Buchpremiere

Hinter jedem Namen steht ein Schicksal: Ein Klassenfoto aus dem Jahr 1937 als Zeugnis jüdischen Lebens

Auf den ersten Blick ist es ein Klassenfoto wie viele andere. Doch es ist das Jahr 1937 und die Kinder besuchen die dritte Klasse der Jüdischen Volksschule in München. Foto: Familie Suesheim D’Angelo

48 Kinder haben sich zusammen mit ihrem Lehrer für ein Gruppenfoto aufgestellt. Alle schauen konzentriert in die Kamera. Auf den ersten Blick ist es ein Klassenfoto wie viele andere. Doch es ist das Jahr 1937 und die Kinder besuchen die dritte Klasse der Jüdischen Volksschule in München. Die Historikerinnen Kristina Milz und Julia Schneidawind haben die Lebenswege der Kinder für ihr Buch »Klassenfoto 1937« rekonstruiert.

Entdeckt hat Kristina Milz das Foto im Nachlass des Münchner Orientalisten Karl Süßheim (1878-1947). Seine Tochter Margot war eine der Schülerinnen auf dem Foto. Er hatte das Bild sorgfältig beschriftet: Jedes Kind versah er mit einer Nummer, auf der Rückseite notierte er die Namen. »Das Bild hat mich nicht mehr losgelassen«, erzählt die Historikerin Milz.

Aus dem Fund wurde schließlich ein gemeinsames Forschungsprojekt. Milz wusste, dass sie die Lebenswege der 48 Kinder nicht allein würde erforschen können. Gemeinsam mit ihrer Kollegin, der Historikerin Julia Schneidawind von der Ludwig-Maximilians-Universität München, entwickelte sie eine Lehrveranstaltung, in der Studierende jeweils vier oder fünf Namen übernahmen.

Die Recherche war nicht einfach

So wurde das Foto zum Ausgangspunkt für ein ungewöhnliches Forschungsunternehmen der Studierenden: Was lässt sich über einen Menschen herausfinden, wenn man zunächst nur ein Foto und einen Namen hat? »Wir konnten ihnen sozusagen von Grund auf zeigen, wie historische Recherche funktioniert«, sagt Julia Schneidawind.

Zugleich zeigte sich schnell, wie schwierig diese Recherche sein konnte, erzählt Schneidawind und zählt die Probleme auf: Die Namen auf der Rückseite waren in Kurrentschrift geschrieben, Frauen änderten später ihre Namen, und auch Männer legten im Exil mitunter ihre deutschen Namen ab. Bei manchen Kindern fanden die Forscherinnen Autobiografien oder andere umfangreiche Quellen, bei anderen zunächst überhaupt nichts.

Von den 48 Kindern erzählen die Autorinnen in ihrem Buch die Lebensgeschichten von acht ausführlicher. Die Auswahl war auch eine Frage der Quellen. Zugleich wollten Milz und Schneidawind möglichst unterschiedliche Lebenswege zeigen. »Eine Stärke unseres Projekts liegt darin, diese Bandbreite sichtbar zu machen«, sagt Kristina Milz.

Ein Querschnitt durch das jüdische Leben

Dass ausgerechnet dieses Bild einen so breiten Einblick in das jüdische Leben Münchens ermöglicht, hängt mit dem Zeitpunkt seiner Entstehung zusammen. Das Foto wurde 1937 aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt mussten als jüdisch deklarierte Kinder bereits jüdische Schulen besuchen; zugleich hatte die große Emigrationswelle nach den Novemberpogromen 1938 noch nicht eingesetzt. »Das Foto zeigt deshalb einen relativ repräsentativen Ausschnitt der jüdischen Münchner Gemeinde zu dieser Zeit«, so Kristina Milz.

Die Schule war für die Kinder zunächst noch eine Art Schutzraum, führt Julia Schneidawind aus. Dort hatten sie jüdische Lehrerinnen und Lehrer und waren mit anderen Kindern zusammen, die ähnliche Erfahrungen machten. Zugleich wurde dieser Schutz immer brüchiger, so Schneidawind, da die Kinder schon auf dem Schulweg Übergriffen ausgesetzt waren.

Nach den Ausschreitungen des 9. November 1938 sei auch die Schule als Ort der Normalität zerfallen: Das Gebäude wurde zerstört, Lehrer wurden vor allem ins KZ Dachau verschleppt, der reguläre Unterricht brach zusammen.

Unterschiedliche Bewältigungsstrategien

Die beiden Historikerinnen gingen bei der Recherche auch der Frage nach, wie die Kinder später als Erwachsene das Erlebte bewältigt haben. »Für viele der Kinder auf dem Foto war es sehr schwierig, damit umzugehen, dass sie selbst überlebt hatten, während andere nicht überlebten, in der Schoah ermordet wurden«, erklärt Julia Schneidawind. »Viele mussten ein Leben lang damit ringen.«

Ein Schüler auf dem Foto war Hugo Holzmann. Weil er sein Leben lang nach seinen früheren Schulfreunden suchte, hat Holzmann die Geschichte der Klasse besonders geprägt. »Ein Satz von ihm ist mir im Gedächtnis geblieben: Nur weil man es geschafft und überlebt habe, sei das noch lange keine Garantie für ein langes und glückliches Leben«, so Schneidawind. Viele hätten sich im Exil zwar ein neues Leben aufgebaut, die traumatischen Erfahrungen aber nicht einfach hinter sich lassen können.

Elf Kinder wurden ermordet

»Eine besondere Stellung nehmen natürlich die Kinder ein, die den Holocaust nicht überlebt haben«, stellt Kristina Milz fest. Ihre Geschichten konnten die Historikerinnen nicht auserzählen, denn sie wurden noch als Kinder ermordet. »Die Biografien der Überlebenden zeigen so auch, was verloren gegangen ist. Jedes der ermordeten Kinder hätte ein eigenes, vergleichbares Leben führen können.« Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden wäre, so Milz.

Die Autorinnen machen dieses Fehlen selbst zum Teil ihrer Erzählung. Eine schwarze Seite im Buch steht für all die »abgebrochenen Biografie, die eigentlich hätten weitergehen können«. Den ermordeten Kindern ist das Buch gewidmet.

Die Kinder auf dem Foto sollen nicht zu anonymen Opfern einer historischen Katastrophe werden. »Wir haben uns bemüht, keine makellosen Heldinnen und Helden zu zeichnen, sondern zu zeigen: Das waren Kinder - so wie heute Kinder in Schulen sitzen«, sagt Kristina Milz. Manche hätten sich gemocht, miteinander gespielt, andere hätten gestritten oder einander geärgert.

Erinnerungskultur muss neu gedacht werden

Gerade darin sehen die Autorinnen auch eine Chance für die sich wandelnde Erinnerungskultur. Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nimmt ab, sagt Schneidawind. Deshalb müsse man andere Formen finden, um Geschichte erfahrbar zu machen. Ein Klassenfoto könne dabei eine Brücke schlagen: »Wenn Schülerinnen und Schüler so ein Klassenfoto sehen, denken sie vielleicht: Ich habe auch ein Klassenfoto zu Hause.« Geschichte werde dadurch greifbarer und nahbarer, als wenn nur abstrakt über historische Ereignisse gesprochen werde.

»Diese ganz normalen Menschen wurden verfolgt«, betont Kristina Milz und mahnt: »Niemand ist davor gefeit. Wir müssen sehr wachsam sein und uns immer bewusst machen: Das waren keine Fremden oder abstrakten Figuren, sondern Menschen wie du und ich.«

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