Der Historiker und Publizist Tobias Korenke ist Großneffe des Theologen Dietrich Bonhoeffer, auch sein Großvater Rüdiger Schleicher und weitere Verwandte starben als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Mit seinem Familienerbe hat er lange gehadert, über »Bonhoefferitis« geklagt. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht er darüber, warum die AfD dazu beigetragen hat, dass sich das geändert hat. Und wieso seines Erachtens nach die deutsche Erinnerungskultur gescheitert ist.
Herr Korenke, Sie haben unlängst gesagt, die deutsche Erinnerungskultur sei »grandios gescheitert«. Woran machen Sie das fest?
Ich mache es an den aktuellen politischen Entwicklungen fest. Ich finde es unfassbar, dass die AfD, die von einem »Schuldkult« spricht, wenn es um die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus geht, zur stärksten Kraft in Deutschland geworden ist. Und hier in Berlin ist es schrill, dass sich nach der Abgeordnetenhauswahl SPD, Linke und Grüne vor Koalitionsverhandlungen erst einmal langwierig auf ein Papier zum Umgang mit Antisemitismus verständigen müssen, in dem dann nur Selbstverständlichkeiten und Banalitäten stehen. Und die Beteiligten merken nicht einmal, wie skandalös das ist.
Beide Fälle stehen also für eine generelle Entwicklung, bei der die Erinnerungskultur immer weiter erodiert?
Ich fürchte, ja. Wir haben uns in der Erinnerungskultur zu sehr auf erstarrte Rituale verlassen. Wir fühlen uns ganz gut, wenn wir am 9. November der Judenverfolgung, am 27. Januar der Holocaust-Opfer gedenken und am 20. Juli der Widerstandskämpfer. Aber daraus folgt nichts. Wir sind viel zu wenig wirklich in die Auseinandersetzung gegangen, gerade auch mit jüngeren Leuten. Immer wussten wir bei dem Thema ganz genau, was richtig und was falsch ist.
Aber in Deutschland durchläuft doch niemand die Schule, ohne mit der Erinnerung an die NS-Zeit konfrontiert zu werden.
Erinnerungskultur war immer ein bisschen ein »Studienratsprojekt«, das eher auf gebildete Schichten abzielte. Es ist uns in Hauptschulen und Realschulen nicht wirklich gelungen, mit diesem Thema durchzudringen. Da müssen wir nach neuen, interaktiven Formaten suchen, um in einen wirklichen Austausch zu kommen. Außerdem haben wir bei dem Thema auch viel zu lange ausgeblendet, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Wie sollen und können Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind und hier leben, eigentlich mit unserer Geschichte umgehen? Welche Rolle spielt die deutsche Erinnerungskultur für ihr Leben?
Heißt was?
Mir ist irgendwann klar geworden, dass es gar nicht darum geht, ob wir ähnliche Familiengeschichten haben, sondern dass wir Lehren für unsere Demokratie aus der Geschichte ziehen. Letztlich geht es darum, die freiheitliche Demokratie, in der wir leben, gegen extremistische Anfechtungen zu verteidigen.
Und wo muss man da ansetzen?
Natürlich in den Schulen. Aber es ist insgesamt ein zivilgesellschaftliches Thema. Ich glaube, dass wir beispielsweise die Sozialen Medien für eine interaktive Erinnerungsarbeit lange unterschätzt haben. Da ist immerhin eine ganze Menge in den letzten Jahren passiert. Darüber können wir eine große Bandbreite von Menschen erreichen. Und dabei sollten wir nicht nur die NS-Zeit im Blick haben, sondern genauso die Zeit der DDR-Diktatur. Man sollte auch überlegen, ob sich nicht Angebote mit Moscheegemeinden oder anderen Religionsgemeinschaften entwickeln lassen. Letztlich geht es ja darum, gemeinsam in den Austausch über Geschichte zu kommen. Meiner Erfahrung nach geht das immer am besten, wenn Geschichte personalisiert wird, über individuelle Schicksale. Ich bin dann doch immer wieder ganz begeistert, wie viele Menschen man damit abholen kann.
