Es war ein Bekennervideo der verstörenden Art. Eine Politikerin, die ihre große Zeit schon hinter sich hat, meldete sich überraschend zu Wort. Die arme Sünderin, gespielt von Claudia Roth, sitzt im Schauprozess »Jung & Naiv« dem Richter Thilo Jung gegenüber, der sie zappeln und zum Fremdschämen um Vergebung flehen lässt. Das sei damals »total falsch, total blöd« gewesen, aber bitte versteht doch, ich konnte nicht anders.
Die Geschichte, um die es geht, ist zwei Jahre alt, eigentlich nur noch eine Fußnote im Rückblick auf die lange Liste antisemitischer Entgleisungen, aber plötzlich wieder Schlagzeilen tauglich. Bei der Berlinale 2024 hatte Claudia Roth, so wie fast alle im Kinosaal, begeistert applaudiert als die Autoren des preisgekrönten Films »No Other Land« Israel des Genozids und der Apartheid beschuldigten. Das war nur fünf Monate nachdem die Hamas in Israel eingefallen war, wahllos Menschen massakriert und verschleppt und den Krieg begonnen hatte, der das Leben in Israel und Gaza zerstörte. Von der Hamas freilich wollten weder die ausgezeichneten Regisseure noch das Publikum etwas hören und auch kein Wort der Solidarität mit den in den Foltertunneln gefangen gehaltenen israelischen Geiseln.
Darüber waren nicht nur Juden entsetzt. Der damalige Berliner Kultursenator Joe Chialo, CDU, reagierte sofort und sprach von »selbstgerechter antiisraelischer Propaganda, die nicht auf die Bühnen Berlins« gehören. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth brauchte zwei Tage, dann zog sie notgedrungen nach und erklärte im Spiegel-Interview, dass es nicht akzeptabel sei, dass das Massaker der Hamas mit keinem Wort erwähnt worden sei. Jetzt aber offenbarte sie, dass es nicht Einsicht, sondern Opportunismus war. Sie habe dem»unfassbaren Druck des Zentralrats« nicht standhalten können. Mehr noch: »Es war die schlimmste Zeit meines Lebens«. Daran ist so viel krumm, dass man mit dem Zurechtbiegen nicht mehr nachkommt.
Beginnen wir schlicht. Der Zentralrat der Juden weist die Genozid- und Apartheidvorwürfe entschieden zurück, kritisiert den Applaus der Ministerin, der Israelfeindschaft auf offener Bühne legitimiert. Man telefoniert, man tauscht sich aus, man ist sicherlich auch erneut verstimmt über die Ministerin. Schließlich hatte sie erst knapp zwei Jahre zuvor bei der documenta fifteen Antisemitismus erst nicht kommen gesehen und dann weggeschaut, bevor sie schließlich forderte, das Banner mit Schweinsgesicht und Davidstern, Schläfenlocken und SS-Runen abzuhängen. Sie hätte »lauter und deutlicher« sein solle, räumte sie damals zerknirscht ein. Hatte sie wirklich etwas begriffen oder war es schon damals ein Kotau vor dem »Druck des Zentralrats« und gewisser »Kreise«?
Hartnäckig hält sich das üble Gerücht von der so imaginiert machtvollen »jüdischen Lobby«. Wer da Kurs hält und mutig Haltung zeigt, der darf fest mit Beifall und Preisen rechnen, wie wir spätestens nach dem Hanns-Joachim-Friedrichs Preis für die ehemalige Israel-Korrespondentin der ARD, Sophie von der Tann, wissen. Mut, den Claudia Roth offenbar weder 2022 noch 2024 hatte, was sie jetzt zutiefst reut. Doch welcher Mut gehört dazu, von der Vertretung von etwa 0,2 Prozent der Bevölkerung kritisiert zu werden? Joseph Schuster hat nur die Kraft des Wortes und des Arguments. Er kann appellieren, kritisieren, sich einmischen. Was aber bei anderen als legitime demokratische Teilhabe gewürdigt wird, gilt bei Juden rasch als sinistre Lobby-Arbeit.
Es entbehrt nicht einer gewissen politischen Komik, dass ausgerechnet Claudia Roth, die einst als Managerin der Band »Ton, Steine, Scherben« den Sound der Rebellion liebte, so sehr vor der Debatte zurückschreckt. Die einzige Macht, die »der Zentralrat«, sprich »die Juden« haben, ist eine moralische. Sie speist sich aus der eigenen Ethik und kollidiert mit dem selbstgerechten Selbstbild aufrechter Linker, die den eigenen Eltern und Großeltern Auschwitz vorwerfen und deshalb überzeugt sind, selbst erhaben zu sein über jeden Antisemitismusverdacht.
