»Das ›Nie wieder‹ ist tot« – mit diesem Satz machte die mögliche Nachfolgerin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ilse Aigner, jüngst Schlagzeilen. Die deutliche Äußerung formulierte die bayerische Landtagspräsidentin kurz vor dem 9. November. An diesem Tag wird an die Opfer der gegen Jüdinnen und Juden gerichteten NS-Novemberpogrome von 1938 erinnert. Die Angriffe auf Juden und Gebäude jähren sich an diesem Montag zum 88. Mal.
Schätzungen zufolge wurden rund um den 9. November 1938 im damaligen Reichsgebiet bis zu 1.300 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben und andere Räume sowie Tausende Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört. Die Nazis verschleppten rund 30.000 Juden in Konzentrationslager.
Aigner (CSU) sagte auch, »unsere Demokratie hat einen Schandfleck«, der größer und dunkler werde, womit sie den aktuellen Antisemitismus und die Angst von Jüdinnen und Juden meinte. Die »Süddeutsche Zeitung« zitierte einen Sprecher des Landtags mit den Worten, Aigner habe sich angesichts »derart massiv und enthemmt anwachsenden Judenhasses« am rechten und linken Rand sowie in der gesellschaftlichen Mitte und im radikal muslimischen Milieu für ihre Formulierungen entschieden.
Vorwurf: »Sonntagsreden«
So wichtig das Erinnern an die Opfer der Schoa ist, so steht doch das »Nie wieder« schon länger unter kritischer Beobachtung und mitunter Floskel-Verdacht: zu ritualisiert und nicht ernst zu nehmen angesichts von massivem Judenhass heute. Stichwort »Sonntagsreden«.
Die Auschwitz-Überlebende Eva Umlauf sagte zuletzt der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), sie teile teilweise die Kritik, das Schoa-Gedenken sei erstarrt. Denn es gebe »solche und solche Arten« der Erinnerung. Wer allerdings den berüchtigten »Schlussstrich« fordere, dem erteile sie eine klare Absage.
Wahlen in Berlin und Sachsen-Anhalt
Manche wollen das »Nie wieder« an diesem 9. November nicht mehr hören, gerade mit Blick auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Berlin von September. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurde die AfD, die in dem Bundesland als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, mit 43,8 Prozent stärkste Kraft. In der Hauptstadt gewann die Linke, die mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert ist, mit 25,7 Prozent die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.
Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, sagte am Freitag der »Jüdischen Allgemeinen«: »Es ist zwar wichtig und richtig, der toten Juden zu gedenken. Aber wenn man es nicht hinkriegt, die lebenden konsequent zu schützen, ist das nicht viel wert. Sich am 9. November betreten hinzustellen und den Rest des Jahres nicht viel gegen Antisemitismus zu tun, darauf können wir verzichten.«
Und am selben Tag betonte der Osnabrücker Bischof Dominicus Meier mit Blick auf das Gedenken: »In diesem Jahr kann ich es nicht bei einem Appell belassen, dass so etwas nicht wieder geschehen darf oder dass Antisemitismus in Deutschland keinen Platz hat.« Denn: Für alle sei wichtig, Mut zu finden, die »richtigen Argumente« parat zu haben und zu wissen, dass man nicht allein sei.
»Von der Liebe zu toten Juden«
Kürzlich ist das Buch »Von der Liebe zu toten Juden« von Dara Horn in deutscher Übersetzung erschienen. Die US-Autorin schreibt, dass sich viele Menschen mehr für tote Jüdinnen und Juden interessierten – etwa in Zusammenhang mit dem Gedenken – als für lebende, deren Alltag und Belange. Denn: Tote widersprächen und forderten nicht.
Horns Gegengedanke: Es wäre »ein Anfang, sich für jüdische Kultur und für atmende, lebendige Juden:Jüdinnen zu interessieren«. Das setze Bereitschaft für Gespräche voraus und Interesse am Leben von Jüdinnen und Juden, an ihrem Wissen und ihren Erfahrungen.
Ähnlich formulierte es die Zeitzeugin Eva Umlauf im KNA-Gespräch: »Wissen Sie, ein toter Jude ist ein guter Jude. Dem muss man nichts mehr zahlen, er nervt nicht und erhebt keine Forderungen mehr. Deswegen tut man sich mit den Toten leichter.« Eine gute Erinnerungskultur könne sein, sich allgemein an die Toten in Familien zu erinnern: »Das ist immer persönlich, immer emotional, weil diese Menschen uns ein Leben lang fehlen.«