Kulturkolumne

»Absteiger« oder Zünglein an der Waage?

Foto: picture alliance/dpa

Mein Vater hat Israel 1959 verlassen, um in Deutschland Medizin zu studieren. Auch deswegen gab es harte politische Diskussionen mit der Verwandtschaft, wenn wir im Sommer – in den 70er-Jahren paradiesische sechs Wochen am Stück! – als Familie in Israel Urlaub machten. Mein Onkel Natan-El aus Haifa war der Meinung, mein Vater habe als »Jored« (wörtlich: »Absteiger«) nichts zu melden. Er dürfe die Regierung erst wieder kritisieren, wenn er nach Israel zurückkehre. Mein Vater widersprach: »Du kannst mit mir nicht diskutieren wie mit deinem Mülleimer!«

Die Zeiten haben sich geändert. Israel steht nach fast drei Jahren Krieg vor einer Schicksalswahl – am 27. Oktober könnte sich entscheiden, ob Benjamin Netanjahu Geschichte wird. Und die »Jordim«, die geschmähten Auswanderer von damals, sind das Elektorat von heute: Etwa eine Million Israelis leben in der Diaspora. Wählen können wir aber nicht in einer israelischen Botschaft oder im Konsulat, sondern verlangt wird die physische Anwesenheit in Eretz Israel.

Die »Jordim«, die geschmähten Auswanderer von damals, sind das Elektorat von heute: Etwa eine Million Israelis leben in der Diaspora.

Gadi Eizenkot, ehemaliger Generalstabschef und in den Umfragen führender Netanjahu-Herausforderer, hat das Wählerpotenzial längst erkannt: In Zypern, wo sich nicht zuletzt seit dem 7. Oktober 2023 viele Israelis tummeln, ließ er gerade Wahlplakate kleben. »Israelis, erholt euch! Ihr habt es verdient!«, verkündete ein Plakat seines Wahlbündnisses, und auf dem zweiten in der Nähe des Flughafens hieß es: »Habt ihr euch erholt? Habt ihr Spaß gehabt? Jetzt kommt zurück und lasst uns siegen!«

Das rief den zyprischen Abgeordneten des EU-Parlaments, Fidias Panayiotou, auf den Plan. Diesen Politiker beunruhigt es schon länger, dass Immobilien in Zypern nicht zuletzt auch auf Hebräisch vermarktet werden. »Lasst uns die Souveränität unseres Landes verteidigen!«, forderte Panayiotou in einem Social-Media-Post.

Die amerikanische Organisation AID Coalition’s Fly & Vote versucht, so vielen potenziellen Wählern wie möglich einen Flug nach Israel zu garantieren.

Bestimmte israelische Politiker dürften ihrerseits nicht begeistert sein von der Aussicht, dass im Oktober zu viele Expats auf dem Ben-Gurion-Flughafen landen und womöglich gegen die Regierungsparteien stimmen. Laut »Haaretz« wird im inneren Zirkel um Verkehrsministerin Miri Regev angeblich darüber diskutiert, ob es möglich sei, den Flugverkehr in den Tagen um die Wahl einzuschränken (das Ministerium reagierte nicht auf eine entsprechende Anfrage der Zeitung). Die amerikanische Organisation AID Coalition’s Fly & Vote hingegen versucht, so vielen potenziellen Wählern wie möglich einen Flug nach Israel zu garantieren.

Netanjahu wiederum ist soeben vor einem internen Gericht seiner Partei mit dem Ansinnen gescheitert, für den Fall eines erneuten Krieges die Primaries am 17. August abzusagen und stattdessen alle Likud-Kandidaten durch ein von ihm selbst kontrolliertes Komitee bestimmen zu lassen.

»Die Politik in Israel sollte von den Menschen bestimmt werden, die dort leben«, findet mein Mann. Aber haben nicht auch wir genug gelitten?

Der 27. Oktober rückt näher, alle werden nervöser. Nur ich nicht: Ich habe meinen EL-AL-Flug schon vor einem Monat gebucht. Für den Rückflug ist Ende Oktober fast nur noch Business Class übrig, aber »Bluebird« macht preiswertere Angebote (dass es an Bord des Billigfliegers nichts zu essen gibt, dürfte verkraftbar sein).

»Die Politik in Israel sollte von den Menschen bestimmt werden, die dort leben«, findet mein Mann. Aber haben nicht auch wir genug gelitten? Warum sollten nicht diejenigen mitbestimmen, die den ganzen Müll gegen Israel abbekommen? Wenn schon nicht alle Juden in der Diaspora die Knesset mitwählen dürfen, dann wenigstens die mit israelischem Pass. Liebe Expats: Verzweiflung war gestern! Wenn ihr nicht wollt, dass morgen die israelische Demokratie untergeht, dann bucht noch heute einen Flug.

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  14.08.2026

Gesangswettbewerb

Hat neue ESC-Vorschrift Auswirkungen auf drohenden Israel-Boykott?

Diese Debatte lässt den Eurovision Song Contest nicht los: Einige Länder könnten auch die kommende Ausgabe des ESC aufgrund der Teilnahme des jüdischen Staates boykottieren. Nun gibt es eine neue Regel - sorgt diese nun für Ruhe?

von Daniel Zander  14.08.2026

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  13.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026