Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Trügt der Schein? Die Harmonie zwischen US-Präsident Trump und Premier Netanjahu steht auf dem Prüfstein. Foto: picture alliance/AP Photo

US-Präsident Donald Trump hat erklärt, dass die US-amerikanische Militärhilfe für Israel bis Ende dieses Jahres eingestellt werden soll. Welche Folgen hätte es für Israel, wenn dies tatsächlich geschieht?
Nun, derzeit beläuft sich die US-Hilfe für Israel auf etwa zwei Drittel eines Prozents der gesamten israelischen Wirtschaftsleistung. Kann Israel also ohne die finanzielle Unterstützung in Höhe von 3,8 Milliarden Dollar pro Jahr auskommen? Ja, das kann es. Es würde jedoch bedeuten, dass im Haushalt weniger Mittel für andere Bereiche zur Verfügung stünden, was die internen Konflikte in Israel verschärfen könnte.

Es könnte zudem Auswirkungen auf in den USA ansässige Unternehmen haben. Israel nutzt die Hilfsgelder, um Waffen und militärische Systeme zu bezahlen, die von amerikanischen Unternehmen hergestellt werden – Unternehmen, die wiederum Steuern in den Vereinigten Staaten zahlen. Andererseits könnte es auch sein, dass Israel die gleichen Mengen weiterhin beschafft und stattdessen an anderer Stelle Kürzungen vornimmt.

Wie abhängig ist das israelische Militär von amerikanischer Finanzierung – insbesondere im Hinblick auf die Beschaffung von Waffen, Munition und das Aufrechthalten seiner militärischen Fähigkeiten?
Israel bezieht etwa 80 Prozent seiner gesamten militärischen Ausrüstung und Munition aus den Vereinigten Staaten. Die USA sind die mit Abstand verlässlichste Quelle für militärische Ausrüstung, die Israel je hatte oder haben könnte. Zwar kann Israel einen Teil seines Bedarfs selbst decken, doch ist es unmöglich, die gesamten Lieferungen aus den USA durch eigene Produktion zu ersetzen. Auch eine massive Ausweitung der eigenen Rüstungsexporte würde hierfür nicht ausreichen – Israel ist bereits jetzt der weltweit fünftgrößte Waffenexporteur. Zudem ist ein Großteil der israelischen Militärtechnologie eng mit amerikanischer Militärtechnologie verzahnt.

Könnte Israel den Wegfall der amerikanischen Militärhilfe aus eigenen Mitteln kompensieren?
Finanziell wäre eine Kompensation zwar möglich, doch sollte Amerika die Waffenlieferungen oder die militärische Zusammenarbeit mit Israel einstellen, würde dies ein weitaus schwerwiegenderes Problem darstellen.

Spiegelt die Debatte über das Ende der Militärhilfe einen grundlegenden Wandel in den Beziehungen zwischen den USA und Israel wider?
Ja, das tut es. Aber entgegen Netanjahus Darstellungen war für alle Beteiligten klar: Weder die Demokraten noch die Republikaner sind bereit, die Unterstützung für Israel in bisheriger Form fortzusetzen. Es handelt sich also nicht gerade um eine israelische Initiative, auch wenn Netanjahu sie gerne als solche darstellt.

Wie würde sich ein Ende der amerikanischen Militärhilfe auf Israels Fähigkeit auswirken, seinen militärischen Vorsprung in der Region zu wahren – gerade in einer Zeit wo von vielen Fronten Bedrohungen ausgehen?
An sich ist es nicht zwangsläufig eine Katastrophe. Der eigentliche Punkt ist die weitergehende Integration der militärischen Systementwicklung zwischen den USA und Israel, die über den bereits bestehenden Stand hinausgeht. Die Einbindung Israels in das amerikanische Militärkommando im Nahen Osten, CENTCOM – an der Seite weiterer arabischer Verbündeter der USA –, ist ebenfalls von großer Bedeutung.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Vereinigten Staaten nicht ersetzt werden können. Sollten sie sich weltweit oder im Nahen Osten zurückziehen, wird das entstehende Vakuum mit Sicherheit durch etwas Negatives gefüllt werden.

Israel ist womöglich Amerikas aktivster und effektivster militärischer Verbündeter weltweit. Doch wenn die USA diese Beziehung nicht als in ihrem eigenen Interesse liegend betrachten, spielt das keine Rolle. Genau das sind die entscheidenden Punkte.

