Frankfurt am Main

Trotz Warnungen der jüdischen Gemeinde: Comedian tritt in Frankfurt auf

Frankfurt am Main Foto: imago images/Norbert Neetz

Die Mahnungen der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, des hessischen Antisemitismusbeauftragten und der Linken- sowie SPD-Fraktion im Frankfurter Römer scheinen keine Wirkung gezeigt zu haben: An diesem Freitag, den 6. November 2026 wird Comedian Nikolai Binner allem Anschein nach in Frankfurt auftreten. Laut seiner Webseite ist die Show sogar ausverkauft.

Der Comedian macht rechtsextreme Provokationen zum Programm. In seinem Webshop kann man unter anderem T-Shirts zur »Rehmigration« oder mit der in antisemitischen Verschwörungskreisen verwendeten Kraken-Symbolik kaufen.

Schoa-Verharmlosung und Witze über Juden

Der schwerwiegenste Vorwurf: Binner teilte ein KI-generiertes Video, das inzwischen nicht mehr aufrufbar ist. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung soll es unter anderem den Schriftzug 271 über dem Eingangstor des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gezeigt haben – der Code wird in geschichtsrevisionistischen Kreisen dazu missbraucht, die Zahl der Holocaustopfer infrage zu stellen. Binner lud außerdem selbst einen Clip von einem seiner Auftritte hoch, bei dem sich ein Zuschauer aus dem Publikum als Jude vorstellt. Nachdem ein Raunen durch den Saal geht, »scherzt« Binner: »Schließt die Türen ab Leute!« und macht ein Geräusch von ausströmendem Gas nach. Später fragte er ihn, wie sein Finanzleben laufe.

Die Debatte, welche Verantwortung die öffentliche Hand trägt, wenn Veranstaltungsräume für Künstler mit solchen Inhalten vermietet werden, hatte sich in Frankfurt in den letzten Wochen zugespitzt.

Linke forderte Absage

Bereits Anfang Oktober positionierte sich die Linksfraktion im Frankfurter Römer gegen Binner. Sie forderte die städtische Saalbau auf, den Mietvertrag zu kündigen. Zur Begründung verwies die Fraktion auf antisemitische, rassistische und sexistische Inhalte in seinen Bühnenauftritten und sozialen Medien.

Am 14. Oktober schlossen sich elf SPD-Arbeitsgemeinschaften aus Frankfurt und Südhessen der Forderung an. Sie verlangten, sämtliche rechtliche Möglichkeiten zur Absage auszuschöpfen. Wer durch rassistische Hetze, antisemitische Chiffren und queerfeindliche Agitation auffalle, dürfe keine Bühne in städtischen Liegenschaften erhalten, hieß es damals.

Neben der Absage des konkreten Auftritts verlangten die SPD-Gruppen verbindliche Prüfverfahren für künftige Vermietungen, rechtssichere Kündigungsklauseln und einen Verhaltenskodex für öffentliche Veranstaltungsräume.

Jüdische Gemeinde zog klare Grenze

Am 15. Oktober veröffentlichte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main eine deutliche Stellungnahme. »Antisemitismus und die Verharmlosung der Schoa dürfen in Frankfurt keinen Platz haben, weder auf der Straße noch als Satire getarnt auf der Bühne«, erklärte die Gemeinde.

Videos, Auftritte und Merchandise-Produkte Binners zeigten nach Einschätzung des Gemeindevorstands eine bewusste Relativierung des Holocaust sowie antisemitische und geschichtsrevisionistische Narrative. Die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden sei weder ein Mittel der Unterhaltung noch durch den Verweis auf Satire oder Meinungsfreiheit zu rechtfertigen, hieß es.

Die Gemeinde verlangte von städtischen und stadtnahen Einrichtungen klare, inhaltlich orientierte Richtlinien für die Vermietung öffentlicher Veranstaltungsorte. Die öffentliche Hand dürfe keine Bühne für Antisemitismus, Rassismus oder andere Formen der Ausgrenzung bieten.

Auch Hessens Antisemitismusbeauftragter wollte Absage

Eine Woche später forderte Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker ebenfalls die Absage des geplanten Auftritts.

Die städtische ABG Frankfurt Holding, zu der die Saalbau gehört, sah jedoch rechtliche Schwierigkeiten bei einer Kündigung des bestehenden Mietvertrags. Geschäftsführer Frank Junker verwies auf die möglichen juristischen Folgen eines solchen Schrittes.

Die Debatte führte zu einer grundsätzlichen Überprüfung der bisherigen Vermietungspraxis. Der Magistrat wolle nun gemeinsam mit der ABG nach Möglichkeiten suchen, Anmietungsabsichten mit potenziell extremistischer Zielsetzung frühzeitiger zu erkennen. Auch ein verbindlicher Code of Conduct für die Saalbau wird diskutiert. Für die Jüdische Gemeinde ist entscheidend, dass aus diesen Ankündigungen konkrete Maßnahmen entstehen.

Für den 6. November scheint die Bühne für Nikolai Binner frei. Allein ein Bürgerbündnis hat eine Protestkundgebung vor der Stadthalle Bergen angekündigt. ja

Nachruf

Trauer um Hubert Aiwanger

Der Freie-Wähler-Chef, bayerische Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister starb im Alter von 55 Jahren in einem Berliner Hotel

von Frederick Mersi  04.11.2026

Berlin

Antisemitische Schmierereien auf Skulpturen im Berliner Tiergarten

Der polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

 04.11.2026

Brasilien

Kein Freund Israels

Nach dem überraschenden Wahlsieg des linken Präsidenten Lula gibt sich die jüdische Gemeinde des Landes dennoch zuversichtlich

von Andreas Knobloch  04.11.2026

Berlin

Rot-grün-rote Koalitionsverhandlungen bis Januar

Linke, Grüne und SPD wollen erst im nächsten Jahr einen Koalitionsvertrag vorlegen. Und dann folgt noch ein Zwischenschritt

 04.11.2026

Koalitionsverhandlungen

Klingbeil fordert Linke auf, antisemitische Politiker rauszuwerfen

Bisher hat sich der SPD-Chef zurückgehalten, was die Berliner Koalitionsverhandlungen angeht. Jetzt macht er klar, was er von der Linken erwartet

 04.11.2026

USA

»Viele jüdische Wähler haben mit zugehaltener Nase abgestimmt«

Der jüdische Rechtsanwalt und Historiker Michael Traison über den Erdrutschsieg der Demokraten bei den Midterms und die möglichen Folgen für Amerikas Beziehungen zu Israel

von Michael Thaidigsmann  04.11.2026

Midterm-Wahlen

Iran erfreut über Trumps Wahlniederlage

Nach der Wahlniederlage der Republikaner in den USA meldet sich die iranische Spitze. Auch vom obersten Führer Modschtaba Chamenei werden Worte veröffentlicht

 04.11.2026

Meinung

Her mit den Inhalten!

Ayala Goldmann freut sich über die Eröffnung der Jüdischen Akademie in Frankfurt und ist gespannt auf das Programm

von Ayala Goldmann  04.11.2026

Sachsen-Anhalt

Linke überlegt, Gegenkandidatin gegen Ulrich Siegmund aufstellen

Der AfD-Politiker Ulrich Siegmund will im Dezember Ministerpräsident werden, doch ihm fehlen drei Stimmen für eine Mehrheit. Die Linke prüft, ob sie eine eigene Kandidatin ins Rennen schickt.

 04.11.2026