Wenn man wie ich eine kleine Wohnung am Gardasee geerbt hat, ist das mit den Freundschaften ganz leicht. Kaum hatte ich alles fertig renoviert, die Räume gestrichen und neue Matratzen ausgelegt, standen die Ersten schon vor meiner Tür. Ich freute mich sehr. Die Sonne schien, wir tranken Cynar Spritz im Café am Wasser.
In Berlin hatten wir wenig Zeit füreinander, hier beim sanften Plätschern des Sees konnten wir an Gespräche anknüpfen, die wir einmal begonnen und lange liegen gelassen hatten. Gespräche, die an Tiefe und Innigkeit nur mit echten Freunden geführt werden können. »Deep Talk« nennen es die Jungen.
Wie es uns wirklich ging? Waren wir glücklich? Wie stand es mit den Herzensangelegenheiten? Gab es in unserem schönen Alter eine neue Liebe? Und sogar Sex? Was machten die Sorgen um die Kinder? Hatten sie endlich zu Ende studiert und verdienten ihr eigenes Geld? Hatten sie gar schon eigene Kinder? Durfte man teilhaben oder stand man außen vor?
Ich möchte keinen kalten Krieg gegen meine Freundinnen. Wir sehen doch, wohin das führt.
Was machte der Beruf? War es hart wegen all der Krisen? Oder war man sogar schon in Pension? Ja, und die Gesundheit? Wie war das so mit dem Altwerden?
Ich habe sehr enge Freunde. Wir mögen uns sehr und schenken uns nichts. Sie sagen mir auf den Kopf zu, dass ich dicker geworden bin. Dass meine letzte Inszenierung ihnen nicht gefallen hat. Dass meine Söhne vorlaut sind.
Manchmal möchte ich ihnen den Hals umdrehen
Meistens kann ich damit umgehen, manchmal möchte ich ihnen den Hals umdrehen. Was heißt hier dicker? Ich bin einfach glücklich! Meine Inszenierung wurde von der Presse sehr gelobt! Meine Söhne sind laut, aber sie können auch sehr nett sein! So ist das mit echten Freundschaften, man verhandelt den Wahrheitsgehalt.
Mein erster Gast war meine Freundin Alma, sie tröstete mich sehr (und ich sie), wir versicherten uns immer wieder, dass wir stoisch alt werden würden, mit Neugierde, Esprit und Humor, ohne Botox und OP. Mit Alma kann ich über jede sexuelle Stellung sprechen, ohne rot zu werden, es ist trotzdem gut, dass uns sonst niemand zuhört. Nachdem Alma abgereist war, kamen die Nächsten. Dann wieder andere. Mein Freund Edi kam mit seinem riesigen Bobtail, der überall seine Haare ließ, vor allem in der frischen Pastasoße. Es ist schwierig, bei Differenzen in Hygienefragen die Freundschaft entspannt aufrechtzuerhalten. Wie auch bei Erziehungsthemen sollte man sich tunlichst raushalten. Kind, Hund, man hält am besten den Mund …
Ich erinnere mich, dass ich meiner Freundin Jana die Hölle heiß machte, weil sie ihren fünfjährigen Sohn noch stillte. Hätte ich doch nur den Mund gehalten. Wir hatten Krach, und sie stillte entspannt weiter. Inzwischen ist ihr Sohn Professor an einer Technischen Universität, und man sieht ihm die jahrelange Stillung nicht mehr an.
Bei Helikoptermüttern setzte ich mich regelmäßig in die Nesseln
Bei Helikoptermüttern setzte ich mich regelmäßig in die Nesseln. Inzwischen knebele ich mich selbst. Klappe halten ist in solchen Fällen angebracht.
Edi erklärte mir beim Erdbeerbecher – der Hund schlief im Schatten –, dass meine Einschätzung der Weltlage falsch sei. Es ging um den Nahen Osten. Ich hoffte auf Verhandlungen. Er nicht. Er sah die Lage düster, der Krieg müsse zu Ende geführt werden, wie auch immer. Kein Licht am Ende des Tunnels. Ich breite jetzt hier nicht aus, wer welche weiteren Positionen vertrat, aber innerhalb von Sekunden standen wir beide im Schützengraben. Der Eisbecher war unangetastet geschmolzen, ich den Tränen nahe und Edi verbittert. Würden wir uns jemals wieder annähern können?
Während der Corona-Pandemie habe ich gelernt, dass es Themen gibt, die nicht verhandelbar sind. Querdenken bleibt quer. Trotzdem möchte ich mit meinen Freundinnen nicht in den kalten Krieg eintreten, wir sehen doch, wohin das führt. Wie also schaffe ich es, mich wieder zu vertragen? Edi ging mit dem Hund spazieren. Ich joggte in die andere Richtung. Als er abreist, versprechen wir einander immerhin, beide nachzudenken.
Beim Frühstück mussten wir grinsen über unsere Vehemenz
Drei befreundete Arbeitskollegen nisteten sich anschließend bei mir ein. Wir tranken viel, und ein jeder fand andere Filme, Theaterstücke, Opern genial oder schrecklich, wir stritten erbittert. Das Ganze ging bis zum Morgengrauen, der Müll wurde schon abgeholt, als wir ermattet ins Bett stiegen. Beim Frühstück mussten wir grinsen über unsere Vehemenz. Es ging doch nicht um Leben und Tod!
Mein letzter Gast war meine Freundin Doro. Wir saßen stumm und starrten auf das Wasser. Vielleicht hatten wir uns zurzeit nicht so viel zu sagen, uns zu lange nicht ausgetauscht, uns entfremdet. Immerhin konnten wir nebeneinander schweigen. Ich war trotzdem dankbar über das Glück, sie als Freundin zu haben.
Dass zu ihrer Beerdigung viele Freunde kamen, hat meinen Eltern nicht mehr wirklich genützt.
Freundschaften muss man pflegen, auch im Herbst, auch im Winter. Da hilft kein Eiskaffee mehr, da muss der Punsch ran. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es (bei Krach) gut ist, einmal tief durchzuatmen – und ein paar Tage später wieder anzurufen. Überhaupt ist es sinnvoll, dranzubleiben, das Gespräch zu suchen und vielleicht sogar dem anderen zu sagen, wie schön es ist, dass man einander hat.
Meine Eltern hatten sich im Alter mit allen gestritten. Meistens wussten sie selbst nicht mehr, warum. Dass zu ihrer Beerdigung viele der Freunde kamen, hat ihnen nicht mehr wirklich genützt, wäre mir auch eindeutig zu spät.
Ich möchte mich vorher wieder vertragen. Vielleicht nicht mit allen, aber mit möglichst vielen meiner Freundinnen und Freunde. Denn sie sind für mich ein echtes Geschenk.
Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.