Noah Bendix-Balgley

»Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion«

Sieht Berlin als seine künstlerische und familiäre Heimat: der Amerikaner Noah Bendix-Balgley Foto: Uwe Steinert

Noah Bendix-Balgley

»Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion«

Der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker über seine Philosophie beim Spiel, Kritik an Boykotten gegen Künstler und sein erstes Klezmer-Album

von Christine Schmitt  18.09.2026 11:59 Uhr

Herr Bendix-Balgley, Sie sind seit zwölf Jahren Erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Fühlen Sie sich in Berlin heute wohl?
Die Vorfahren meines Vaters waren deutsche Juden, die in den 30er-Jahren aus Berlin fliehen mussten. Das Jüdischsein gehört zu meiner Identität. Dass ich heute gerade an diesem Ort jüdische Musik aufführen kann – in einer Stadt, die inzwischen sowohl zu meiner künstlerischen als auch zu meiner familiären Heimat geworden ist, bedeutet mir sehr viel.

Auch Ihr Urgroßvater war Geiger, er wurde 1880 in Connecticut geboren. Wie kam er nach Deutschland?
Mein Urgroßvater Samuel Leventhal war schon als Kind in den USA ein begabter Geiger. Deshalb wurde er im Alter von 14 Jahren zum Studium nach Leipzig ans Konservatorium geschickt. Neben seinem Studium hat er manchmal im Gewandhausorchester als Aushilfe gespielt. Meine Familie besitzt noch Zeugnisse sowie einen Brief von Arthur Nikisch, in dem der berühmte ungarische Dirigent meinen Urgroßvater lobt.

Wie ging es weiter mit seiner Laufbahn?
Von 1894 bis 1900 lebte Samuel Leventhal in Europa. Als 20-Jähriger bekam er eine Stelle in den USA beim Pittsburgh Symphony Orchestra. Als ich 110 Jahre später bei diesem Orchester Konzertmeister wurde, habe ich nach ihm gefragt und seinen Namen in den Archiven gefunden. Auf Orchesterfotos konnte ich meinen Urgroßvater entdecken.

Haben Sie Ihr Talent von ihm geerbt?
Zumindest meinen zweiten Vornamen, Samuel. Meine Eltern sind zwar beide keine Musiker, lieben Musik aber sehr. Bei uns lief die ganze Zeit ein Radiosender mit klassischer Musik. Mein Vater war allerdings auch Tanzlehrer und ein Experte für europäische und osteuropäische Volkstänze. Ich bin mit dieser Volksmusik und der klassischen Musik aufgewachsen. Sie war immer da. Angeblich habe ich schon im Alter von viereinhalb Jahren gesagt, ich müsste Geige lernen.

Bekamen Sie dann gleich ein Instrument?
Ja. Ich lernte nach der Suzuki-Methode, also in einer Gruppe. Und das Lustige war, dass mein Vater mitkam, um mich zu unterstützen. So lernte auch er Geige, gab aber nach einigen Monaten auf, weil ich viel schneller vorankam als er.

Wie ist Ihr Vater auf osteuropäische Tänze gekommen?
Mein Vater ist zwar in Kalifornien aufgewachsen, lebte aber später in einem Internat in der Schweiz. Dort wurden die Volkstänze der verschiedenen Herkunftsländer der Schüler getanzt, um Gemeinschaft zu stiften. Das hat ihn beeindruckt. Als junger Mann reiste er mit Freunden auf den Balkan und sammelte und erforschte die dortigen Volkstänze. Später gab er Workshops und trat bei Festivals auf. Als Kind war ich oft dabei, hörte die Bands und tanzte manchmal mit.

Hörten Sie als Kind in Ihrem Elternhaus auch Klezmer?
Mein Vater hat später angefangen, auch jiddische Tänze zu lernen. Es gab immer tolle Klezmermusik bei uns, Bands wie die Klezmatics und Brave Old World. Als junger Geiger lernte ich direkt von diesen Musikern. Da war ich sieben oder acht Jahre alt, bereits total besessen und wollte alle Aufnahmen hören.

Die Musik hat schon damals Ihren Alltag bestimmt. Haben Sie auch komponiert?
Ja, als Kind habe ich damit angefangen.

Vor einigen Jahren haben Sie das Klezmer-Violinkonzert »Fidl-Fantazye« komponiert, mit dem Sie auch auf Tournee gegangen sind. Nun veröffentlichen Sie Ihr erstes Klezmeralbum. Mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker haben Sie auch traditionelle Klezmermelodien eingespielt, die Sie selbst arrangiert haben. Es handelt sich dabei um die Aufnahme eines Late-Night-Konzerts. Was hat Sie dazu motiviert?
Das ist mein Versuch, die Musik, die ich liebe und kenne, mit klassischer Konzertmusik zu verbinden: ein Klezmer-Violinkonzert zu komponieren und es in klassische Konzertsäle zu bringen. Ich möchte diese beiden Welten zusammenzubringen. Und dabei den besonderen Charakter ebenso wie die virtuosen Ausdrucksmöglichkeiten der jiddischen »Fidl« auf die Geige übertragen. Dieses Konzert war für mich ein Highlight. Ein Traum ging in Erfüllung.