Sie haben für Aufsehen gesorgt, als Sie am 20. Juli bei der Gedenkfeier der Bundesregierung zum gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler im Bendler-Block einen Gedenkkranz der AfD entfernen wollten und es zu einem Handgemenge kam. Viele fanden das mutig.
Ja, das finde ich übertrieben. Es war überhaupt nicht mutig. Wir leben schließlich in einem freiheitlichen Rechtsstaat. Mich erreichten danach auch viele erschreckende Reaktionen. Unglaublich viel Nazi-Mist. Aber es gab auch erstaunlich viele Menschen, die sagten: ›Interessiert doch gar keinen mehr. Die NS-Zeit ist genauso relevant wie der 30-jährige Krieg.‹ Oder auch solche, die bezweifeln, dass das Stauffenberg-Attentat wirklicher Widerstand war.
Nachfahre von prominenten Widerstandskämpfern zu sein, ist ein spezielles Erbe. Früher haben Sie öfter abwehrend von »Bonhoefferitis« gesprochen. Fühlten Sie sich von der Erinnerungskultur vereinnahmt?
Vereinnahmt vielleicht nicht, aber doch gestört. Herkunft ist schließlich nicht etwas, was man sich aussucht. Man wird reingeboren in eine Familie. Und ich fand schon häufig, dass die Beschäftigung mit diesen von Deutschen brutal ermordeten Familienangehörigen arg viel war. Ich wollte deswegen viele Jahre gar nichts damit zu tun haben. Ich habe mich auch gegen die Erwartungen gewehrt, die es da gab.
Haben Sie sich jemals bei der Frage ertappt, wie hätte Onkel Dietrich jetzt gehandelt?
Ja. Beziehungsweise eher, wie der Mann seiner Schwester – mein Großvater – gehandelt hätte. Das habe ich mich tatsächlich schon häufig gefragt. Was heißt eigentlich anständig sein? Wie ist das eigentlich mit diesen kleinen Opportunismen, die man im Leben oder vor allem im Berufsleben immer wieder eingeht, um nicht anzuecken oder einfach um Ruhe zu haben. Wie häufig akzeptiert man Dinge einfach, die man eigentlich nicht akzeptieren dürfte? Einfach aus Bequemlichkeit oder Feigheit. Da sind meine Vorfahren mit ihrem Handeln dann tatsächlich eine Instanz für mich zu sagen: ›Nein, das geht so nicht, da musst du was machen.‹ Daraus resultiert auch mein Engagement gegen die AfD.
Diese Partei hat sich ja eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur auf die Fahnen geschrieben. Es ist ihr schon mehrfach gelungen, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Wird es der AfD auch bei der Erinnerungskultur gelingen?
Ich sehe da eine wahnsinnig große Gefahr. Das lässt sich im Regierungsprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt nachlesen. Für die Gedenkstätten wird es sehr schwierig. Im Schulunterricht soll der Nationalsozialismus künftig eine viel geringere Rolle spielen. Das Bauhaus bezeichnet die AfD als kulturpolitischen Irrweg – und stellt sich auch damit bewusst in die Tradition des Nationalsozialismus. Wir müssen uns mit ganzer Kraft dagegen wehren. Überall, wo es geht. Es ist höchste Zeit, dass wir den Mund aufmachen.
Was treibt Sie persönlich dabei an?
Ich tue es, weil ich nicht möchte, dass der Einsatz, den Widerstandskämpfer wie mein Großvater und meine Großonkel mit dem Leben bezahlt haben, umsonst war. Ich glaube, die Widerstandskämpfer haben ein Samenkorn gelegt. Jetzt sind wir als Nachgeborene gefordert, es keimen und unsere wunderbare freiheitliche Demokratie gedeihen zu lassen. Wir haben hier eine Bewährungsprobe – und die sollten wir verdammt ernst nehmen.
Zur Person: Tobias Korenke wurde 1965 geboren und ist der Großneffe des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Er leitete bis 2025 viele Jahre die Kommunikation der Funke-Mediengruppe. Aktuell ist er Geschäftsführer der Initiative »Yeswecan!cer« für von Krebs betroffene Menschen. KNA