Bewusstsein

Pause!

»Der Lauf gehört nicht dem Schnellen«, heißt es bereits im Buch Kohelet. Foto: Getty Images/iStockphoto

Bei Äsops Fabel von Hase und Schildkröte war ich immer auf der Seite des Hasen. Nicht seines Hochmuts wegen, sondern wegen seines Tempos. Langsamkeit macht mich rasend. Wenn mein israelischer Mann mich ärgern will, sagt er mit sanfter Stimme »Savlanut!«. Geduld war noch nie mein Ding.

Doch offensichtlich haben sich das Alter der Einsicht und die Krise durch Überwältigung nun auch bei mir getroffen. Zu viele WhatsApps, Anrufe, SMS, Post-its, Notifikationen in den sozialen Medien, Termine und To-do-Listen auf zu vielen Endgeräten. Zu viel Werbung und Propaganda, vor allem aber zu viele schlechte Nachrichten auf allen Kanälen – und deshalb zu viele Sorgen. Das Dauerjonglieren hat die kritische Grenze erreicht. Mein Prozessor ist endgültig heiß gelaufen. Ich bin auf 280.

Zeit für ein Komma, sagt mein Mann. Schließlich ist ein Text ohne Interpunktion nichts weiter als ein sinnloser Strom aus Worten. Das bringt sogar mich zum Innehalten.

»Mach mal langsam!«

Das hebräische »Savlanut« wird in Israels Umgangssprache gern benutzt, wenn jemand Stress macht oder hetzt: »Mach mal langsam!« Es wirkt nicht immer, wie wir wissen. Dabei gibt es für das Runterkommen gute Gründe. Mal abgesehen vom Blutdruck.

Fangen wir an mit dem großen Komma. Das ist natürlich der Schabbat, das ultimative Beruhigungsmittel. Die bewusst eingelegte Pause im steten Fluss der Zeit, um sich Familie, Gemeinschaft und sich selbst zu widmen. Ein Tag zum Essen, Ruhen und Reden, der die Menschen für die kommende Woche stärken soll.

Ein verwirrter, erschöpfter Hase, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Dann doch lieber die entspannt lächelnde Schildkröte, die gewinnt, weil sie langsam, aber stetig vorwärtsgeht.

Das zweite große Satzzeichen im Fluss des Lebens ist Jom Kippur, der Schabbat der Schabbatot. Das Ausrufezeichen, die Vollbremsung, die das hohe Tempo des Alltags komplett stoppt und den rennenden Geist in einen Zustand absoluter Entschleunigung versetzt. Plötzlich dehnt sich die nie ausreichende Zeit. Man denke nur an die Kindheit zurück, als man die Sekunden zählte, bis dieser unfassbar langweilige Tag endlich ein Ende hatte. Und heute regen sich Kinder auf, weil sie ihr Smartphone einmal nicht benutzen sollen.

Ein guter Komma-Ratgeber

Ein guter Komma-Ratgeber sind die »Psikot« von Rabbiner Yosef Messas (1892–1974), dem einstigen Oberrabbiner von Haifa. Rabbi Messas hatte den Spitznamen »HaMatir«, der Milde, und war ein sanftmütiger Streiter für die bewusste Entschleunigung. Das ging so weit, dass er sogar religiöse Traditionen lockerte, um den Menschen Stress zu ersparen, damit sie sich auf das Wesentliche konzentrieren konnten, Schalom Bajit – zu Hause und im eigenen Kopf. Das gab selbstredend Ärger mit den Kollegen, aber steht nicht bereits im Buch Kohelet »Der Lauf gehört nicht dem Schnellen«?

Messas’ Responsen haben sich durchaus bis in unsere Zeit gehalten, zum Beispiel beim früheren britischen Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948–2020). Mit Update natürlich.

Während Messas auf den plötzlichen Einbruch der schnelllebigen Modernität reagierte, als Marokko zum französischen Protektorat wurde – er selbst erlebte ihn in seiner Heimat Meknès –, kritisierte Sacks unsere aktuelle »Fast-Food-Kultur der sofortigen Befriedigung«. Von ihm stammt der schöne Satz: »Der kurze Weg ist der weite, und der weite Weg ist der kurze.«

Bewusst auf einem langsamen, umständlichen Weg durch die Wüste

Denn, so seine Erklärung: Als Gott die Israeliten aus Ägypten führte, tat er das bewusst auf einem langsamen, umständlichen Weg durch die Wüste. Man könne eine politische Realität zwar über Nacht verändern, doch die Veränderung der menschlichen Psyche brauche Generationen, so Sacks. Wahre Veränderung erfordere die Geduld der Langsamkeit. Abkürzungen führten immer wieder zurück zur Tyrannei.

Dank also an Mosche, der wusste, wie schnell sein Volk im Kopf reisen konnte. Und daraus lernend folgt der Aufruf, das Komma mit in die Woche und ins neue Jahr zu nehmen, damit die wichtigen Dinge nicht irgendwann zu immer kürzeren Zwischenhalten eines stetig beschleunigenden Zuges auf einer Strecke ohne Ziel werden. Bis der schweifende Blick nichts mehr festhalten kann. Der Strom an Information ohne Bedeutung. Ein verwirrter, erschöpfter Hase, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Dann doch lieber die entspannt lächelnde Schildkröte, die gewinnt, weil sie langsam, aber stetig vorwärtsgeht.

Die Autorin ist Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen.

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