Der Morgen des 1. November wird in meine persönliche Geschichte eingehen. Genau um 10 Uhr und 20 Minuten habe ich es getan: Ich habe zum ersten Mal widersprochen. In Israel. In Herzlia Pituach. Das will etwas heißen, denn als Berlinerin, deren Hebräisch bestenfalls semi-gut ist, habe ich eigentlich schon vor dem ersten Wortwechsel verloren.
Geschimpft, lamentiert, gezetert habe ich bereits etliche Male. Busfahrer, der Wolt-Lieferservice, Taxifahrer, Verrückte auf ihren E-Bikes, die Liste meiner »Erzfeinde« ist vielfältig und lang.
Aber am 1. November um 10 Uhr 15 hupte mich keiner an, niemand überholte mich rechts oder drängelte sich in eine nicht vorhandene Lücke im Verkehr. Nur hin und wieder ein Ächzen, unterbrochen von den Erklärungen meiner Pilates-Trainerin für die nächste Übung.
Orly kam wie immer 20 Minuten zu spät. Seit vielen Jahren trainiere ich in diesem Studio, noch nie war Orly pünktlich. Die Stunde – netto Sportzeit 55 Minuten – kostet 80 Schekel, davon verplempert Orly regelmäßig 20. Keiner weiß, warum. Irgendwann trudelt sie ein, legt ihre Handtasche auf die Bank, das Telefon neben den Reformer (es klingelt mindestens ein Mal in den verbleibenden 35 Minuten, aber das ist eine andere Geschichte). Sie macht es uns gleich und geht in die Plank Position.
An diesem Montagmorgen sprudelt es in einer kurzen Verschnaufpause aus mir heraus. Ich erzähle, wie meine Familie und ich am Abend zuvor in den Halloween-Strudel unserer Nachbarschaft gezogen worden sind. Etliche Hauseingänge waren herrlich gespenstisch dekoriert, ich tanzte auf der Straße zu »Thriller« von Michael Jackson und erschreckte vorbeiziehende Skelette, Vampire und Monster mit »Buuuum!«.

Eine Familie aus dem Haus neben unserem lockte uns bis in ihre Küche, wo in Töpfen abgetrennte Köpfe brodelten. Natürlich alles aus Plastik und Gummi und herrlich unblutig und dafür umso lustiger. Ich erzählte den Frauen in meinem Pilates-Kurs, wie sehr mein Herz hüpfte, weil ich sonst so viele Nachbarn auf einmal immer nur sehe, wenn Sirenen uns in die Schutzräume schicken.
»Ich finde das gar nicht gut, dass du Halloween feierst«, empörte sich in diesem Augenblick Orly. »Diese christliche Tradition verwässert unser Judentum und führt am Ende dazu, dass unsere Kinder nicht mehr wissen, wer sie sind!«
Niemand sagte etwas. Aber in mir köchelte es, und definitiv nicht der brennenden Bauchmuskeln wegen. Denn erstens ist Halloween in etwa so christlich, wie der Valentinstag buddhistisch ist – nämlich gar nicht. Natürlich hatte oder hat diese letzte Nacht im Oktober eine religiöse Herkunftsgeschichte. Aber vor allem ist sie DAS Event für die Kürbisindustrie, gleich gefolgt von der Zucker- und Kostümbranche. Ich nahm also all meinen Mut zusammen und widersprach: »Weißt du, Orly, wenn künstliche Spinnfäden, spukende Geister aus Plastik und Filmblut eine Gefahr für unser Jüdischsein darstellen, dann haben wir definitiv verloren.«
Im Pilates-Studio wurde hörbar gekeucht. Ob aus Zustimmung oder aus Anstrengung habe ich nicht herausgefunden.