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»Leonard Cohen. 100 Seiten«

Es steht außer Zweifel, dass sich weder das vielseitige Werk noch das bewegte Leben des kanadischen Musikers Leonard Cohen auf 100 Seiten abhandeln lassen. Und doch gelingt dem Autor und Literaturwissenschaftler Oliver Kobold in seinem Buch über Cohen, das in der »100 Seiten«-Reihe des Reclam Verlags erschienen ist, ein besonderes Porträt des Sängers.

Trotz der engen Grenzen des Formats verklärt Kobold den Musiker weder als genialischen Songwriter noch hält er sich lange bei privaten Anekdoten auf, die den Voyeurismus der Leserschaft befriedigen könnten. Stattdessen lernen wir Cohen als einen Künstler kennen, der Zeit seines Lebens nach einer eigenen Sprache gesucht hat.

Schon Cohens Weg zur Musik war alles andere als vorgezeichnet. In jungen Jahren zog es den 1934 in Montreal in eine aus Europa stammende jüdische Familie geborenen Cohen – sowohl sein Großvater als auch sein Urgroßvater waren Rabbiner – zunächst zur Literatur. Bevor er sich im Jahr 1967 aus finanziellen Gründen dem Musikgeschäft zuwandte, war er bereits Autor von zwei Romanen und mehreren Gedichtbänden. Als einen »Dichter, der in den Rock ’n’ Roll geraten ist, um ihm Literatur zu injizieren« beschreibt Kobold den bei der Veröffentlichung seines Debütalbums Songs of Leonard Cohen bereits 32-Jährigen.

Schon Cohens Weg zur Musik war alles andere als vorgezeichnet.

Das Porträt von Oliver Kobold erzählt dabei jedoch keinesfalls eine linear verlaufende Erfolgsgeschichte. Wir erfahren von den Zweifeln, die Cohen an den eigenen Fähigkeiten hatte, von den vielen Fassungen, die er zu Papier gebracht haben soll, bevor ein Song fertig wurde, von den Mühen eines qualvollen Schaffensprozesses. »If I knew where the good songs came from, I’d go there more often«, so lautet einer der Sätze, den Cohen häufig in verschiedenen Interviews wiederholt haben soll.

Kobold beschreibt Cohens musikalisches Oeuvre als geprägt von einer schonungslosen »Befragung des Selbst ohne Selbstverliebtheit« – trotz der Versuche seiner Labels, ihn als »soften Barden« zu vermarkten. Cohen, der selbst nie dem Trend seiner Zeit zur engagierten Kunst gefolgt war, verarbeitet in seinen Songs Persönliches, wie zum Beispiel seine Zeit bei der Unterhaltungsgruppe der israelischen Luftwaffe während des Jom-Kippur-Kriegs 1973, auf eine Art und Weise, die an der individuellen Erfahrung eine existenzielle Bedeutung durchschimmern lässt.

Wer Kobolds 100-Seiten liest, der glaubt Cohen sofort, wenn er in »The Future« singt: »I’ve seen the nations rise and fall, I’ve heard their stories, heard them all.«

Oliver Kobold: »Leonard Cohen. 100 Seiten. Leben und Werk eines der größten Singer-Songwriter, Lyriker und Schriftsteller«. Reclam, Ditzingen 2026, 100 S., 12 €

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