Würde man Berliner auf der Straße fragen: »Wer war Pancho Vladigerov?«, hätte so gut wie niemand eine Antwort. »Hä? Pancho wer?« Dabei hat er in Berlin gelebt, gearbeitet und Ehrungen erhalten. Dies allerdings vor fast 100 Jahren. Wer sich hingegen in Sofia auf die Straße stellt und dieselbe Frage dort stellt, wird von jedem einzelnen Passanten einen halbstündigen Vortrag bekommen.
Es ist ein Paradoxon, dass ausgerechnet Vladigerov, der über mehrere Genres hinweg großartige Kompositionen schrieb, fast nur in seinem Heimatland bekannt ist. Die Musik-Akademie in Sofia trägt seinen Namen. Einer ihrer ehemaligen Studenten ist Yassen Velchev. Der mit einem absoluten Gehör und seltener Begabung ausgestattete Pianist und Komponist, der auch die legendäre Pop-Jazz-Funk-Band »Te« leitete, bereut, dass er nie Vladigerov-Kompositionen spielte. »Das liegt an meinen Lehrern«, sagt er gegenüber der Jüdischen Allgemeinen.
»Vladigerov ist mein Lieblingskomponist. Seine reichen Harmonien und Melodien sind so nah am Jazz«, erklärt Yassen Velchev. Ihm zufolge ist »Vardar - Die bulgarische Rhapsodie« das Paradestück Vladigerovs. »Aber all seine Kompositionen sind fantastisch. Alle enthalten vertraute Rhythmen und Melodielinien.«
Musikalische Gene
Musiker einer früheren Generation, deren Lehrer Pancho Vladigerov war, wollen diese Zeit nicht missen. Mein Freund Milcho Leviev, der Jazz-Pianist und Komponist, der selbst zu einer bulgarischen Musik-Ikone wurde und im Oktober 2019 im Alter von 81 Jahren starb, sprach in den höchsten Tönen von ihm und der Erfahrung, bei ihm zu lernen.
Pancho Vladigerov und sein Zwillingsbruder Lyuben wurden am 13. März 1899 in Zürich geboren. Ihre Mutter Eliza Pasternak war eine russische Jüdin, ihr Vater ein bulgarischer, nicht-jüdischer Anwalt und Politiker. Beide Brüder begannen in frühen Jahren, zu musizieren. Bei Pancho zeichnete sich neben dem Klavierspiel bereits im Kindesalter eine weitere Begabung ab: Komposition. Die Vladigerovs lebten zunächst in der Stadt Schumen. Nach dem frühen Tod des Vaters zogen sie nach Sofia.
Wer sich in der Familie umsieht, wird die musikalischen Gene, die Pancho Vladigerov erbte, schnell finden, nämlich bei seinem russischen Großvater Leon Pasternak. Dieser war Mathematiker, aber eben auch Violinist und Komponist. Eine spätere Symphonie von Vladigerov, das »Jüdische Gedicht« von 1951, basiert auf einer Melodie, die ihm sein Großvater beibrachte. Diese Komposition wurde später vom kommunistischen Regime Bulgariens mit dem Dimitrov-Preis ausgezeichnet. Sogar der russische Komponistenkollege Dmitri Schostakowitsch lobte das Stück: »Ein solches Werk wird alle hundert Jahre nur einmal geschrieben.«
Rückkehr nach Sofia
Im Jahr 1912 erhielt Eliza Pasternak eine Zusage für ein Stipendium für ihre beiden Söhne in Berlin. Sie studierten daher an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik, die inzwischen Teil der Universität der Künste ist. Nach seiner Graduierung wurde Pancho Vladigerov musikalischer Direktor des Deutschen Theaters, wo er mit niemand Geringerem als Max Reinhardt, dem ebenfalls jüdischen Intendanten und Regisseur, kooperierte. Zweimal, 1918 und 1920, wurde er mit dem Mendelssohn-Preis geehrt.
Im Jahr 1932, ein Jahr bevor Hitler an die Macht kam, entschied sich Vladigerov, nach Sofia zurückzukehren. Die dortige Akademie machte ihn zum Professor für Klavier, Kammermusik und Komposition. In dieser Zeit schrieb er Opern, Ballett-Stücke, Symphonien, Folklore, Theatermusik, Violinen- und Klavierkonzerte. Letztere glänzen durch unglaubliche Schönheit.
In den 1920er Jahren veröffentlichte die Deutsche Grammophon mehrere Schallplatten mit Werken von Pancho Vladigerov. Die Universität Wien zeichnete ihn mit dem Herder-Preis aus. Zu den Bewunderern und Liebhabern seiner Kompositionen gehörten neben Schostakowitsch auch Richard Strauss und Aram Chatschaturjan.
Antarktische Halbinsel
Das Klavierkonzert Nr. 1, Opus 6, mutet majestätisch an. Alle fünf Konzerte der Reihe scheinen Geschichten voller Dramatik und Schönheit zu erzählen. Der zweite Teil des vierten Konzertes ist so schön, dass man sich am liebsten mit Kopfhörern unter dem Redaktionschreibtisch verkriechen möchte, um Ablenkung auszuschließen.
Warum haben wir Berliner – vermutlich mit Ausnahme der recht großen bulgarischen Gemeinde in der Stadt – Pancho Vladigerovs Werk hundert Jahre lang nicht gehört? Verfügbar sind viele seiner Werke, darunter die fünf Klavierkonzerte, als CD. Auf Spotify wird ebenfalls eine Auswahl angeboten. Es ist Zeit, den Komponisten und Pianisten wiederzuentdecken.
Pancho Vladigerovs Grab auf dem Zentralfriedhof in Sofia besteht aus einem hohen, rechteckigen Stein mit der Inschrift »Панчо Владигеров 1899 - 1978«. Neben der Musikakademie trägt ein Musikwettbewerb in Schumen seinen Namen. Auch gibt es die Vladigerov-Passage: Es handelt sich um eine 5,8 Kilometer lange Meerenge vor der Westküste der Antarktischen Halbinsel. Filmaufnahmen der dortigen Natur würden hervorragend zu seinen Klavierkonzerten passen.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus.
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