Es handele sich bei den Figuren in seinem Roman um »symbolische Typen«, nicht um »Porträts« realer Persönlichkeiten, warnte Klaus Mann die Leser seines 1936 erschienenen Romans »Mephisto«, der häufig als Schlüsselroman über seinen Schwager, den Schauspieler und Intendanten Gustaf Gründgens, gelesen wird. In seiner sechseinhalb Stunden dauernden Inszenierung am Berliner Ensemble nimmt Frank Castorf diese Warnung ernst und setzt die Unterscheidung von Typus und Porträt zugleich außer Kraft.
Direkt in der ersten Szene steht Max Gindorff als Klaus Mann an der Bühnenrampe und erzählt von Gründgens, seinem Karrierismus, den Freunden, die er im Stich ließ, und der Allianz, die er schließlich mit den Nazis einging. Hinter ihm auf der Drehbühne ein von Bühnenbildner Aleksandar Denić entworfener Theaterbunker mit hölzerner Fassade, eigener Bühne auf der Rückseite, dahinter Garderoben, Toiletten und eine auf die Hinterbühne ausgelagerte Kantine.
Theater auf dem Theater
Castorf macht aus »Mephisto« ein Theater auf dem Theater, in dem sich die literarische Vorlage, die üblichen Fremdtexte von Friedrich Hölderlin bis Heiner Müller und Bezüge zu den historischen Persönlichkeiten, die für einen Großteil der Figuren Modell standen, ständig überlagern und ergänzen. Hendrik Höfgen wird den Abend über immer wieder als Gustaf Gründgens angesprochen, Barbara Bruckner als Erika Mann, Theophil Marder als Carl Sternheim und Otto Ulrich als Hans Otto. Klaus Mann hingegen bleibt er selbst und wird nicht zur Romanfigur Sebastian.
Jens Harzer verkörpert Höfgen als skrupellosen Opportunisten und schwächlichen Emporkömmling zugleich.
Die von Castorf gesetzte Spannung zwischen Porträt und Typus erlaubt ihm, eine psychologische Zerrissenheit ins Zentrum der Inszenierung zu stellen, die die Figuren weder auf ein bloß individuelles Psychogramm noch auf einen blutleeren Sozialcharakter reduziert.
Der von Jens Harzer gespielte Höfgen ist bei Castorf skrupelloser Opportunist und von der Familie seiner großbürgerlichen Frau Barbara gedemütigter Emporkömmling zugleich. Harzer verkörpert ihn als geradezu schwächlichen Mann, eingenommen von dem Gefühl nicht zu genügen. Im privaten Park der Familie Bruckner fleht er Barbara förmlich an, ihn aus Mitleid zu heiraten. Und doch setzt er sich am Ende für die Begnadigung des ehemaligen Weggefährten und Sozialisten Otto Ulrich ein. Auch seine Affäre mit der schwarzen Tänzerin Juliette ist in Castorfs Inszenierung von dieser Widersprüchlichkeit durchdrungen: romantisches Begehren, rassistische Projektion und die Verleugnung der Beziehung gehen Hand in Hand.
Faszination der Gewalt
Wie Castorf in einer über Video eingespielten Aufnahme, die ihn und das Ensemble während des Probenprozesses zeigt, klarstellt, soll seine Fassung von »Mephisto« keine Parabel auf heute sein, keine Parallelen zwischen 1933 und dem Deutschland der Gegenwart herstellen. Der Abend ist vielmehr daran interessiert, die verborgenen Anziehungskräfte an die Oberfläche treten zu lassen, die von der ebenso antisemitischen wie apokalyptischen Bilderwelt des Faschismus und dem Versprechen von Erfolg und Karriere ausgehen.
Besonders eindrücklich wird das, wenn die von Marina Galic gespielte liberale Barbara sich trotz ihrer entschiedenen Gegenrede von dem jungen nationalsozialistischen Schauspieler Hans Miklas schaudernd in den Bann ziehen lässt. »Wie er uns alle hasst! Mit einer Gier, in die sich ein wenig Grauen mischt, lausche ich dir zu, wie du, mein Hans Miklas, von dem, was du liebst, und von dem, was du hasst, sprichst«, kommentiert sie den von Sebastian Zimmler mit Schaum vor dem Mund vorgetragenen Monolog.
Und auch Klaus erkennt an sich in einem Moment schmerzlicher Klarheit eine vom Faschismus ausgelöste Erregtheit »durch ein Phantasiegebilde sadomasochistischer Gewalt« – ein Satz, der auf Klaus Manns berühmten Essay »Homosexualität und Faschismus« von 1934 anspielen dürfte.
Gerade dadurch, dass Castorf weder darum bemüht ist, den Stoff krampfhaft auf die Gegenwart zu beziehen, noch der Versuchung erliegt, die vermeintlich integren Sprösslinge der Familie Mann dem bösartigen Karrierismus eines Gründgens gegenüberzustellen, gelingt ihm ein beunruhigender Abend. Er zeigt, dass moralische Integrität bisweilen weniger mit der richtigen Meinung als mit biografischen Zufällen zu tun hat. Gerade darin liegt die Warnung dieses »Mephisto«.
Nächste Vorstellungen am Berliner Ensemble: Samstag, 17. Oktober 2026 und Sonntag, 18. Oktober 2026.