Herbert Jay Solomon, dessen Künstlername Herbie Mann weitaus bekannter ist, hat auf mehr Alben und vermutlich auf mehr Bühnen gespielt, als sein Geburtsort Brooklyn Hydranten auf den Straßen hat. Er setzte Trends. Auch war und ist er weiterhin Vorbild für Flötistenkollegen im weiten Feld des Jazz, darunter Hubert Laws, Bobbi Humphrey und der 2017 verstorbene Dave Valentin.
Manns Motto lautete: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause«, wie er zur Jahrtausendwende in einem Interview kundtat. Er setzte es schon früh um, indem er 1959 an einer vom Washingtoner Außenministerium organisierten Afrika-Reise teilnahm. Kaum war er wieder in New York, verarbeitete er den mitgebrachten Einfluss auf gleich zwei Alben, nämlich Herbie Mann’s African Suite und Flautista!, eine Aufnahme, in der afro-kubanische Klänge im Mittelpunkt standen.
Ein ganz anderer Einfluss tauchte in Herbie Manns Werken immer wieder auf: Er brachte die Schönheit Brasiliens in die Vereinigten Staaten – in Form von Klängen. Damit begann er nach einer ausgedehnten Reise nach Brasilien im Jahr 1961. Seine Alben Do the Bossa Nova und Brazil, Bossa Nova and Blues nahm er nach seiner Rückkehr auf.
Dizzy auf Kuba
Das heißt: Niemand geringerer als Herbie Mann spielte brasilianisch gefärbten Jazz, noch bevor sein älterer, ebenfalls jüdischer Kollege Stan Getz die »Garota de Ipanema« (»The Girl From Ipanema«) von Antônio Carlos Jobim auf seinem Saxofon interpretierte, bevor der brasilianische Pianist, Komponist und Produzent Sérgio Mendes nach Nordamerika kam, um die Formation Brasil 66 zu gründen, und lange bevor George Duke das legendäre Album A Brazilian Love Affair veröffentlichte, was erst 1979 der Fall war.
Unter Einbeziehung dieser Fakten und des Werkes von Herbie Mann lässt sich problemlos behaupten, dass er ein Weltmusik-Pionier war. In demselben Interview klang der Meister selbst aber eher bescheiden: »Nun, eigentlich glaube ich, dass Dizzy (Gillespie, Anm. d. Red.) schon früher da war. Er reiste Mitte der 40er-Jahre nach Kuba.« In der Tat brachte auch Dizzy Gillespie musikalische Einflüsse mit. Er tat dies auch noch 30 Jahre später, als er die kubanische Formation Irakere und deren Trompeter Arturo Sandoval entdeckte. Aber wir schweifen ab. Etwas Konzentration, bitte.
Herbie Mann machte sich schon als junger Musiker Gedanken über den Jazz: »Auch wenn es für den Straight Ahead Jazz auf der Flöte keine Tradition gab: In der afrikanischen, brasilianischen, lateinamerikanischen und indischen Musik spielte die Flöte sehr wohl eine Rolle als Soloinstrument. Deshalb begann ich, mich mit all diesen Klangwelten zu beschäftigen.«

Verrauchte Kellergewölbe
Diese Gedanken und das Experimentieren zahlten sich aus. Nicht nur bot Mann faszinierende Klänge, sondern er wurde auch ein Trendsetter und Klangsetzer. Der Sekundäreffekt seiner Weltmusik: Der Flötist hatte ziemlich schnell die Jazz-Polizei am Hals. Die von Puristen diktierte Definition des Jazz interessierte ihn aber nur mäßig.
Die Tatsache, dass dies so war, machte Herbie Manns Werk erst interessant. Zudem schaffte es der Instrumentalist, Komponist und Produzent, in Zeiten erfolgreich zu bleiben, in denen Straight Ahead Jazz und BeBop an Popularität verloren. Mann erreichte mit Weltmusik-, Soul-, Funk- und leider auch Disco-Elementen garnierten Klängen ein großes Publikum, während Kollegen, die sich an den Vorgaben der Jazz-Polizei orientierten, in verrauchten Kellergewölben vor fünf Leuten und einer Katze spielen mussten.
Schon sein erstes Album Herbie Mann Plays von 1956 enthielt einen »Cuban Love Song«, der zwar noch nicht allzu kubanisch klang, aber die Absicht zählt. Die Stücke auf dieser Aufnahme passten zum Teil fast in die Ragtime-Ecke. Der Rest bestand aus Straight Ahead Jazz mit einem nur halbherzig gestimmten Kontrabass, einer Gitarre, deren Wes Montgomery-Einfluss kaum abgestritten werden kann, und der ersten und gleichzeitig schönsten Jazz-Flöte der Welt. Ein 26-jähriger Herbie Mann improvisierte mit hörbarer Motivation.
