Die Klangwärme, die Stan Getz aus seinem Instrumnent herausholte, ist legendär. Wer diese in einem moderneren Anstrich erleben möchte, ist mit Apasionado gut beraten. Das von einem weiteren Juden, nämlich Herb Alpert, produzierte Album entstand 1990 kurz vor Getz’ Tod. Es ist ein mehr als schöner Abschied.
Der Title Track enthält das sanfte, geradezu zärtlich gespielte Saxofon eines sterbenden Meisters. Hinzu kommt die mit ebenso viel Gefühl beigetragene Bossa-Nova-Gitarre eines weiteren Vollblutmusikers, der leider seit 2013 nicht mehr unter uns weilt: Es ist der 1940 in Rio de Janeiro geborene Oscar Castro-Neves. Seine Liebe zur brasilianischen Einflüsse hat Stan Getz immer wieder demonstriert, indem er sie in sein Werk einbaute - bis zum Schluss.
In fünf Monaten, am 2. Februar 2027, wäre Getz 100 Jahre alt geworden. Er war ein zurecht verehrter Saxofonist, der jedoch über Jahrzehnte hinweg erhebliche Probleme in seinem Privatleben hatte. Können wir das Privatleben in seinem Fall wirklich vom Bühnen- und Studioleben trennen? Vermutlich nicht.
Amerikanisierte Fassung
Vor knapp 100 Jahren hießen Goldie Gayetski, geborene Yampolski, und Alexander Gayetski ihr viertes Kind willkommen: Stanley war der erste Sprössling, der in Amerika das Licht der Welt erblickte. Seine Brüder Al, Phil und Ben waren noch in Whitechapel (London) geboren worden, wohin die Familie väterlicherseits vor antisemitischen Pogromen in Kiew geflohen war. In den USA wurde aus dem Nachnamen Gayetski mal eben die amerikanisierte Fassung Getz.
Schon als Schüler war Stan Getz zielstrebig. Sein Interesse galt bereits früh Musikinstrumenten. Sein erstes Saxofon, das er 1940 im Alter von 13 Jahren von seinem Vater bekam, kostete 35 Dollar und war jeden Cent wert, wie wir heute wissen. Im Rekordtempo konnte Stan Getz alle Saxofonarten spielen. Beim Tenorsaxofon blieb er schließlich hängen. In seinem ganzen Leben hatte Getz insgesamt nur sechs Monate lang Saxofonunterricht, bei der lokalen Größe Bill Shiner in der Bronx, wo die Familie mittlerweile lebte.
In Europa war das Jahr 1941 schlicht schrecklich. Getz, der das Glück hatte, in Amerika zu leben, wurde in die All-City High School Band in New York aufgenommen. Von dort ging es weiter in den Gruppen von Jack Teagarden, Nat King Cole und Lionel Hampton, als er noch immer ein Teenager war. Wo sollte dieser schnelle Aufstieg noch hin führen? Zur Saxofon-Weltklasse.
Richtige Weichen
Seine Kooperation mit Jimmy Dorsey, Benny Goodman und Woody Herman half Stan Getz, seinen Stil weiterzuentwickeln. Bereits 1950 erlangte er noch mehr Bekanntheit, als er mit dem Trio von Horace Silver tourte. Nun gab es kaum noch Jazz-Stars, mit denen er noch nicht gespielt hatte. Seine Aufnahmen in Kooperation mit den Gitarristen Jimmy Raney und Johnny Smith landeten in den Charts. Spätestens jetzt war eine große Karriere vorprogrammiert.
Die richtigen Weichen stellten sich aufgrund von Getz’ Begabung automatisch. Sein Sound war sanft und stark zugleich. Das von einigen Saxofonistenkollegen bekannte, fast aggressive Gequietsche blieb bei ihm aus. Es ist eine Stil-Frage. Während er 1953 mit Dizzy Gillespie, Oscar Peterson, Ray Brown, Herb Ellis und dem Schlagzeuger Max Roach spielte, hatte Getz bereits fünf Solo-Alben und die Aufnahmen von zwei Kollaborationen veröffentlicht. Vermutlich traf er sich auf der Bühne, im Studio oder am Flughafen hin und wieder selbst.