Was sind die Herausforderungen bei Klezmer im Vergleich mit klassischer Musik?
Es ist eine andere musikalische Sprache. Deshalb habe ich in meinem Konzert alles genau notiert, sodass auch Musiker, die keine Klezmermusiker sind, es spielen können. Trotzdem muss es klingen, als käme die Musik unmittelbar aus der Klezmertradition.

Was bedeutet das?
Klezmer ist eng mit Tanzformen verbunden. In meinem Violinkonzert habe ich verschiedene traditionelle Tänze verarbeitet – vom schnellen Freylekhs bis zur ruhigen Hora. Entscheidend ist dabei der Groove: Ein Orchester muss lernen, nicht zu perfekt und gleichmäßig zu spielen, sondern den musikalischen Schwung zuzulassen. Improvisation gehört natürlich dazu. Musik braucht Freiraum, damit sie lebendig bleibt.

Sind die Philharmoniker gute Begleiter?
Ja, ich habe oft die Möglichkeit, als Solist mit meinen Kollegen zu spielen. Sie bringen eine enorme Energie mit und wollen immer das Beste für denjenigen, der aus unseren Reihen ein Solo spielt. Die Musiker im Orchester sind stilistisch sehr flexibel. Es macht Spaß, gemeinsam etwas ganz anderes auszuprobieren.

Kennen Sie Lampenfieber?
Natürlich. Aber mit der Zeit lernt man, damit umzugehen. Die Nervosität gehört dazu – sie zeigt, dass einem das Konzert wichtig ist, und sie gibt zusätzliche Energie. Man braucht dieses Adrenalin.

Sind Ihnen bei einem Konzert schon einmal Fehler passiert?
Musikalisches Risiko ist wichtiger als absolute Perfektion. Wenn Perfektion zum einzigen Ziel wird, verliert Musik ihre Spontaneität. Wir wollen besondere Momente mit unserem Publikum schaffen. Denn uns verbindet das Gefühl, dass jedes Konzert etwas Einmaliges entstehen lässt. Wir teilen den inneren Drang, dem Publikum durch unsere Musik etwas mitzuteilen. Und die Freude am Musizieren ist uns ebenfalls sehr wichtig. Wenn man ein Programm mehrmals spielt, soll jedes Konzert anders sein.

In Berlin wird derzeit an der Kultur gespart. Was sagen Sie dazu?
Es gibt immer weniger Spielraum für Kultur. Ich habe große Sorgen, denn damit geht etwas verloren. Ich hatte als Kind das Glück, dass es viele Möglichkeiten gab, Konzerte zu besuchen und im Radio klassische Musik zu hören. Gleichzeitig traf ich andere Kinder, die ebenfalls von Musik begeistert waren. So bin ich zur Musik gekommen und ihr treu geblieben. Wenn dieser Zugang schwieriger wird, verlieren viele junge Menschen die Chance, ihre Leidenschaft für Musik oder Kunst überhaupt zu entdecken. Kultur darf keine Frage des Geldes sein. Ich habe inzwischen selbst Kinder. Es muss nicht Musik sein. Mein älterer Sohn begeistert sich fürs Zeichnen und für Kunst. Musik, Kunst und Theater sind ein wichtiger Teil unserer Humanität. Gerade in einer Welt, die immer komplizierter wird, können sie Menschen verbinden. Deshalb sollten wir Kultur so gut wie möglich unterstützen. Sie hat einen unverzichtbaren Platz in unserer Gesellschaft.

Wie beurteilen Sie Ausladungen wie die des israelischen Dirigenten Lahav Shani von Konzerten?
Ich kenne Musiker vom Jerusalem Quartet, die ebenfalls eine lange Geschichte mit solchen Themen haben. Ich finde es äußerst problematisch, Künstler wegen ihrer Herkunft auszuladen. Ob jemand sich politisch äußert, muss eine persönliche Entscheidung bleiben. Kultur sollte Räume schaffen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, statt diese Begegnungen zu verhindern. Musik ist eine gemeinsame Sprache, die Menschen verbinden kann.

Mit dem Violinisten sprach Christine Schmitt. Die erste Einspielung des Klezmerkonzerts von Noah Bendix-Balgley erscheint am 2. Oktober bei Berlin Phil Media.

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