Die vorhergesagte blaue Welle ist durch die US-Zwischenwahlen gerauscht. Das Repräsentantenhaus gewinnt mehrere Israel-Kritiker hinzu, darunter auch jüdische. Die Wähler haben der Trump-Regierung eine klare Botschaft gesendet: Schluss mit der Carte Blanche.
Laut Umfragen vor der Wahl werden etwa 70 Prozent der Juden demokratisch gewählt haben; religiös-orthodoxe Gemeinden werden größtenteils die Republikaner unterstützt haben; und jüngere jüdische Wähler werden – wie ihre nichtjüdischen Altersgenossen – Forderungen nach einem radikalen Wandel der Israel-Politik befürworten. US-Juden sind berechenbare Wähler – doch die politische Zugehörigkeit ist komplexer geworden. Jüdische Demokraten und Republikaner erleben seit dem 7. Oktober 2023 und seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit ein Ungleichgewicht. Wenn es um Israel geht, erkennen sie ihre alten Parteien nicht wieder. Liberale Zionisten fühlen sich in den meisten progressiven Kreisen unerwünscht und beraten sich, wie sie die Demokraten noch unterstützen können. Konservative beobachten, wie sich die Republikaner von der bedingungslosen Unterstützung Israels abwenden.
Am Wahltag selbst erfuhren wir, dass die USA erneut Iran bombardiert haben und dass Amerika seine jährliche Unterstützung für Israel in Höhe von vier Milliarden Dollar einstellen wird. Diese Entscheidung sei, so Trump, gemeinsam mit Israels Premier Benjamin Netanjahu getroffen worden. Wie praktisch! Amerikanische Wähler sind zunehmend frustriert über die traditionelle Unterstützung des Landes für den jüdischen Staat. Vielleicht war es ein kluger Schachzug, die neuen Angriffe auf den Iran – einen Krieg, der bei den meisten Wählern äußerst unpopulär ist – mit der Ankündigung zu verbinden, dass Israel finanziell auf sich allein gestellt sein wird – etwas, das sowohl Demokraten als auch Republikaner zu befürworten scheinen.
Apropos ungewöhnliche Allianzen: Nur wenige Tage vor der Wahl gab es eine überraschende Wendung, als die demokratische Kongressabgeordnete Haley Stevens aus Michigan das Undenkbare tat: Sie sprach sich für den republikanischen Kandidaten Mike Rogers für den Senatssitz aus und ließ den Demokraten Abdul El-Sayed fallen, unter anderem wegen dessen Verbindung zum antiisraelischen Moderator Hasan Piker.
El-Sayed wurde als Favorit für die Wahl prognostiziert. Doch Stevens’ Bereitschaft, sich gegen ihre eigene Partei zu stellen – was den Unmut gemäßigter Demokraten hervorrief – könnte ein Vorbote zukünftiger Entwicklungen sein, in denen tief empfundene Werte parteipolitische Loyalitäten in den Schatten stellen.
Die Autorin ist Deutschland-Korrespondentin der Jewish Telegraphic Agency (JTA).