Zudem stieg die Unterstützung in Notfällen oder während langwieriger Konflikte, wie etwa im Gazakrieg, im Jahr 2024 auf über 18 Milliarden US-Dollar an, und das entspricht bereits dreieinhalb bis vier Prozent der israelischen Wirtschaftsleistung. Man kann sich also vorstellen, welche haushaltspolitischen Folgen es hätte, wenn diese Mittel wegfielen. Es könnte so sehr schwierig werden, einen lang andauernden militärischen Einsatz aufrechtzuerhalten. Die Kosten für die israelische Wirtschaft könnten die Bereitschaft der Gesellschaft, diese Lasten weiterhin zu tragen, verringern – oder die israelische Wirtschaft so stark schwächen, dass sie sich nur sehr langsam wieder erholen könnte.

Über Jahrzehnte hinweg war die Unterstützung für Israel in Washington ein weitgehend parteiübergreifender Konsens. Wie gravierend ist die Erosion dabei, vor allem bei Demokraten und jüngeren Generationen von US-Amerikanern?
Es lässt sich zweifellos sagen, dass der parteiübergreifende Konsens in Amerika verschwunden ist. Die Demokraten stehen Israel mehrheitlich feindselig gegenüber. Eine andere, gemäßigtere israelische Regierung – ohne Persönlichkeiten wie Ben-Gvir, Smotrich und Netanjahu – würde meiner Einschätzung nach jedoch die Unterstützung der Demokraten, die über 45 sind, zurückgewinnen. Sie stehen Israel grundsätzlich positiv gegenüber, lehnen lediglich die aktuelle Regierung in Jerusalem ab. Junge Demokraten hingegen sind liberaler, friedensorientierter und säkularer eingestellt als je zuvor. Gleichzeitig hatte Israel im letzten Jahrzehnt die am weitesten rechtsstehende, konservativste, konfrontativste und religiöseste Regierung seiner Geschichte. Infolgedessen verbinden junge Demokraten Israel mit Werten, die ihren eigenen diametral entgegenstehen. Zudem assoziieren sie Israel mit den Republikanern – und das in einer Zeit, in der die gegenseitige Feindseligkeit zwischen Republikanern und Demokraten ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat. Sie hat sich, etwa im Vergleich des Zeitraums 1995–2000 mit dem Jahr 2015, mehr als verdoppelt. Mittlerweile hegt eine Mehrheit der Menschen tatsächlich Hass auf die jeweils andere Seite.

Netanjahu und Trump pflegen eine bemerkenswert enge persönliche Beziehung, auf die beide oft hinweisen. Welchen Einfluss hat der israelische Premier tatsächlich auf Trump und auf die amerikanische Politik?
Wenn Sie die Beziehung zwischen Netanjahu und Trump als bemerkenswert eng beschreiben, würde ich sie mit dem Verhältnis zwischen zwei Mafia-Bossen vergleichen. Sie machen einander Geschenke, doch im Grunde geht es immer um Geschäfte. Netanjahu hat Einfluss auf Trump, weil er Zugang zu ihm hat. In Mar-a-Lago hatte er abseits der professionellen Bürokratie Zugang zu Trump und konnte stundenlang Zeit mit ihm verbringen. Ja, er hat also durchaus Einfluss. Doch Trump tut, was Trump will – und er handelt nicht immer so, wie Netanjahu es sich wünscht. Manchmal kommt er Netanjahus Wünschen entgegen, weil er glaubt, dass ihre Interessen übereinstimmen. Wenn er jedoch der Ansicht ist, dass dies nicht der Fall ist, lässt er es bleiben. Netanjahu verfügt also über Einfluss, doch dieser ist nicht beständig. Er hängt von Trump ab und davon, wie dieser die Dinge betrachtet.

Hat Netanjahu zu viel aufs Spiel gesetzt und übersehen, dass das Bündnis auf gemeinsamen Interessen beruhen sollte und nicht auf der Freundschaft zwischen zwei Politikern?
Meiner Ansicht nach hat Netanjahus Entscheidung, in der amerikanischen Politik Partei zu ergreifen – angefangen beim Iran-Abkommen im Jahr 2015 –, erhebliche und dauerhafte Auswirkungen auf den parteiübergreifenden Konsens in den USA gehabt. Er hat dazu beigetragen, diesen zu zerstören.