Vergessenes »d«
Dann, zig Alben und sechs Jahre später, war das Brasilienfieber endgültig mit ihm durchgegangen. »Me Faz Recordar« ist ein schönes Beispiel für Samba-Jazz von Herbie Mann. Das auf dem Plattencover bei diesem Titel vergessene »d« verzeihen wir dem Label mal, großzügig wie wir sind. Als diese Nummer verewigt wurde, waren viele von uns noch nicht auf der Welt.
Als Rosinenpicker springen wir hier weitere vier Jahre vorwärts: Recorded in Rio de Janeiro ist eine Platte, die er mit den Bossa Nova-Päpsten Antônio Carlos Jobim und João Gilberto aufnahm. Ähnliche Kollaborationen kamen von diesem Moment an öfter vor.
Dann, 1967, setzte Herbie Mann erneut eine kleine musikalische Revolution um. Mit Impressions of the Middle East interpretiert er türkische und arabische Klänge in Zusammenarbeit mit einer langen Liste fähiger Kollegen, inklusive eines jungen Vibrafonisten Roy Ayers, der ein Jahrzehnt später einer der überzeugendsten Jazz-Funk-Helden auf diesem Planeten werden sollte. Ayers starb im vergangenen Jahr.
Dann, am Ende des Albums, kommen die Klänge, die wir hören wollen: »Eli, Eli (A Walk to Caesarea)«. Hier lässt der inzwischen 37-jährige Meister seine Herkunft durchschimmern – in einer gefühlvoll interpretierten Melodie mit (etwas zu) vielen Streichern.
Apfelstrudel mit Vanillesoße
Weitere sechs Jahre später, 1971, klang Mann wieder wie verwandelt. Auf dem Cover von Push Push zeigte er sich mit freiem Oberkörper und interpretierte Blues- sowie Motown-Songs wie »I Can Never Say Goodbye«. Etwas später präsentiert er auch Reggae.
Als ein weiteres Jahr danach die Disco-Welle über die Welt schwappte wie Vanillesoße über den Apfelstrudel, machte der große Herbie Mann ebenfalls mit. Sein Album Discothèque von 1975 enthält zwar eine Interpretation von »Pick Up the Pieces« der schottischen Jazz-Funk- und Soul-Combo The Average White Band, aber eben auch etwas monotones Disco-Gestampfe.
Dies war der Moment, in dem Mann zu dem Ergebnis gekommen sein muss, dass nicht mehr viele Genres übrig waren, die er noch nicht bearbeitet hatte. Auch die Alben Sunbelt und Brazil – Once Again legen nah, dass er in mehreren Phasen vor allem aufnahm, was ihn am meisten ansprach, nämlich Interpretationen brasilianischer Klänge. Einige Stücke auf seinem 1987er Album Jasil Brazz (Wortspiel: »Brasil Jazz«) sowie seine Version von »Mulher Rendeira« sind so schön, dass sie denjenigen von uns, die einen Sinn für brasilianische Sounds haben, Tränen in die Augen treiben können. Seine Motown-Interpretationen können den Taschentuchkonsum ebenfalls erhöhen.
Russland und Rumänien
Von den über 60 Solo-Alben, die Herbie Mann aufnahm, hatten viele gute Titel (Salute to the Flute, Super Mann, African Mann). Seine vielen Kollaborationen, darunter eine mit Dave Valentin, und seine zahlreichen Live-Alben sind bei den 60 Aufnahmen nicht mitgezählt. Diverse Herbie Mann-Schallplatten sind leider nicht auf Spotify verfügbar, dafür aber auf Youtube.
Am 1. Juli 2003 starb Herbie Mann in seinem Haus in Pecos (Bundesstaat New Mexico) an Prostatakrebs. Er wurde 73 Jahre alt und hinterließ seine Frau Susan Janeal Arison sowie seine vier Kinder Paul, Claudia, Laura und Geoffrey. Letzterer Sohn ist Multiinstrumentalist und Teil einer Metal- und Afrobeat-Combo.
Diese Geschichte begann in New York: Am 16. April 1930 bekamen Ruth und Harry Solomon, ein jüdisches Paar, einen Jungen, den sie Herbert Jay nannten. Sein Vater hatte einen russischen Hintergrund, die Familie seiner Mutter kam aus Rumänien. Die Tatsache, dass beide Eltern Tänzer und Sänger waren, hat den Sohn mit Sicherheit beflügelt.
Als Kind begann er, Klarinette zu spielen. Noch bevor er die Schule abschloss, kamen das Saxofon und die Flöte hinzu. Bereits mit 15 Jahren trat er in Clubs auf. Seine Militärzeit verbrachte er in der 98th Army Band, mit der er zeitweise in Italien stationiert war, bevor Mann seine erste Formation gründete – ein Quartett. 1957 wurde er in einer Leser-Umfrage des »Down Beat«-Magazins als bester Flötist identifiziert.
Ich habe Herbie Mann nie persönlich kennengelernt oder live gesehen, vermisse ihn aber trotzdem.
»Imanuels Interpreten« ist eine Kolumne über jüdische Musiker von Imanuel Marcus. E-Mail: marcus@juedische-allgemeine.de