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Literatur

Von der Liebe in Zeiten der ’Ndrangheta

Lebt mit Polizeischutz: Roberto Saviano (46) bei einem Treffen mit Studenten in der Universität von Neapel Foto: picture alliance / ipa-agency

Die falsche Liebe kostete sie das Leben. Im Florenz der späten 70er-Jahre verliebte sich die 20-jährige Psychologie-Studentin Rossella Casini in Francesco, einen jungen, draufgängerischen Mann aus Kalabrien. Lärmend und fröhlich war er mit Freunden in ihr Mietshaus gezogen, ein neuer Nachbar, der nicht zu ignorieren war. Rossella ist bezaubert von Francescos jungenhaftem Charme, von seiner liebevollen Entschlossenheit. Bald werden die beiden ein romantisches Paar.

In seinem Tatsachenroman Meine Liebe stirbt nicht nimmt sich der italienisch-jüdische Autor Roberto Saviano sehr viel Zeit, um das Aufblühen dieser Beziehung zu gestalten, mit großen Emotionen und einem sprachlichen Überschwang, der dem jugendlichen Gefühlsleben durchaus entspricht. Die Leser brauchen diesen langen erzählerischen Vorlauf, in den der Autor sehr geschickt leise Zweifel und Verstörungen hineinwebt, um die intensive Hingabe Rossellas zu verstehen, ihre Tapferkeit und ihre Aufopferung für den geliebten Mann.

Das verbrecherische Erbe antreten

Erst spät begreift sie: Francesco ist der Sohn einer mächtigen Familie der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, er soll das verbrecherische Erbe antreten. Dennoch zieht sie mit ihm ins süditalienische Palmi, wo ein blutiger Familienkrieg um die Vorherrschaft tobt, in den auch Francescos Verwandte verwickelt sind.

Es gibt in diesem Dauerzustand der Gesetzlosigkeit Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Die Schilderungen der brutalen Morde, der Schießereien auf offener Straße, der allgegenwärtigen Gewalt gehören zu den stärksten Seiten des Romans dieses ausgewiesenen Mafia-Experten, der die kriminellen Banden unbeirrt seit über 20 Jahren anprangert.

Rossella sagt vor der Staatsanwaltschaft aus. Die Rache der ’Ndrangheta wird gnadenlos sein.

Rossella, die in dieser Gemeinschaft immer eine Fremde bleibt, hofft, ihren Geliebten aus dem Sumpf des Verbrechens herausziehen zu können. Sie versucht, ihn und seine Verwandten zum Ausstieg zu bewegen, und bringt Francesco tatsächlich zu einer Aussage, die er aber unter Druck zurückzieht. Seine Loyalität liegt eindeutig bei dem traditionellen, nie hinterfragten Familienverbund. Auch Rossella selbst sagt vor der Staatsanwaltschaft aus, die Rache der ’Ndrangheta wird gnadenlos sein.

Saviano macht schreibend kein Hehl aus seiner Bewunderung für die junge Frau, und er mag eine innere Verwandtschaft empfunden haben. Wie sie hat auch er einen hohen Preis als Kämpfer gegen die Mafia bezahlt. Seit seinem öffentlichen Auftreten gegen die Mafia-Bosse und dem Erscheinen seines Weltbestsellers Gomorrha lebt er vom Tod bedroht im Versteck.

Abhörprotokolle, Vernehmungsakten und Prozessunterlagen

Für diesen Roman hat er intensiv recherchiert, las Abhörprotokolle, Vernehmungsakten und Prozessunterlagen, er sprach mit Zeugen, vor allem mit dem Cousin Rossellas, der eine wichtige Quelle war. Was zwischen diesen Fakten nicht belegbar war, ergänzte er mit schlüssigen literarischen Erfindungen.

Mit Meine Liebe stirbt nicht knüpft Saviano an sein Sachbuch Treue. Liebe, Begehren und Verrat – die Frauen in der Mafia von 2024 an, ebenfalls von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube ins Deutsche übersetzt. Dort hatte er von der Frau als Beute berichtet, als Gebärmaschine für die Mafiosi, als Trophäe und von einigen gefährlichen Ausstiegsversuchen.

Hier im Roman geht es nach dem schweren Weg der Erkenntnis um einen einsamen, offenen und sehr ungleichen Kampf, den eine Frau gegen die Strukturen antrat, die tief in der italienischen Gesellschaft verankert sind. Rossella Casini verschwand im Februar 1981 im Alter von 24 Jahren spurlos, ihr Fall erregte landesweit Aufsehen. Aus Mangel an Beweisen konnte niemand belangt werden.

Saviano entwirft ein schreckliches Szenario ihrer möglichen letzten Stunden, erzählt aus seiner genauen Kenntnis der Mafia-Methoden heraus. Sein erschütterndes Buch holt diese mutige, lebensfrohe junge Frau, deren Bild in Italien zu verblassen droht, ins Leben zurück.

Roberto Saviano: »Meine Liebe stirbt nicht«. Roman. Aus dem Italienischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. Hanser, München 2026, 400 S., 28 €

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

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Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

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Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

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Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

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Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

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