Sie habe das Gefühl gehabt, dass ihr »alles weggenommen« werde, was ihr politisches Leben bestimmt habe. Statt Dankbarkeit der Juden hagelte es Kritik, statt Applaus für sensible »Nie Wieder«-Reden bekam sie Pfiffe jüdischer Jugendlicher beim Jewrovision-Musikfestival. Ausgerecht ihr, die sich in der Musik- und Kulturszene und bei jungen Leuten doch so heimisch fühlen will. Dabei hatte sie sich, wie wir nun wissen, so viel Zurückhaltung auferlegt, so viel Rücksichtnahme, so viel Hemmungen. Nur: was hätte sie eigentlich sagen wollen? Was will da raus und darf nicht?
Freunde im Ausland raten ihr, sich endlich der Last der Erinnerung und der Schuld der Geschichte zu entledigen. Das sagt sie tatsächlich so und merkt nicht, dass dies der Sound des Björn-Schuldkult-Höcke und Alexander-Vogelschiss-Gauland ist. Die sitzen feixend in der Kulisse und summen den Refrain: »Der Jude ist an allem schuld. An allem ist der Jude schuld.«
Schon Dieter Kunzelmann, der Organisator des Bombenanschlags auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin - ausgerechnet am 9. November 1969 - und spätere Abgeordnete der Alternativen Liste, dem Vorläufer der Grünen im Berliner Landesparlament forderte, die deutsche Linke müsse sich von ihrem »Judenknax« befreien. Er ist 2018 gestorben und hat nicht mehr erlebt, wie erfolgreich diese Befreiung inzwischen gelungen ist. »Free Palestine from German Guilt« - das hätte ihm gefallen und fraglos wäre er jetzt im Gespräch für einen Senatorenposten.
Was mit dem Erstarken der Realo-Grünen von Joschka Fischer bis Robert Habeck vorbei zu sein schien, ist plötzlich wieder angesagt. Wer jung und erfolgreich sein will, stimmt in den antizionistischen Chor ein. Damit gewinnt man Wahlen und Anhänger. Je mehr es sagen, umso überflüssiger werden Fakten und Argumente. Das ist der eigentliche Skandal des öffentlichen Widerrufs der Claudia Roth. Ihr liegen ja jetzt keine Erkenntnisse vor, die sie 2024 nicht gehabt hätte. Sie hält aber offenkundig abermals dem Druck nicht stand – diesmal dem Urteil der linken Weltgemeinschaft, die keine Zweifel am Schuldspruch »Genozid« duldet.
Es gibt einen regelrechten internationalen Überbietungswettbewerb des Israel- und Judenhasses, der immer hemmungslosere Formen annimmt. In Philadelphia etwa wurde am Vorabend der Pogromnacht zu einem »Boycott Ride« zu jüdischen Geschäften in der Stadt aufgerufen unter dem Motto »These Zionists must go«.
Den traurigen Höhepunkt aber markiert einmal mehr die UN-Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese. Bei ihrem Auftritt im irischen Parlament warf sie Israel allen Ernstes vor, Kinder zu foltern und Gefangene mit Hunden zu vergewaltigen. Und keiner der Anwesenden verlangteBeweise für diese ungeheuerliche Behauptung. Stattdessen gab es Dank und Applaus für ihre unbeirrbare Haltung.
Davon ist Claudia Roth meilenweit entfernt. Sie hat lange gezögert, war nicht textsicher, aber jetzt meldet sie sich mit bebender Stimme und singt ungelenk mit. Sie geißelt im Podcast »Jung & Naiv« die »faschistischen Züge« Israels und benennt den gerade von den Wählern abgestraften Minister auf Abruf, Itamar Ben Gvir, als Kronzeugen für den Apartheid-Vorwurf. Den grandiosen Wahlerfolg der arabischen Parteien würdigt sie mit keinem Wort, ebenso wenig die israelische Zivilgesellschaft, die mit einer Leidenschaft die Demokratie verteidigt, von der man in Deutschland nur träumen kann. Warum nicht? Claudia Roth ist weder jung noch naiv.
Und so bleibt am Ende der Geschichte ein nicht ganz abwegiger Verdacht: Wird sich das Bekennervideo in ihren Bewerbungsunterlagen für den Posten der Kultursenatorin in Berlin wiederfinden? Die Mehrheit der Kulturschaffenden wäre von diesem Comeback entzückt.
Der Autor ist freier Journalist und Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille.