dem er sie unterbrachte, war aber weiterhin diese Mischung aus Pop mit ziellos eingebauten, eklektisch anmutenden Rhythmen, die meines Erachtens nicht passten. Selbst eine Portion Country ist dabei. Nach ein paar Minuten halte ich es nicht mehr aus und gehe zu Simon & Garfunkel zurück.

Auf dem 2011er Album So Beautiful or So What setzt sich die Tendenz fort. »Getting Ready for Christmas Day«? Im Ernst? Sein bisher letztes Studioalbum Seven Psalms ist der Meditation gewidmet.

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Als Truthahn bei SNL

Mit 84 Jahren kam Paul Simon im Sommer 2026 von einer ausgedehnten Tour zurück, die ihn auch nach Europa führte – Berlin inklusive –, sowie eine ansehnliche Liste an Städten in den heimischen USA. Er ist Teil einer Gruppe jüdischer Interpreten, die sich auch in diesem Alter regelmäßig auf die Bühne stellen, darunter Barry Manilow, Bob Dylan, Manfred Mann und Graham Gouldman von 10cc.

Paul Simon ist nicht nur ein Superstar und legendärer Sänger und Songwriter, sondern auch ein Spaßvogel. In der amerikanischen Comedyshow Saturday Night Live (SNL) trat er mehrmals auf. Einmal sang er mit George Harrison Beatles-Songs. Als Truthahn verkleidet präsentierte er 1975 kurz vor Thanksgiving »Still Crazy After All These Years«. Mitten im Song befahl er der Band, aufzuhören, denn die Performance sei ihm peinlich. Hinter den Kulissen schrie er den Produzenten Lorne Michaels an, was wiederum Teil des Witzes war.

Dass Paul Simon mit Preisen überhäuft wurde, ist keine Überraschung. Zu den vielen Auszeichnungen gehören 16 Grammy Awards. Das machte ihm seither kaum jemand nach. Drei dieser Trophäen bekam er für die »Alben des Jahres« Bridge Over Troubled Water, Still Crazy After All These Years und Graceland.

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Paul Simon 1975 bei »Saturday Night Live«
Hockey und Baseball

Dreimal heiratete der Musiker. Aus seiner ersten Ehe mit Peggy Harper ging ein Sohn hervor. 1983 ehelichte er die Schauspielerin Carrie Fisher, und 1992 die Folk-Sängerin Edie Brickell. Seine vier Kinder sind ebenfalls Musiker.

Wer gräbt, findet weitere Facetten: Paul Simon liebt Hockey und Baseball. Als Philanthrop hat er Organisationen großzügig unterstützt, die sich um Bildung, Entwicklungshilfe und die Natur kümmern.

Vor genau 85 Jahren, am 13. Oktober 1941, wurde Paul Frederic Simon in Newark (Bundesstaat New Jersey) geboren. Seine Eltern waren Juden mit ungarischen Wurzeln. Seine Mutter Belle war Lehrerin, sein Vater Louis Universitätsprofessor, aber eben auch ein Bassist, der eine Tanzband betrieb. Erklärt dies den Beruf des Musikers, in den Paul Simon hineinwuchs? Vielleicht.

A happy and funky 85th birthday to you, Paul!

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