Aber es ist nicht der einzige Faktor, der den parteiübergreifenden Konsens untergraben hat. Es gibt in der amerikanischen Politik auch Entwicklungen, die nichts mit Israel zu tun haben. Doch dadurch, dass Netanjahu eine Regierung anführt, der auch rechtsextreme Kräfte mit rassistischen Tendenzen angehören, und weil er sich so eng an Trump gebunden hat, hat er es den antizionistischen Gegnern Israels innerhalb der Demokratischen Partei sehr leicht gemacht, eine umfassendere Kritik gegen Israel zu formulieren.

In Bezug auf den Iran: Verfolgen Washington und Jerusalem noch immer dieselben strategischen Ziele oder beginnen ihre Interessen auseinanderzudriften?
Auch bei jüngeren Republikanern schwindet die Sympathie für Israel, was vor allem daran liegt, dass sie einen Krieg gegen den Iran nicht im amerikanischen Interesse sehen. Sollte ein solcher Krieg am Ende jedoch als Erfolg wahrgenommen werden, könnte sich ihre Haltung ändern. Doch derzeit gibt es – obwohl eine Mehrheit nach wie vor zu Israel steht – zunehmend das Gefühl, dass die Interessen Israels und die Interessen Amerikas nicht miteinander übereinstimmen. Dies zeigt sich etwa beim Vizepräsidenten JD Vance und – in weitaus stärkerem und extremerem Maße – bei Tucker Carlson, der ganz offensichtlich antisemitisch eingestellt ist.

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Wenn man fünf oder zehn Jahre in die Zukunft blickt: Wie sollte sich Israel auf eine Zeit vorbereiten, in der Trump nicht mehr im Weißen Haus sitzt und die amerikanische Politik gegenüber Israel ganz anders aussehen könnte?
Man sollte nicht fünf Jahre in die Zukunft blicken, sondern eher zwei. Israel hat den Vorteil, dass es so eng wie nie zuvor in die Sicherheitsstrategie und Infrastruktur der Vereinigten Staaten im Nahen Osten eingebunden ist. Das bedeutet, dass es innerhalb des amerikanischen Militärs zahlreiche Fürsprecher haben wird – denn alles, was Israel selbst leisten kann, ist eine Aufgabe weniger, die Amerika übernehmen muss. Es fällt durchaus ins Gewicht, wenn bei einer Bedrohung durch den Iran 100 oder 200 israelische Flugzeuge in der Luft sind. Doch die Möglichkeiten Israels ohne die Vereinigten Staaten sind begrenzt.

Diplomatisch, strategisch und – im Ernstfall – auch wirtschaftlich ist Israel zwingend auf die USA angewiesen. Ohne diese Unterstützung würde Israel ein völlig anderes Gesicht zeigen: Es wäre deutlich schwächer, ärmer und weit weniger in der Lage, für sich selbst zu sorgen.

Doch es ist noch nicht alles verloren. Eine eher zentristisch ausgerichtete Regierung in Israel könnte zwar die Zeit nicht um zehn Jahre zurückdrehen, aber sie wäre möglicherweise in der Lage, einige der negativen Einstellungen gegenüber Israel, etwa bei älteren Demokraten und Republikanern, wie ich bereits erwähnte, wieder abzumildern. Sollte es einer solchen Regierung gelingen, diesen Kurs zu festigen, könnte sie im Gazastreifen gemeinsam mit einer reformierten Palästinensischen Autonomiebehörde vorankommen und womöglich ein Abkommen mit Saudi-Arabien über dessen Beitritt zu den Abraham-Abkommen erzielen. Das würde neue Chancen eröffnen.

Eine weitere Möglichkeit wäre die Bildung einer Einheitsregierung, der auch Mansour Abbas von der Ra’am-Partei angehört. Ich behaupte nicht, dass dies wahrscheinlich ist, aber es wäre eine großartige Gelegenheit für Israel, sein Image zu wandeln und das Narrativ, das von Israels antizionistischen Gegnern verbreitet wird, zu erschweren. Es könnte wirklich sehr viel bewirken.

Mit dem Politikwissenschaftler an der Bar-Ilan-Universität in Israel sprach Sabine Brandes.

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