Herr Dekel, die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat im Podcast »Jung & Naiv« den »unfassbaren Druck« des Zentralrats der Juden beklagt und über eine angebliche Kampagne gegen sie beim Musikfestival Jewrovision. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie diese Aussagen gehört haben?
Bei der Jewrovision 2023, auf der Frau Roth unter anderem wegen ihres Handlings der documenta fifteen ausgepfiffen wurde, war ich dabei. Es war meine erste bundesweite Veranstaltung. Die JSUD rief damals dazu auf, den Raum zu verlassen, wenn Frau Roth ihn betritt. Ich fand es beeindruckend, dass junge deutsche Juden es sich nach der documenta nicht mehr gefallen lassen wollten, dass Antisemitismus im Kulturbereich einfach hingenommen wird. Später gab es dann eine Debatte, in der Roth zu einer Art »Über-Antisemitin« stilisiert wurde. Das fand ich damals reichlich übertrieben. Ich dachte, dass sie zwar keine verlässliche Partnerin für uns, aber sicher auch keine Antisemitin. Seit ihrem Interview vom Mittwoch bin ich mir aber nicht mehr so sicher …
Was an Roths Aussagen hat Sie besonders befremdet?
Sie raunt da von der vermeintlichen Macht des Zentralrats der Juden über die deutsche Politik. Das bedient uralte antisemitische Verschwörungserzählungen. Da frage ich mich, ob sie womöglich selbst antisemitische Ressentiments hat. Krass ist auch, dass sie indirekt, auf dem Umweg über ihre ausländischen Freunde, suggeriert, man müsse sich von der »deutschen Schuld« befreien, um offen Israel kritisieren zu können. In einer Zeit, in der der Antisemitismus auf einem Allzeithoch ist, sind solche Narrative einfach schockierend. Das alles lässt tief blicken und lehrt uns einiges zum damaligen Verhalten Roths und ihren Umgang mit dem documenta-Skandal. Klar ist: Beim israelbezogenen Antisemitismus hat sie eine Leerstelle.
Aber können Sie nicht ein Stück weit nachvollziehen, dass sie als Kulturstaatsministerin unter großem öffentlichen Druck stand? Die Kritik an ihr war ja sehr hart.
Ich kann verstehen, dass sie das heute so darstellt. Aber wenn das wirklich ihre Haltung ist, hätte man sie niemals in ein so wichtiges Amt berufen dürfen. Darin sehe ich im Nachhinein ein Versagen der Ampel-Regierung.
Wie geht es nun weiter? Was fordern Sie konkret?
Wir als JSUD fordern, dass sich Claudia Roth für diese Aussagen öffentlich entschuldigt. Und wir verlangen, dass sich die Grünen-Spitze von ihr distanziert. Ich habe bisher keine grüne Stimme gehört, die das getan hätte. Das ist auch eine Ansage. Nur zur Erinnerung: Als wir vor einigen Wochen dem AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider den Zugang zur Synagoge in Halle versperrten, wurde das Thema schnell auch von den Grünen hochgezogen, ja sogar instrumentalisiert. Von Grünen-Politikern wurden Videos und Fotos auf Instagram verbreitet. Aber jetzt ist da nur Schweigen.
Werfen Sie der Partei Opportunismus vor?
Die Bekämpfung von Antisemitismus bringt nichts, wenn sie nur dann geschieht, wenn es politisch opportun ist. Auf eine solche Solidarität können wir gerne verzichten.
Haben nicht alle Parteien, auch die demokratischen, beim Kampf gegen Antisemitismus bestimmte blinde Flecken?
Leider ja. Sie betonen zwar stets, beim Schutz jüdischen Lebens konsequent zu sein und sich unverbrüchlich an die Seite der jüdischen Gemeinschaft zu stellen. Aber acht Jahrzehnte nach dem Holocaust sollten sie sich mal eingestehen, dass sie dem eigenen Anspruch nicht gerecht werden. Es ist doch einfach, den Antisemitismus der anderen anzuprangern. Spannend wird es, wenn es um den Umgang mit Ressentiments in den eigenen Reihen geht. Also konkret auf Bündnis90/Die Grünen bezogen: Die sollten nicht zuerst auf den Antisemitismus der CDU schauen, sondern sich an die eigene Nase fassen und etwas zu Claudia Roth sagen. Mit etwas Selbstkritik und Ehrlichkeit wäre uns mehr geholfen.
Ist mit Claudia Roth für Sie ein Dialog noch möglich?
Man muss klar sagen: Einiges von dem, was sie formuliert hat, war schlicht AfD-Sprech, das Narrativ von der »Schuld« zum Beispiel. Dass so etwas von einer progressiven Politikerin kommt, ist doppelt schlimm, denn ohne es zu wollen, macht sie so die AfD-Rhetorik im linken Milieu salonfähig. Das ist wahnsinnig gefährlich. Ich zweifle mittlerweile ernsthaft daran, dass Frau Roth es ernst meint, wenn sie sagt, sie setze sich konsequent gegen jede Form von Antisemitismus ein.

In ein paar Tagen, am 9. November, steht wieder ein Gedenktag an, an dem wohl das »Nie wieder« beschworen werden wird. Welche Gefühle löst das bei Ihnen aus?
Wir kritisieren seit Langem die Unehrlichkeit im Gedenken. Mich schaudert es, wenn ich daran denke, bald wieder zahlreiche deutsche Politikerinnen und Politiker mit einem »We Remember«-Schild zu sehen. Es ist zwar wichtig und richtig, der toten Juden zu gedenken. Aber wenn man es nicht hinkriegt, die lebenden konsequent zu schützen, ist das nicht viel wert. Sich am 9. November betreten hinzustellen und den Rest des Jahres nicht viel gegen Antisemitismus zu tun, darauf können wir verzichten.
Mit dem Präsidenten der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) sprach Michael Thaidigsmann.