Von 1958 bis 1961 lebte Getz in Kopenhagen. Offiziell war dies der Fall, damit er mit dortigen Kollegen auftreten konnte. Sein Album Focus, das nach seiner Rückkehr in die USA entstand, gilt heute als eine der wichtigsten Aufnahmen des zeitgenössischen Jazz im 20. Jahrhundert. Danach schlug er musikalisch eine andere Richtung ein. Wie bei seinem Flötistenkollegen Herbie Mann war es auch für Getz die Schönheit Brasiliens, in Form von musikalischen Klängen, die ihn fortan begeisterte.

Beste Jazz-Performance
Dies schlägt sich in dem Album Jazz Samba nieder, das Stan Getz 1962 mit Charlie Byrd aufnahm. Mit »Desafinado« und »Samba de Uma Nota Só« enthielt es wichtige Stücke des brasilianischen Bossa-Nova-Papstes Antônio Carlos Jobim. »Desafinado« bescherte Getz einen Grammy für die beste Jazz-Performance von 1962. Nun gab es kein Halten mehr. Es dauerte nicht lange, bis Getz mit dem brasilianischen Komponisten und Gitarristen Luiz Bonfá im Studio saß. Das Ergebnis hieß Jazz Samba Encore! – zurecht mit Ausrufezeichen.
Überhaupt ist eine Reise durch sein Werk eine Offenbarung. Stücke wie »Have You Met Miss Jones« von 1953 sind ebenso niedlich wie überzeugend. Sein Saxofonspiel war aber längst ausgereift. Sechs Jahre später, 1959, war Getz plötzlich Europäer. Er ließ sich offensichtlich von Stadtspaziergängen inspirieren, als er für sein Album Imported from Europe die Komposition »Stockholm Street« elegant einspielte.
Dann, 1962, kam mit Jazz Samba das Einläuten der nie endenden Phase, in der er immer wieder brasilianische Stücke und Songs interpretierte. Der »Samba Triste« klingt zuckersüß. Im selben Jahr kam mit Big Band Bossa Nova mehr Energie in die Sache. Der »Balanço No Samba« sagt mir besonders zu. Nach Jazz Samba Encore! nahm Stan Getz mit dem Gitarristen Laurindo Almeida noch mehr brasilianische Klänge auf, während er zugleich versuchte, die Tradition zu wahren, indem er weiterhin auch nordamerikanische Jazz-Nummern verewigte.
Gefühlvolle Klänge
Das »Girl from Ipanema« kam 1964. Gesungen von João und Astrud Gilberto, damals ein Ehepaar, und garniert mit den virtuosen, gefühlvollen und wahrlich poetisch anmutenden Klängen von Stan Getz wurde diese Interpretation ein Hit und bleibt es bis heute. João Gilberto sang den Text auf Portugiesisch, während Astrud die englische Version übernahm – alles in einem Stück. Auch außerhalb von Brasilien, nämlich vor allem in Nordamerika und Europa, bekamen die Leute nicht genug von dieser Nummer.
Getz probierte alles aus und entwickelte sich fort. Ein ganzes Album mit aufwändigen Arrangements vom großen Filmkomponisten Michel Legrand lieferte er 1972, inklusive des ansprechenden »Soul Dance«. 1975 tat er sich sogar mit Vertretern modernerer Formen des Jazz zusammen. Der Pianist Chick Corea und der Bassist Stanley Clarke von der Fusion-Combo Return to Forever nahmen das Album Captain Marvel mit ihm auf.
Anschließend, im Januar 1976, kam es zu einer geschichtsträchtigen Kollaboration im Rahmen einer Tour in West-Deutschland. Niemand Geringerer als Stan Getz tat sich mit Peter Herbolzheimer, dem ebenfalls jüdischen Bigband-Professor aus Köln zusammen. In Zusammenarbeit mit Größen wie Ack Van Rooyen, Albert Mangelsdorff, Volker Kriegel und Wolfgang Dauner eroberten sie Bühnen von Hamburg über Hannover bis Düsseldorf und weiter nach Frankfurt und Wiesbaden. Herbolzheimer arrangierte, dirigierte und blies in die Posaune. Diese Tour war nichts weniger als eine Sensation.

Kinder und Dämonen
Solange Stan Getz lebte, nahm er immer Alben auf, darunter unzählige Live-Platten. Er brauchte seine Musik. Dies hatte er mit seiner Fangemeinde gemeinsam. Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Wenn er ein neues Studioalbum veröffentlichte, landete es auf vielen Plattentellern in Aachen, Atlanta, Adelaide und Asunción.
So schön sein Saxofonspiel auch war und so sehr er sich auch in die Musik hineinhängte: Dämonen zerstörten sein Leben. In der zweiten Hälfte der 40er Jahre war offenbar noch alles in Ordnung. 1946 heiratete Stan Getz die Sängerin Beverly Byrne, mit der er drei Kinder bekam.
Acht Jahre später kam es zu einem ernsten Zwischenfall: In einer Drogerie in Seattle inszenierte Getz einen Aufstand mit dem Ziel, Narkotika zu bekommen – wegen seiner Heroinsucht. Er wurde festgenommen und versuchte anschließend, sich mit einer Überdosis das Leben zu nehmen. Dies war nur der Anfang einer langen Phase, in der sich seine Drogen- und Alkoholsucht immer wieder äußerte.
Ehefrau und Managerin
Aufgrund eines Suchtproblems seiner Frau wurde das Sorgerecht für seine Kinder später seiner zweiten Ehefrau Monica Silfverskiöld übertragen. Sie zog fünf Kinder groß, nämlich drei aus Getz’ erster Ehe und zwei, die aus ihrer Beziehung mit ihm hervorgingen. In einem Versuch, den Drogen zu entkommen, ließen sie sich in Kopenhagen nieder. Dies war der wahre Grund für diesen Umzug. Monica wurde auch die Managerin von Stan Getz.
Seine Frau verließ ihn aber später, wegen der Drogen, und ging mit den Kindern nach Schweden. Dann kam sie zurück, als die Nachfrage nach brasilianischen Klängen in den USA auch dank Getz schwindelerregende Höhen erreichte. Monica organisierte eine Zusammenkunft ihres Gatten mit Tom Jobim und João Gilberto. Aus dieser Verbindung entstand das unglaublich erfolg- und einflussreiche Album Getz/Gilberto sowie eine enge Freundschaft zwischen zwei als schwierig geltenden Musikern.
Bis zu seinem Krebstod kam es immer wieder zu Vorfällen mit Schusswaffen und Drogen sowie zu Gerichtsprozessen. Zeitweise durfte Stan Getz sein eigenes Haus nur betreten, wenn er nüchtern war. Monica gründete sogar eine NGO für Familien mit alkohol- und drogensüchtigen Mitgliedern, die National Coalition for Family Justice. Im Jahr 1988 waren Monica Silfverskiöld und Stan Getz geschieden. Kurz vor seinem Tod wollten sie wieder heiraten, was die Gerichte jedoch nicht zuließen.
Stan Getz, einer der größten Saxofonisten aller Zeiten, starb am 6. Juni 1991. Seine Asche wurde einem Saxofonkoffer entnommen und an der Küste vor Marina del Rey in Kalifornien im Pazifischen Ozean verstreut. Die Erinnerung an den genialen Musiker und seine Klänge ist weiterhin lebendig und wird es immer sein.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. marcus@juedische-allgemeine.de